Internet – Netz der Netze
Netz ohne Grenzen
Forscher bei Siemens untersuchen, wie das Internet der nächsten Generation aussehen müsste: ein Netz, das Bewegtbilder und Sprache mit hoher Qualität überträgt, das zugleich automatisch auf hohe Belastungen reagiert, Fehler korrigiert und bei Unterbrechungen neue Wege findet
Auf unsichtbaren Schnellstraßen flitzen sie dahin: Informationshäppchen, die einst Wörter, Texte oder Bilder waren. Je nach Verkehrsaufkommen vergrößert oder verkleinert sich automatisch die Zahl der Spuren auf den Straßen; gibt es irgendwo einen Stau, dann werden die schwerelosen Transportfahrzeuge blitzartig umgeleitet; Lieferwagen, die Wörter oder Bilder befördern, bekommen nach Wunsch Vorfahrt – und bringen ihre Waren zu einem erschwinglichen Preis exakt zum richtigen Zeitpunkt an den vorgegebenen Ort.
So funktioniert das Internet der nächsten Generation, das Next-Generation-Network (NGN) – es ist nichts weniger als das Infrastrukturprojekt des 21. Jahrhunderts. Das NGN wird unser tägliches Leben von Grund auf ändern. In nicht einmal 15 Jahren werden wir zu Hause, im Büro oder Fahrzeug arbeiten können, wo immer wir wollen – an Orten, wo fast jedes Objekt seine eigene Internetadresse hat. Alles, von den Leuchtdioden, die dann unseren Schreibtisch beleuchten bis zu den Cent-großen piezoelektrischen Minimotoren unserer Modelleisenbahnen, wird übers Internet steuerbar sein. Hersteller werden ihre Produkte übers Netz verfolgen, Informationen für Wartung und Reparatur automatisch sammeln, analysieren und ihre Kunden mit Software-Updates versorgen.
Schon in etwa drei Jahren werden wir von jedem PC, Fernseher oder Mobilgerät auf unser persönliches Internetportal zugreifen können – authentifiziert durch unseren Fingerabdruck, eine Sprechprobe oder ein anderes biometrisches Kennzeichen. Je nachdem, was wir für eine Hardware haben und für welche Dienstleistungen wir gerade zahlen wollen, werden wir virtuelle Telekonferenzen abhalten, ein Online-Spiel spielen, an einem Fernseminar teilnehmen oder auch einfach den Film, das Sportereignis, das Buch, den Song oder die Vorlesung unserer Wahl binnen Sekunden aus dem Netz herunterladen.
Telefonate übers Netz. Die meisten Bestandteile des beschriebenen NGN sind entweder bereits in der Entwicklung oder der Testphase. Allen voran die SURPASS-Architektur von Siemens – eine mit Hochdruck vorangetriebene Systemlösung, mit deren Hilfe digitale Sprachsignale in Pakete umgewandelt werden, die für die auf dem Internet-Protokoll (IP) basierenden Datennetze charakteristisch sind (siehe Kasten Begriffe). Das Ergebnis: Mit SURPASS wird Sprache genauso übertragen wie Daten – eine Technologie, die Insider als Voice over IP (VoIP) bezeichnen. "SURPASS lässt Telefon- und Datennetze zusammenwachsen", erklärt Dr. Stefan Hink, der beim Siemens-Bereich Information and Communication Networks (ICN) das Management der Produktlinie SURPASS verantwortet. "Eines muss jedoch garantiert sein, bevor Telekommunikationsunternehmen Voice over IP akzeptieren", ergänzt er. "Diese Technologie muss Sprache mit derselben hundertprozentigen Zuverlässigkeit und Qualität übertragen, wie sie die Kunden heute erwarten". Derzeit würden einige Aspekte der SURPASS-Technologie noch weiter verbessert, doch die Vorteile seien schon so groß, dass sie "etliche Kunden bereits einsetzen".
