Ein Projektor wirft das wirklichkeitsgetreue Bild einer Fabrik auf eine Großleinwand. Dazu hat ein leistungsstarker Computer die geometrischen Daten der Halle, die 3D-Modelle der Maschinen und alle Informationen über den Produktionsprozess und das Produkt in ein digitales Modell überführt. Via Internet können sogar weit entfernte Personen die Präsentation verfolgen – ausgerüstet mit Datenhandschuh und -brillen (oben)
München, Oktober 2010. "Faszinierend." Cynthia Brown mustert einen großen Bildschirm. "So wird die Jacke also aussehen, toll." Brown steht im Virtual-Reality-Labor (VR)des Planungsbüros Virtuplant und studiert den Entwurf einer "intelligenten Jacke" mit integrierten elektronischen Komponenten. Der VR-Software-Experte Arnold Götz dreht mit Hilfe seiner Computermaus die Jacke hin und her. Am Ärmel wird ein kleiner PDA – ein Personal Digital Assistant – mit ausrollbarem Display sichtbar. Den Stoff der Jacke durchziehen helle Bänder aus leitendem Material. Am Rücken sind, kaum sichtbar, Elemente aus einer C60-Kunststoff-Folie befestigt. Auch auf den Schultern sitzen diese kostengünstigen organischen Solarzellen, mit einem weichen Kunststoff-Akku in den Schulterpolstern.
Mit den Bewegungen der Maus nimmt die Jacke einen immer größeren Ausschnitt am Bildschirm ein, bis schließlich das Innere zu sehen ist. "Da ist unsere Pillenbox!" Cynthia stößt ihren Kollegen Oliver Bach in die Seite, der mit ihr zu der Präsentation gekommen ist, um zu sehen, wie das Produkt ihrer Biotech-Firma – eine intelligente Pillenbox, die Körperfunktionen überwacht und Daten an den Hausarzt sendet – in die Kleidung eingepasst werden kann. Virtuplant hat alle Daten digitalisiert. Jetzt wird Götz den gesamten Prozess von der Fertigung des Stoffs bis zur Integration der Sonderfunktionen simulieren und testen.
"Wir fangen beim Stoff an," sagt der Visualisierungsspezialist. "Dann kommt der PDA, dann Ihre Pillenbox und zuletzt lassen wir die Logistikkette ablaufen." Auf einer gekrümmten Großleinwand im Raum erscheint plötzlich das Abbild einer Fabrik. "Ich habe doch gesagt, dass wir keinen blauen Hallenboden wollen", entfährt es Wolfgang Globas. Der Chef des Kleidungsherstellers mind&drapery tritt an den Computertisch und faucht Götz an. "Ich will grau. Wir hätten doch bei der konventionellen Planung bleiben sollen." "Das haben wir gleich", murmelt Götz. Er ruft die Farbpalette auf, wählt mit einem Mausklick die richtige Farbe und gibt Globas wortlos eine 3D-Brille.
"Ah!" entfährt es Globas. "Hm, hm. Aber sind die Maschinen nicht zu weit auseinander? Und die Stoffbahnen sind zu breit!" "Kein Problem", sagt der Virtuplant-Spezialist. "Im virtuellen Betriebstest haben wir entdeckt, dass die bisherige Bauweise bei bestimmten Laufgeschwindigkeiten starke Schwingungen auslöst. Hier" – Götz deutet mit dem Laserpointer auf eine Maschine – "haben wir den Abstand vergrößert. Jetzt schwingt nichts mehr." "Soso, verstehe", brummelt Globas. "Vermutlich ist deswegen früher öfter der Stoff gerissen. Aber warum sind die Bahnen breiter?" "Naja, bei dieser Anordnung haben Sie rund 20 % weniger Ausschuss".
"Jetzt fahre ich den Betrieb hoch", sagt Götz schmunzelnd und ignoriert das verdutzte Gesicht des Kleiderfabrikanten. Er gibt einige Befehle ein; die Maschinen setzen sich in Bewegung. Sofort sind auch die typischen Geräusche einer Fabrikhalle zu hören. "Das ist unser neuestes Feature", sagte der VR-Spezialist stolz. "Aus den Daten generieren wir ein Tonmuster. Bei einer Chemiefabrik könnten wir sogar Strömungen und den Wärmefluss in Echtzeit berechnen." Oliver Bach und Cynthia Brown sind begeistert. Vor ihren Augen entfaltet sich der gesamte Produktionsprozess der Fabrik. Mit der Maus kann Götz Details heranzoomen; selbst die innere Mechanik der Maschinen wird sichtbar. Bach und Brown werden ungeduldig, als auch noch die Abfolge des Zuschnitts und des Vernähens minutiös abläuft und virtuelle Roboter die Wartung der Maschinen simulieren. Die beiden wollen endlich sehen, wie das Produkt ihrer Biotech-Firma in die Jacke integriert werden soll.
Schließlich holt Arnold Götz die Jacke auf die Großleinwand. "So, jetzt schauen wir uns mal den PDA an", sagt er zu einem kleinen, korpulenten Mann, der bisher im Dunkel des VR-Labors stand. "Beim Display gibt es ein Problem. Es lässt sich nur bei ausgestrecktem Arm ausfahren, der Träger hat keine Sicht auf den Monitor." Der Dicke wird bleich. "Oje", schnauft er. "Da geht mein Chef in die Luft. Wir sind jetzt schon im Rückstand." "Keine Panik", beruhigt ihn Götz. "Mit einem Neuronalen Netz haben wir die optimale Verdrahtung berechnet, so dass es funktioniert und zugleich der Materialverbrauch minimiert wird." Der PDA-Hersteller wirkt erleichtert. "Dann ist alles klar?" "Ja, Sie können Ihrem Chef sagen, dass Sie keinen Prototypen bauen müssen und mindestens sechs Wochen einsparen", meint Götz.
"Nun zu Ihnen", wendet er sich an Brown und Bach. "Moment", sagt Brown. "Wir müssen noch schnell unseren Kollegen Markus Zoller zuschalten." Sie wählt auf ihrem UMTS-Handy seine Nummer. Kurze Zeit später hat Zoller vom Büro aus via Internet eine Verbindung hergestellt. Die Virtuplant-Software spielt ihm das Bild über eine Datenbrille zu, als säße er mit im VR-Labor. "Also", fährt Götz fort. "Die Pillenbox stört mit ihrer Frequenz manchmal die Datenübertragung in der Jacke. Daher habe ich eine Abschirmung entwickelt und ins virtuelle Modell eingebaut." Brown und Bach sind perplex. "Das haben Sie nur anhand unserer Daten herausgefunden? Wow!" "Was habe ich euch gesagt", tönt Zoller aus dem Lautsprecher. "Der Mann ist ein Genie!" "Kann die Jacke noch in diesem Winter auf den Markt kommen?" fragt Brown. "Das könnte klappen", meint Götz. "Ich werde gleich die gesamte Logistik der Zulieferer durchspielen." Er wendet sich seinen Monitoren zu. Da tritt Globas erneut an ihn heran. "Ähem, Herr Kollege, hätten Sie noch mal eine Sekunde?" reißt er den Experten aus seiner Konzentration. "Irgendwie sah Ihr Blau freundlicher aus, vielleicht nehmen Sie doch lieber das."
Norbert Aschenbrenner