Internet – Gesellschaft
Digitaler Brückenschlag
Internetanschluss für jedes Haus? So weit sind wir noch lange nicht. Doch mehr und mehr Leute haben nun auch in Entwicklungsländern Zugang zum Netz
Es ist die uralte Geschichte vom Haben und Nichthaben. Von denjenigen, die auf der Gewinnerseite stehen und denen es an nichts fehlt: Sie haben Nahrung, Kleidung, eine Wohnung und viele weitere Annehmlichkeiten wie Auto, Fernseher, Telefon und in jüngerer Zeit Computer und Internetzugang. Aber man muss auch von all den anderen erzählen, für die das neue Zeitalter der Informationstechnologie (IT) nur die Liste der Dinge verlängert, die sie nicht besitzen. Die Geschichte handelt vom Digital Divide – der Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der digitalen Revolution.
Dieser Ausdruck wurde Mitte der 90er Jahre in den USA geprägt. Er bezeichnete ursprünglich das Verhältnis zwischen Ehemännern, die viel Zeit online verbrachten, und deren Ehefrauen, den Internetwitwen. Die Geschlechterkluft in den USA ist mittlerweile überwunden (siehe Grafik). Das gilt jedoch längst nicht für alle Länder. Lisa Servon, Stadtplanerin und Autorin eines soeben erschienenen Buchs ( Bridging the Digital Divide), erklärt, dass z.B. in Brasilien nur ein Viertel aller Frauen das Internet nutzt. In Japan und Südafrika sind es 17 %, in Russland 16 % und in arabischen Staaten gar nur 4 %. Doch die Kluft zwischen den Geschlechtern ist nur Teil einer komplexen Situation. "Ich benutze lieber den Plural Digital Divides, weil es mehrere solcher Gräben gibt", bilanziert Servon, die eine außerordentliche Professur für Management und Stadtplanung an der New School University in Manhattan, New York, innehat.
Auf globaler Ebene tut sich eine Schere zwischen den entwickelten Ländern und den Entwicklungsländern auf. "90 % aller Host-Rechner des Internets stehen in Ländern mit den höchsten Einkommen. Dort leben aber nur 16 % der Weltbevölkerung", sagt Servon. Am einen Ende des Spektrums liegen die skandinavischen Länder, vor allem Finnland. Am anderen Ende ist die Situation düster. "In Südafrika z.B. ist das Einkommen eines durchschnittlichen Internetnutzers siebenfach höher als der nationale Durchschnittsverdienst", so Servon. In Bangladesch entspricht der Preis eines Computers mehr als acht Jahresgehältern. In den USA reicht dagegen schon ein durchschnittliches Monatsgehalt für den Kauf eines PC.
Neben digitalen Klüften zwischen den Ländern existieren aber auch solche zwischen Gebildeten und Ungebildeten, Armen und Reichen, Jungen und Alten, sowie zwischen Weißen, Schwarzen und Latinos, zwischen Stadt- und Landbewohnern, ja sogar zwischen Innenstädten und Vororten. Besonders signifikant ist die Kluft zwischen schwarzen US-Amerikanern, Latinos, Weißen und Asiaten, auch wenn sich die Lage etwas verbessert. "Weiße und Schwarze sowie Weiße und Latinos trennen etwa 18 Prozentpunkte", sagt Servon. Erste Versuche eines Brückenschlags wurden 1995 nach der Veröffentlichung eines Berichts ("Falling through the Net") des Wirtschaftsministeriums unternommen. Die Verfasser machten hierin erstmals auf die Diskrepanz zwischen den Aktiven im Netz und denjenigen ohne IT-Zugang aufmerksam.
Als unmittelbare Reaktion startete man ein US-weites Programm, mit dem die Einrichtung von Internetanschlüssen in den meisten Schulen und Büchereien des Landes erfolgreich vorangetrieben wurde. Im Anschluss wurden unterschiedliche Folgeprogramme initiiert, mit denen auch andere Organisationen, wie etwa Gemeindezentren, Unterstützung erhielten. Etliche andere Länder folgten weltweit mit ähnlichen Programmen.
