So könnte ein per Glasfasern vernetztes Haus im Jahr 2015 aussehen: Via Internet diskutieren die Nutzer von London aus Baupläne mit ihrem Architekten in Italien. Automatische Übersetzungsdienste sind in diesem Next Generation Network ebenso selbstverständlich wie eine sichere, schnelle und zuverlässige Datenübertragung. Ein zugeschalteter Software-Agent (rechts im Bild) liefert Antworten auf schwierige Fragen
So, das war der letzte kalte Nieselregen für uns. Wir werden London verlassen. 27 Jahre, nachdem ich von Liverpool gekommen bin und IntrAcoustics gegründet habe – meine Firma, die per Funk vernetzte akustische Diagnosesysteme in Mikrotechnik produziert –, ist es soweit: Unsere Töchter übernehmen die Firma, wir ziehen in die Toskana. Genauer: auf einen Hügel bei Siena. Vor einem Jahr beauftragte meine Frau Sally ihren Makler (einen Software-Agenten namens Mel, den sie ihrem Schwarm in jungen Jahren, Mel Gibson, nachempfunden hatte), nach Baugelände zu suchen, und Heureka! Einen ganzen Hügel haben wir gefunden, inklusive einer verlassenen Ziegelbrennerei: il Tegolaio. Es war kein Problem, die Baugenehmigung für eine "Renovierung" zu bekommen. Mel trieb den Besitzer auf – ein Büro der katholischen Kirche, das gerade erst online gegangen war – und handelte einen Vertrag aus, mit dem ich nun den gesamten Kaufpreis als Spende abschreiben kann. Gar nicht so schlecht für jemanden, der an der Uni nach einem Semester Italienisch aufgegeben hat, was?
Virtuell hatten wir den Hügel schon zigmal bestiegen, waren dann aber auch ein paar Mal persönlich dort. Den ganzen Verwaltungskram und viele bautechnische Details konnten wir von London aus erledigen. Luigi, unser Architekt, ist nämlich ebenso von High-tech begeistert wie Sally und ich. Vor ein paar Jahren bestellte er sich einen Glasfaseranschluss für zu Hause, mittlerweile arbeitet er nur noch von dort aus. Das war nur ein Jahr, nachdem wir unseren Anschluss in London bekommen hatten.
Mit der Verkabelung durch OptiWorld hat sich so einiges geändert. Leute mit Glasfaseranschluss gehen kaum noch ins Büro. Es hat sich sogar ein ganz neuer Markt entwickelt, der Bürowelten für zu Hause oder unterwegs realisiert. Die meisten unserer Freunde haben Wandbildschirme in ihren Arbeits- oder Wohnzimmern. Deren Kombination von nahezu grenzenloser Übertragungskapazität und 3D-Optik vermittelt wirklich das Gefühl, jeweils vor Ort zu sein und sein Gegenüber persönlich zu treffen. Vor fünf Jahren noch undenkbar. Meine pensionierten Kollegen finden das toll, weil sie auf diese Weise mit weltweit verstreuten Freunden gemeinsame Spieleabende veranstalten können – und die Kinder gehen auf einmal gern zur Schule, weil sie auf virtuellen Klassenfahrten das antike Rom oder die Bauten der Azteken besuchen können.
Die Displays, ob sie nun wand- oder handtellergroß sind, sind wie alle Geräte natürlich vernetzt, und da wären wir wieder bei meinem neuen Hobby: dem Bau unseres künftigen Domizils. Sally und ich können gar nicht mehr aufhören, immer wieder die Bilder der zahlreichen Minikameras, die im Haus und an Lichtmasten auf dem Gelände montiert sind, auf unser Wanddisplay zu schalten. Die Kameras sind an Glasfaserkabel angeschlossen – das war eine unserer ersten Maßnahmen in Sachen Baugeländevorbereitung – und bilden ein virtuelles Netzwerk, mit dem wir hervorragende Panoramaansichten unseres künftigen Heims genießen können. Was aber noch wichtiger ist: Mit den Kameras können die Bauroboter präzise Längenmessungen vornehmen und nach exakten Vorgaben Baumaterialien bestellen.