In einer Welt der Paketvermittlung Verbindungen mit derselben Qualität zu erhalten, wie wenn eine feste Leitung zwischen den Kommunikationsteilnehmern geschaltet würde, ist ein ehrgeiziges Ziel. "Die Idee ist", so Hink, "Sprache und Bilder in Pakete zu zerhacken und dann jedes Paket mit einer Zieladresse und einer Prioritätsstufe zu versehen." Die Pakete werden beim Empfänger wieder zusammengesetzt und in die übliche Form gebracht (siehe Kasten Begriffe). Das Problem ist aber, dass das heutige Datennetz nicht für solche Aufgaben konzipiert wurde – jedenfalls nicht in Echtzeit. Getreu seiner ursprünglichen Zielsetzung – einen nuklearen Angriff zu überstehen – ist das Internet extrem stabil. Wenn ein Router – eine der Weichen für die Datenpakete – zusammenbricht, wird der Verkehr von anderen Routern umgeleitet. Der Vorteil: Das Netz ist praktisch unzerstörbar. Der Nachteil: Es kommt zu Verzögerungen, die – selbst wenn sie nur wenige Zehntel Sekunden dauern – bei Sprachverbindungen bereits als störend empfunden werden.
Forscher simulieren Hochleistungs-Glasfaserverbindungen zwischen der Ostküste und der Westküste der USA
Herauszufinden, wie das Netz der nächsten Generation in Echtzeit Sprach- und Bewegtbildübertragungen bewältigen kann, ist unter anderem Ziel des KING-Projekts, das vor einigen Monaten startete. KING steht für "Komponenten für das Internet der nächsten Generation" und ist ein auf drei Jahre angelegtes Projekt, das mit Unterstützung des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von Siemens und einigen Forschungsinstituten und Universitäten durchgeführt wird. Das BMBF und Siemens tragen je die Hälfte der Kosten in zweistelliger Millionenhöhe (€). KING konzentriert sich auf Techniken, wie sich Sprach- und Bilddaten-Pakete priorisieren lassen, wie sich Fehler erkennen und beseitigen lassen und wie eine effiziente Zugangskontrolle – also eine Art Verkehrsleitsystem – für ein Netzwerk aussehen könnte, um es nicht zu überlasten. Damit könnte man verhindern, dass das Volumen des priorisierten Datenverkehrs zu stark steigt.
Vorfahrt auf der Datenautobahn. Priorisierung von Daten ist in der IP-Welt für den Quality of Service (QoS) entscheidend – das heißt, um eine hohe Sprach- und Bildqualität zu erreichen. Bei konventionellen Telefonaten ist dies einfach zu erreichen: Da schaltet die Telefongesellschaft eine feste Leitung für die gewählte Nummer. Das ist etwa so, als ob man auf der Autobahn eine eigene Fahrbahn bekäme.
In einer IP-Umgebung, wo sich Sprache, Bild und Daten den gleichen Pfad teilen können, sind die Dinge komplizierter. Doch wenn sie über ein SURPASS-System laufen, werden die Datenpakete, in die die Sprach- oder Bildsignale verwandelt wurden, mit einer Art Aufkleber versehen, auf dem "hohe Priorität" steht. Die Router erkennen diese Etiketten und schicken derartige Datenströme in einem virtuellen Koffer – einem Expressdienst – vor konkurrierenden Datenpaketen durchs Netz. So einfach dies klingt, ist es aber nicht. Hink weist auf ein Problem hin: "Es gibt verschiedene Ansätze zur Etikettierung, von denen aber keiner bislang völlig ausgereift ist." Er ist daher überzeugt davon, dass sich "die gesamte Industrie derzeit an einem Scheideweg befindet, was das Verständnis betrifft, wie all die neuen Netzkomponenten künftig zusammenarbeiten sollen".
TCP/IP: das Transmission Control Protocol (TCP) und das Internet Protocol (IP) sind die zwei Übertragungsprotokolle, auf denen der Datenaustausch im Internet basiert. TCP zerlegt die Informationen in kleine Pakete (bis 1500 Zeichen) und stellt ihnen einen Header – eine Art Etikett – voran. Dieser Header umfasst Informationen über die Anordnung der Pakete innerhalb der Datei sowie eine Checksumme, mit deren Hilfe überprüft werden kann, ob das Paket während der Versendung verstümmelt oder verändert wurde. IP versieht das Paket schließlich mit einem Adressetikett, das die IP-Adressen des Senders und des Empfängers enthält.