Internet-Anschlüsse: Vergleich USA – andere Länder
Internetzugang genügt nicht. "Der Erfolg dieser Initiativen zeigt sich darin, dass nun eine stark wachsende Zahl von Personen Zugang zum Internet hat", konstatiert Servon. Dennoch bleiben Gräben auf internationaler Ebene, die teilweise sogar tiefer werden. Ein vorhandener Internetzugang ist nämlich nur der erste Schritt. Hinzu kommen müssen eine entsprechende Ausbildung und die Fähigkeit, das Internet für seine Zwecke richtig zu nutzen. "Noch haben viele Politiker nicht erkannt, dass das Problem über den bloßen Zugang hinaus geht", beschreibt Servon die Situation. Daher sieht sie in diesem Bereich die größte Herausforderung für die Zukunft.
Dies belegen verschiedene Studien. "Wir haben z.B. herausgefunden, dass Kinder aus sozial schwächerem Umfeld im Internet vor allem eintönige Mathematik- und Buchstabierungsübungen machen – was natürlich das Potenzial des Netzes bei weitem nicht nutzt. Kinder aus wohlhabenden Familien setzen dagegen viel mehr auf Kreativität und Problemlösungen. Sie kommunizieren sogar mit Kindern aus anderen Ländern."
Was die Inhalte betrifft, betont Servon, dass nahezu 80 % aller Webseiten in Englisch verfasst seien: "Dabei spricht höchstens jeder Zehnte auf der Welt diese Sprache. All dies lässt mich nicht allzu optimistisch in die Zukunft blicken. Wie sollen die Menschen, die zu den ewig Armen gehören, hier einen Ausweg finden?" Doch im Prinzip könnte die Internet-Technologie durchaus ihre Situation verbessern, denn sie eröffnet Teilhabe an der Macht. Mit Internetzugang und entsprechender Ausbildung können die Menschen über eigene Inhalte im Netz bestimmen und sie gestalten. Sie können am E-Business teilhaben – als Kunden oder als Unternehmer. Servon, die mit Kleinunternehmern im Niedriglohnsektor arbeitet, berichtet von "vielen Personen, die in entlegenen ländlichen Gegenden leben und übers Internet ihre Produkte vermarkten."
Firmen könnten Partnerunternehmen in anderen Ländern unterstützen, indem sie Projekte fördern, die die digitale Kluft überwinden helfen. "Die Wirtschaftsgemeinschaft sollte sich dieser Aufgabe annehmen – etwa im Rahmen von Ausbildungsprogrammen", fordert Servon. So hat z.B. die belgische Landesgesellschaft von Siemens mit afrikanischen Ländern das Projekt Euclides gestartet, um Techniker und Ingenieure – etwa per Internet-Fernstudium – praxisnah auszubilden. Mit derartigen Unterstützungen aus Politik und Wirtschaft, sagt Servon, könnten ärmere Länder Anschluss an die Technologien des 21. Jahrhunderts bekommen. "Dank Mobilfunk könnten diese Länder auch gleich mit digitalen Funknetzen ins drahtlose Internet einsteigen und sich den Aufbau konventioneller Festnetze ersparen".
Auch könnten Entwicklungsländer mit dem Internet ihre wirtschaftliche Situation verbessern, weil es ihnen Zugang zu den globalen Märkten ermöglicht. "Doch um von der Globalisierung zu profitieren, müssen sie auch die Mittel, mit denen die Märkte gesteuert werden, kontrollieren können." Was den Weltfrieden betrifft, sei die Zukunft noch ungewisser. "Zwar bietet das Internet viele Chancen für weltweite Kommunikation, eine Grundvoraussetzung für gegenseitiges Verständnis. Aber wir haben immer wieder erlebt, wie Technik auch missbraucht werden kann", resümiert Servon. Doch eines, sagt sie, sei sicher: Wenn die digitale Entwicklung nur einem Teil der Weltbevölkerung nutzt, dann bleibt das Ziel in unerreichbarer Ferne.
Victor Chase