Mein Armbandtelefon kündigt vibrierend einen Bildanruf von Luigi an, was ich daran merke, dass das Display sein Gesichts-Icon zeigt. Mit einer Handbewegung befördere ich das Icon auf den Wandbildschirm, wo sich das Bild öffnet und ich Luigi vor unserem Haus aus seinem Wagen steigen sehe. Auf dem Wanddisplay blinken die Schriftzeilen "Verschlüsselung", "automatische Übersetzung" und "Event-Kompression", und ein dreifaches sanftes Ping ertönt. Dann hören wir Luigis Stimme – Englisch mit feinstem britischen Akzent, obwohl er nur Italienisch spricht. Er schaut auf sein Mobilgerät, das bereits an unser Kommunikationsnetz angeschlossen ist und ein perfektes, hoch auflösendes Bild übermittelt. "Hallo Stuart. Hallo Sally. Ein wunderschöner Tag hier in der Toskana. Leider habe ich ein Problem mit dem verdammten Augmented-Reality-System – wenn ihr meine Ausdrucksweise entschuldigt", flucht er. "Der Provider hat mich informiert, dass immer noch nicht klar ist, ob dieses Next-Generation-System in der Lage ist, alle Wasser- und Elektroleitungen hinter den Wänden zur Wartung automatisch aufzuspüren. Sollen wir also ganz altmodisch Digitaldiagramme von den Rohren und Leitungen erstellen und in die Rechner übertragen? Das wär' ganz schön teuer – aber es würde auf jeden Fall funktionieren."
Die Menge an Daten, die eine einzige Glasfaser transportieren kann, stieg in den letzten Jahren dramatisch an – vor allem dank der Übertragung auf vielen Frequenzen gleichzeitig. Die möglichen Anwendungen reichen vom gemeinsamen Arbeiten via Internet über "Kino nach Wunsch" bis zur wirklichkeitsnahen Darstellung weit entfernter Personen (Telepräsenz) 80 Gbit entsprechen etwa einer heute gängigen Festplatte (10 Gbyte)
"Wie teuer?", will ich wissen. "Und brauchen wir nicht die digitalisierten Daten auf jeden Fall?" Ein großartiger Harfenton kündigt Mels Auftritt an. "Ich habe dir schon den Preisunterschied auf deinen Personal Digital Assistant übertragen", sagt er zu Sally. "Er ist beträchtlich. Was die zweite Frage angeht: Nachdem mich Luigi informiert hat, habe ich Expertenmeinungen über das Augmented-Reality-Unternehmen eingeholt. Ihr könnt für die Kameras ein neues Programm herunterladen, das per Triangulation ein exaktes geographisches Verzeichnis aller Objekte im und ums Haus anlegt. Die notwendige Software wird auf jeden Fall zum Zeitpunkt eures Einzuges zum Download bereitstehen. Ihr braucht also keine digitalisierten Daten." Aus der kleinen Öffnung unter dem Wandbildschirm kommt der Bericht, der Mels Aussage bestätigt.
"Alles klar", sage ich, "nehmen wir die kostengünstige Variante." Luigi, der die italienische Übersetzung von Mels Antwort gehört hat, sieht überrascht, aber erleichtert aus. "Du bist einverstanden?" fragt er mich. "Fein! Dann bekommst du jetzt die Kompressions-Version unseres Gesprächs als V-Mail". Mit einem Ping kündigt sich auch schon die versprochene Video-Mail an. Als das Bild auf die Panoramasicht der Baustelle zurückgeschaltet wird, sehen wir, dass zwei Priester beim Backsteinhaufen neben unserem Gebäude stehen und angeregt diskutieren. "Was wollen denn die beiden da?" frage ich rhetorisch. "Alan?" Sally klingt besorgt, "bist du wirklich absolut sicher, dass du das mit der Spendenquittung richtig verstanden hast?"
Arthur F. Pease