IP-Adresse: Eine IP-Adresse besteht aus vier Zahlenfolgen, die durch Punkte voneinander getrennt sind, z.B. 204.171.64.2. Jeder Computer, der Teil des Internets ist, hat eine solche Adresse, um identifiziert und adressiert werden zu können. User, die sich über einen Internet-Provider einloggen, bekommen eine temporäre IP-Adresse, solange sie online sind. Da man sich die Nummern kaum merken kann, werden ihnen oft Domain-Namen zugewiesen, wie siemens.com oder world-bank.org. Auch der zweite Teil einer E-Mail-Adresse (hinter dem @) ist eine Domain-Angabe, anhand derer die Mail ans Zielnetzwerk weitergeleitet wird.
Router: Router sind die Schaltzentralen zwischen den Subnetzen des Internets. Sie funktionieren wie ein Weichenstellwerk oder eine automatische Briefsortieranlage, lesen die IP-Header der empfangenen Pakete und erkennen anhand einer vorprogrammierten Routing-Tabelle, an welches Netzwerk – beziehungsweise an welchen anderen Router – sie das Paket weiterleiten sollen. Moderne Router können auch untereinander kommunizieren und ihre Tabellen selbstständig aktualisieren.
IPv6: Eine neue Generation des IP (Version 6). Ihre Vorteile gegenüber dem heute meist noch gängigen Standard IPv4 sind unter anderem, dass Echtzeit-Video und -Audio besser unterstützt werden und dass die Größe der IP-Adressen von 32 Bit auf 128 Bit erweitert wird – was die Voraussetzung dafür ist, dass beliebig viele Geräte Internet-Adressen bekommen können.
Tobias Hahn
Die Priorisierung von Paketen ist nicht die einzige Herausforderung. Wenn bei der Übertragung ein Fehler auftritt, muss er ohne merkliche Verzögerung behoben werden. "Sie können am Telefon nicht auf den Aktualisieren-Button klicken, wenn einige Wörter Ihres Partners nicht ankommen", betont Prof. Cornelis Hoogendoorn, der Leiter des KING-Projekts. Hoogendoorns Team hat hierzu eine Technik namens Multi-Path-Routing entwickelt, um einen Datenstrom über mehrere Pfade vom Absender zum Adressaten zu leiten. "Das heißt nicht, dass wir dieselben Daten zweimal übermitteln. So etwas würde ein Netz schnell mit redundanten Informationen überlasten", erklärt Hoogendoorn. Stattdessen verteilen die Entwickler einen Datenstrom über mehrere Pfade, also etwa ein Paket über Pfad x, das nächste über Pfad y. Der Vorteil sei, sagt Hoogendoorn, "dass man – wenn es auf einer Route ein Problem gibt – nicht warten muss, bis das System eine neue gefunden hat. Denn man hat ja schon eine zweite parat." Das heißt: Selbst wenn ein Bagger ein vergrabenes Kabel kappen sollte, würde der Nutzer höchstens einen kurzen Aussetzer merken, bevor die neue Route eingerichtet wäre.
Das Labor von Hoogendoorn und seinem Team bei Siemens in München zeigt, welche Leistungsfähigkeit die neue Technik hat. Mit etlichen Routern simulierten die Internet-Experten bereits das gesamte Hochleistungsnetz der USA. "Wir können eine Videokonferenz abhalten, dann das Netz unter Volllast fahren oder simulieren, was passiert, wenn eine der Übertragungsleitungen durchtrennt wird. Dabei messen wir exakt, was – beziehungsweise, ob überhaupt etwas – mit der Bildqualität passiert", erläutert Hoogendoorn.
Daten-Highway zu Hause. Natürlich muss nicht alles, was sich ein Nutzer auf den Bildschirm holt, von entfernten Orten kommen. Ein Großteil der Inhalte, die wir künftig zu Hause empfangen werden – einschließlich einer riesigen Auswahl an Fernsehkanälen –, könnte von lokalen Servern stammen und so die Last auf den Fernstrecken der Datenautobahn verringern. Aber auch Stadtnetze können verstopfen, wenn immer mehr Kunden sich für Digital Subscriber Line (DSL) entscheiden, eine Übertragungstechnik, die über die Kupferkabel der normalen Telefonleitung funktioniert, aber mit 1 bis 8 Mbit/s 15- bis 100-mal schneller ist als ISDN. Dank seiner hohen Geschwindigkeit, die das Surfen im Internet und Anwendungen wie Teleshopping, Online-Spiele oder das Herunterladen von Musik sehr komfortabel macht, wächst DSL in Deutschland und Japan schon heute mit 500 % im Jahr. Darüber hinaus könnte es bald einen neuen Service geben, dem viele Branchenkenner gute Chancen als potenzielle Killerapplikation einräumen: Video over DSL. Damit könnte – je nachdem welche Gebühren die DSL-Anbieter verlangen – die Nachfrage nach Dienstleistungen, die eine hohe Übertragungsbandbreite erfordern, geradezu explodieren.
