Internet – Experten-Interview
"Die Regierung soll das neue Internet bauen"
Interview mit Raj Reddy
Dr. Raj Reddy (65) ist Inhaber der Herbert-A.-Simon-Professur für Computerwissenschaften und Robotik an der School of Computer Science der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh, Pennsylvania. Von 1979 bis 1991 war er Mitbegründer und Direktor des Robotics Institute, danach bis 1999 Leiter der School of Computer Science. Er ist Mitglied der National Academy of Engineering und der American Academy of Arts and Sciences, war von 1987 bis 1989 Präsident der American Association for Artificial Intelligence und wirkte von 1999 bis 2001 als stellvertretender Vorsitzender im Information Technology Advisory Committee des US-Präsidenten
Wie stellen Sie sich das Internet der nächsten Generation vor?
Reddy: Es wird all das sein, was es heute nicht ist: schnell, zuverlässig, preiswert, robust und leistungsfähig auf allen Ebenen. Ich glaube, das können wir erreichen. Sinnvollerweise sollte es so laufen wie bei den Interstate Highways. Da hat ja die US-Regierung auch nicht die alten Straßen abgerissen, sondern statt dessen komplett neue Autobahnen hinzugefügt.
Wie managt man ein solches System und stellt sicher, dass es nicht versagt?
Reddy: Das Next-Generation-Internet muss in der Lage sein, sich selbst zu überwachen, zu diagnostizieren und zu reparieren. IBM hat z.B. kürzlich ein Projekt zum Thema Autonome Systeme gestartet – mit dem Ziel, Internet-Software zu entwickeln, die sich selbst reguliert, so wie unser Körper Herzschlag und Hormone steuert.
Was würde dieses neue Internet kosten?
Reddy: Erstaunlich wenig. Beim bundesweiten Straßennetz in den USA kostet eine Meile etwa 30 Mio. US-$, eine Meile Glasfaserkabel dagegen weniger als 500 000 US-$ – und sogar nur 50 000 US-$, wenn man die Glasfaser in ein bereits bestehendes Leitungsrohr einzieht. Doch das Problem ist nicht, die Infrastruktur für das globale Weitverkehrsnetz – das Backbone – zu schaffen, sondern die Kosten, die entstehen, wenn man Anschlüsse mit solch hoher Bandbreite in jedes Haus und Büro bringen will – das Problem der letzten Meile.
Verfügt irgendein Unternehmen über die Ressourcen, dies zu realisieren?
Reddy: Keiner der existierenden Betreiber dürfte momentan den Wunsch verspüren, noch mehr Geld auszugeben; alle stecken in finanziellen Schwierigkeiten. Damit bleibt es an der Regierung hängen. Im Klartext: Die US-Regierung sollte das neue Internet aufbauen, wie sie seinerzeit das Autobahnsystem gebaut hat. Da aber niemand will, dass die Regierung fürs Internet zuständig ist, sollte sie die Ergebnisse ihrer Arbeit an den Privatsektor übergeben und dann Gebühren von, sagen wir, 10 % der Erlöse aus den Mehrwertdiensten erheben, die durch ihre Investitionen erst möglich wurden.
Die Zahl der Host-Rechner – also derjenigen, die Webseiten und die entsprechende Software beherbergen – verdoppelt sich alle zwölf Monate (oben). Ebenso schnell wächst die über die schnellsten Datenleitungen des Internets übertragbare Datenmenge
Welche Dienste könnten das sein?
Reddy: Die übertragbare Bandbreite wird so groß sein, dass sich Broadcasting durch Unicasting ersetzen lässt – statt des heutigen Rundfunks wird man also Programme gezielt zu einzelnen Personen senden. Jeder wird dann jederzeit über sein gewünschtes Informationsprodukt verfügen. Das verändert dann die Geschäftsmodelle für den Vertrieb von Musik, Büchern, Filmen und Software drastisch. Märkte werden überall dort verschwinden, wo sich Produkte in Bits konvertieren lassen – eine Bedrohung für einflussreiche Lobbys.
Klingt wie ein unauflösbares Dilemma ...
Reddy: Nicht wirklich, weil es eine Revolution ist, die man gar nicht mehr aufhalten kann – höchstens verlangsamen. Selbst, wenn wir nichts tun, wird sie in 25 bis 30 Jahren eintreten. Wenn wir aber die Initiative ergreifen, könnte sie schon in zehn Jahren Wirklichkeit sein.
Sie waren bis vor kurzem stellvertretender Vorsitzender im beratenden Ausschuss für Informationstechnologie des US-Präsidenten. Wie steht Washington zu diesen Vorstellungen?
Reddy: Ich denke, sie haben eine ähnliche Vision. Allerdings fühlt sich in Washington niemand dafür zuständig, ein sicheres, sich selbst reparierendes Internet voranzutreiben.
Was genau sollte dann getan werden?
Reddy: Zunächst müssen wir die bereits vorhandenen Glasfaserkabel aktivieren. So hat etwa die Firma Qwest in den USA auf einer Länge von 20 000 Meilen (32 000 km) Glasfaserkabel mit etwa 100 Fasern installiert. Aktiviert wurde jedoch nur jeweils eine Faser. Warum? Weil die Kosten für die Aktivierung einer einzigen Faser je nach Größe des Netzes zwischen 250 und 500 Mio. US-$ betragen können, denn dafür braucht man optische Verstärker, Multiplexer, Router und Gebäude.
Hilft das, was Siemens tut – also die Übertragungsleistung pro Faser zu erhöhen?
Reddy: Absolut. Schon heute gibt es kommerzielle Systeme, die pro Faser 3,2 Tbit/s übertragen können. In den Laboren wurden noch zehnmal leistungsfähigere Systeme getestet. Darin liegt eine Chance, aber auch ein Problem: Mit einer einzigen Faser können alle Telefonate der Welt übertragen werden. Das heißt aber, dass riesige Investitionen getätigt wurden, um Fasern zu installieren, die nicht genutzt werden. Genau da fehlen die wirtschaftlich rentablen Anwendungen.
Machen Sie hier selbst Forschungen?
Reddy: In wenigen Wochen wird unser Campus in Pittsburgh über solch ein Fasernetz verfügen und wir werden Killer-Applikationen testen: Video-Konferenzen, Video-Telefone, Video-Mail, Video-on-demand. All das können wir von heute auf morgen starten.
Aber wie soll der Stein auf nationaler und internationaler Ebene ins Rollen kommen?
Reddy: Die Telefongesellschaften und IT-Unternehmen müssen all ihre Lobby-Aktivitäten darauf konzentrieren, die Regierungen zu überzeugen, in diese Technologie zu investieren. So werden neue Industrien geschaffen, vergleichbar den Motels und Tankstellen beim Autobahnbau.
Und der Preis?
Reddy: Etwa 100 Mrd. US-$ für die USA, wobei wir schon mit nur 10 Mrd. US-$ 90 % der Leistung erreichen könnten.
Das Interview führte Arthur F. Pease