Um den Bedürfnissen dieses neuen Markts zu entsprechen, hat Siemens eine Technologie entwickelt, mit der Kunden erstmals all ihre Fernsehprogramme über eine Telefonleitung empfangen können. Das als DSL Access Multiplexer (DSLAM) bekannte System kann die Stadtnetze deutlich entlasten. So funktioniert es: Der Kunde besitzt eine Set Top Box, einen so genannten Splitter und ein VDSL-Modem (very high bit rate DSL), das Datenraten bis 32 Mbit/s erlaubt. Er drückt – beispielsweise für Kanal 75 – einen Knopf seiner Fernbedienung. Dieses Signal wird zusammen mit denen von etwa 1000 weiteren Häusern an eine zentrale Stelle übermittelt. Dort werden die Daten verglichen, wobei sich vielleicht herausstellt, dass 97 Kunden den gleichen Kanal gewählt haben. Anstatt nun 97-mal den gleichen Video-Datenstrom von den weiter entfernt stehenden Servern anzufordern, wird er nur einmal übertragen, aber im Datenzentrum vor Ort 97-mal kopiert und an die Kunden gesandt. Eine tausendstel Sekunde später sieht der Abonnent sein gewünschtes Programm.
Eine der herausragenden Eigenschaften des Internets ist das Fehlen fast jeder Art von Kontrolle oder Beschränkung. Doch natürlich existieren einige Instanzen, die sich mit der Festlegung von Standards befassen. Der Natur des Internets entsprechend sind dies keine Regierungsbehörden, sondern gemeinnützige, private Vereinigungen. Die wichtigste ist die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), die eine breite Koalition aus Akademikern, Technikern, Internetunternehmen und Benutzergruppen repräsentiert und von fast allen Regierungen anerkannt wird. ICANN hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Stabilität des Internets sicherzustellen und vergibt weltweit sämtliche Domänen (etwa .org oder .com), IP-Adressen und Protokoll-Parameter. Die Internet Engineering Task Force (IETF) beschäftigt sich in enger Zusammenarbeit mit ICANN mit der Entwicklung neuer Übertragungsprotokolle, während das Internet Architecture Board (IAB) sich mit der Architektur, also dem Aufbau des Internets beschäftigt. Die Internet Society (ISOC) schließlich stellt jedoch ein einflussreiches Forum dar, in dem über Themen wie Besteuerung, Urheberrechte oder Zensur diskutiert wird, die für die zukünftige Entwicklung des Internets von entscheidender Bedeutung sein werden.
Dr. Hermann Rodler, Leiter der Produktentwicklung und an der Entwicklung des VDSL-Standards beteiligt, hält diese Technologie für einen Durchbruch, "denn auf diese Weise können Telekommunikationsfirmen die Kosten für den Bau zahlreicher Netze einsparen, die doch nur redundante Informationen übertragen würden". Und auch der Kunde hat Vorteile: Er braucht nur eine einzige Leitung, eine Übertragungstechnologie – und bekommt auch nur eine Rechnung für alle Arten der Kommunikation. "Das ist es, was 70 % der Kunden wollen", sagt Rodler und fügt hinzu, dass es im Jahr 2003 weltweit erste kommerzielle Versuche geben werde: "Ich persönlich betrachte dies schon als eine Killerapplikation."
Vernetzung der Netze. Natürlich wird es bei all den Informationen, mit denen wir in den kommenden Jahren überflutet werden, nicht lange dauern, bis wir auch unsere Kommunikationsgeräte vernetzen wollen. Dazu Dr. Holger Herzog, Leiter des Fachzentrums Netze und Multimediakommunikation bei Siemens Corporate Technology in München: "Nehmen wir mal an, Sie bekommen eine Nachricht auf Ihrem Handy, das übrigens dasselbe Telefon ist, das Sie zu Hause benutzen, und an dieser Nachricht hängt ein Video als Attachment. Was tun? Die Lösung wird der so genannte Home Media Server sein. Zunächst werden Sie wohl auf Ihrem Mobilgerät eine kurze Zusammenfassung oder ein prägnantes Standbild des Videos sehen wollen. Dann drücken Sie auf ein Icon am Handy und leiten die Daten an Ihren PC oder Fernseher weiter, wo Sie das Video – wenn Sie zu Hause sind – in voller Schönheit betrachten können. Das System bietet Ihnen also die gewünschten Informationen wo und wie Sie sie auch immer empfangen wollen – unter Berücksichtigung der Möglichkeiten Ihrer Geräte und Ihrer persönlichen Vorlieben."
Bei Roke Manor Research, dem Siemens-Forschungszentrum in Südengland, wird ein Home-Hub-System entwickelt, das künftige Mobilfunktechnologien mit mobilem Internetzugang kombiniert. "In einigen Jahren", so Keith Halsey, Business Unit Manager für Internetsysteme, "wird es möglich sein, von jedem Ort der Erde aus zu sehen, wer zu Hause gerade an der Tür klingelt. Und damit nicht genug: Sie werden auch den Ausweis des Besuchers prüfen können und ihn gegebenenfalls in die Wohnung lassen, wenn er Pakete oder Einkäufe abliefern soll." Laut Halsey könnten derartige Dienstleistungen zu einer wichtigen Einnahmequelle für Internet Service Provider werden.
Wie Sprache und Daten reisen – heute und im Jahr 2015Heute (Bild oben) verfügen wir über zwei digitale Netze: eines für Sprache (Telefon) und eines für Daten (Internet), hinzu kommt das Kabelfernsehnetz. Glasfasern gibt es meist nur in den Fernverkehrsnetzen. Künftig werden diese Netze zum Next-Generation-Network (NGN) verschmelzen. Bis 2015 (Bild unten) wird dieser Konvergenzprozess abgeschlossen sein und die meisten Stadtnetze, Vermittlungsstellen und viele Privatkunden werden optische Verbindungen mit fast unbegrenzter Übertragungsleistung nutzen. Anders als das Internet von heute wird das NGN ein intelligentes, sich selbst verwaltendes und reparierendes System sein. Auch werden viele Objekte unserer Umgebung Teil des NGN sein und es ermöglichen, Daten zwischen den unterschiedlichsten Geräten auszutauschen – und Dienstleistungen auf den Benutzer maßzuschneidern
Auch die Arbeit mit dem PC wird bald viel individueller ablaufen. So hat Siemens mit der Firma Juniper Networks vereinbart, Software und Edge Router aus dem Juniper-Werk in Westford (Massachusetts, USA) einzusetzen, um Kunden ein Service Deployment System zu bieten – eine Art Online-Shop für Telekommunikationsdienste, der den Bedürfnissen eines jeden Kunden angepasst werden kann. Einer der interessantesten Aspekte dieses Dienstes ist ein Button zur Erhöhung der Bandbreite. "Nehmen wir an, Sie zahlen 35 US-$ im Monat für den Basic Service, aber gelegentlich möchten Sie eine Reihe von Songs aus dem Netz herunterladen", erläutert Karen Livoli, Marketingexpertin bei Juniper Networks. Nun würde das Herunterladen bei 128 kbit/s – also der doppelten ISDN-Geschwindigkeit – die ganze Nacht dauern. "Also zahlen Sie eine Zusatzgebühr, drücken den Beschleuniger und erhalten die Songs innerhalb von zehn Minuten". Nicht selten wird es dann vorkommen, dass der Nutzer Gefallen an der Sache findet und vielleicht nach ein paar Monaten auf einen schnelleren Dienst umbucht, was wiederum dem Internet Service Provider mehr Einnahmen beschert.
Optische Revolution. Angesichts dessen, was die konventionellen Kupferleitungen künftig alles leisten können, stellt sich die Frage, warum irgendjemand in Heim oder Büro noch Glasfasern brauchen sollte. Die Antwort ist einfach: Es wird Anwendungen geben, die Glasfasern erfordern. Denn wenn erst einmal Multimedia-Dienste entwickelt werden, die die Kunden wollen und bezahlen können, entsteht ein Bedarf. Das ist wie mit Computerfestplatten, deren Speicherplatz nie ausreicht. Dr. Berthold Lankl, Entwicklungsleiter für optische Netze bei ICN, sieht es so: "Mit der heutigen Technologie könnten wir bis 1000 Mbit/s ins Haus übertragen, also etwa das Tausendfache einer einfachen DSL. Für mich ist die entscheidende Frage, ob die derzeitigen Glasfasernetze für die Fernverbindungen und die Infrastruktur der Stadtnetze der Nachfrage gerecht werden können, die in Zukunft dramatisch ansteigen wird."
Aus diesem Grund arbeiten Siemens-Forscher in Deutschland und den USA am all optical Internet – dem rein optischen Netz. Die Signale, die wir heute senden, sind elektrisch. Auf ihrem Weg zum Empfänger werden sie beim Erreichen des optischen Fernverkehrsnetzes in optische Signale umgewandelt und anschließend wieder zurück. Ohne diese Konvertierung wäre die Datenübertragung erheblich effizienter.
Solch ein Schritt ist jedoch noch Jahre entfernt, denn er hängt von der Entwicklung rein optischer Schalter, Router und der entsprechenden Software ab. Trotzdem gibt es bereits Fortschritte: So hat z.B. ein von John Mansbridge in Roke Manor geleitetes Team den RipCore LightBus entwickelt, eine optische Technologie, die den Kern künftiger Router bilden könnte (siehe Beitrag Patente Forscher). "In zwei Jahren", so Mansbridge, "wird RipCore in der Lage sein, 1,3 Pbit/s (1,3 · 1015 bit/s) zu übertragen. Das entspricht dem gesamten Textinhalt aller Bibliotheken der USA."
Forscher am C-Lab, einer Kooperation zwischen der Universität Paderborn und Siemens, haben eine Leiterplatte entwickelt, die Daten über optische Verbindungen übermittelt (Bild unten mit Querschnitt darunter) – ein wichtiger Schritt zu einer rein optischen Datenkommunikation
Mehr Daten durch eine Faser. Währenddessen untersuchen Siemens-Entwickler in München jede Möglichkeit, wie man mehr Informationen durch die bestehenden Glasfasern bekommt. Heute lassen sich bis zu 160 unterschiedliche Frequenzen mit Lasern über eine einzige Glasfaser übertragen und auf jedem dieser Kanäle zwischen 2,5 und 10 Gbit/s. "Technisch sind aber pro Wellenlänge schon 40 Gbit/s machbar", sagt Lankl. "Das haben wir vor kurzem demonstriert, indem wir 176 Kanäle mit je 40 Gbit/s, also über / Tbit/s, über eine einzige Glasfaser übertragen haben – das ist Weltrekord. Und wir erforschen derzeit Systeme, die pro Kanal sogar mit 160 bis 320 Gbit/s arbeiten können."
Lankl und sein Team konzentrieren sich auf Hochleistungssysteme. So könnte schon bald eine Technologie namens Quadrature Phase Shift Keying (QPSK) eingesetzt werden, die man beim digitalen Fernsehen gut kennt, jedoch bislang nie für optische Netze verwendet hat. Lankl erläutert, dass mit Hilfe von Komponenten aus Galliumarsenid und Lithiumniobat, die das Laserlicht modulieren, das Licht in der Glasfaser polarisiert übertragen werden kann. "Damit könnten wir die Zahl der pro Sekunde übertragenen Bits vervierfachen – also z.B. 40 Gbit/s statt 10 Gbit/s übertragen."
In den Fernverkehrsnetzen, den Backbones des Internets, sind Glasfasern schon heute die Norm. Auch bei Stadtnetzen werden immer mehr von ihnen eingesetzt. Im Fokus von morgen stehen dann die Privatkunden. "Die letzte Meile zum Haus oder der Wohnung", so Lankl, "ist das Einzige, was für eine praktisch unbegrenzte Bandbreite noch fehlt. Wenn wir das geschafft haben, wird dies über Jahrzehnte hinweg alle Steigerungen des Datenvolumens auffangen." So führt also interessanterweise der Weg von den Telefonleitungen des 20. Jahrhunderts zum Next-Generation-Network mit seinem unabsehbaren Spektrum an Dienstleistungen direkt in unsere Wohnzimmer.
Arthur F. Pease