Automatisierung und Kommunikation prägen das Heim von morgen – hier einige der wichtigsten Innovationen
Oktober 2012. Als Mark Conrad nach Hause kommt, ist schon fast alles für einen gelungenen Abend vorbereitet. Im Garten zieht der automatische Rasenmäher seine letzten Kreise, während der Fensterputz-Roboter seine Arbeiten offenbar schon beendet hat, ebenso wie die Maschinen für Teppich-, Fliesen- und Parkettreinigung. Mit seinem Fingerabdruck und dem Code für die Spracherkennung öffnet Conrad an der Haustür sämtliche Fächer seiner Home Delivery Box: Wunderbar, der Lebensmittelhändler hat das Gemüse, das Geflügel und sogar die chinesische Bohnenpaste geliefert – ganz wie er es von unterwegs bestellt hatte, als er per Internetzugang den Inhalt von Kühlschrank und Tiefkühltruhe überprüfte und mit Schrecken registrierte, was alles nicht mehr vorrätig war. Und auch die Reinigung hat sein Jackett inzwischen vorbeigebracht, stellt er beim Blick in die Textilbox erfreut fest.
In der Küche startet Conrad per Spracheingabe seinen elektronischen Rezeptedienst, ruft das chinesische Gericht auf, das seine Freundin so gerne isst, und macht sich fröhlich pfeifend an die Arbeit – die Abfälle ins Abfallcenter werfend, das sie fein säuberlich nach Bio- und Restmüllarten trennt und sich anschließend selbst reinigt. Dann schaltet Conrad Wok und Herd auf Automatik, vertraut auf die Sensoren und läuft ins Bad, um sich frisch zu machen. Seine verschwitzte Kleidung wirft er in die Waschmaschine, die anhand der elektronischen Kunststoff-Etiketten das optimale Waschprogramm bestimmt. Wie aus dem Ei gepellt kehrt er ins Wohnzimmer zurück, um den Tisch zu decken – die neuen Tischleindeckdich-Roboter sind ihm bislang zu teuer gewesen. Gerade als er damit fertig ist und per Sprachbefehl vom Home System Rosenduft, Meeresrauschen und romantische Lichtstimmung ordert, ertönt die Klingelmelodie an der Tür ...
Die verschiedenen Elemente dieses Szenarios sind nicht so futuristisch, wie sie vielleicht klingen mögen, sondern Teil der Überlegungen von Trendforschern zum Thema Haushalt der Zukunft. Ähnliche Szenarien wurden in den Zukunftsstudien, den Pictures of the Future, entwickelt, die die BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH mit Unterstützung von Siemens Corporate Technology in den letzten Monaten erarbeitet hat (mehr zu dieser Methode in Pictures of the Future, Herbst 2001 und Frühjahr 2002). "Unsere Untersuchung erstreckte sich auf den Zeithorizont von 2007 bis 2012 und zunächst auf die Regionen Europa und Nordamerika", sagt Dr. Joachim Damrath, Leiter der Zentralen Technik für Innovative Produkte bei BSH.
140 Zukunftstrends. Um Aussagen über neue Geschäftsmöglichkeiten und die dafür nötigen Technologien treffen zu können, identifizierten die Experten zunächst über 140 Zukunftstrends mit erheblicher Relevanz für Innovationen im Haushalt. Dazu gehört z.B., dass die Zahl der Single-Haushalte steigt, ebenso die der berufstätigen Frauen und der Telearbeiter, dass die Bevölkerung immer älter wird, mehr Wert auf Individualität, Mobilität, Komfort, Sicherheit und Wohlbefinden legt, sowie natürlich auch die technischen Trends der zunehmenden Automatisierung und Vernetzung.
"Eine Schlussfolgerung daraus heißt, dass alle Geräte, Lösungen und Dienstleistungen, die Zeitersparnis und Komfort sowie leichte Bedienbarkeit bieten, erfolgversprechende Ansätze sind", erklärt Damrath. Der zunehmenden Vernetzung trägt BSH mit Konzepten wie Smart@Home Rechnung: Dabei lassen sich von unterwegs mit dem Handy Status und Fehlermeldungen von Hausgeräten wie Herd oder Waschmaschine empfangen, der Kundendienst per Internet kontaktieren und die Geräte sogar aus der Ferne steuern. Noch im Jahr 2002 werden von BSH erste internetfähige und vernetzte Produkte eines solchen intelligenten Hauses auf den Markt kommen.
Eine weitere Idee vom Reißbrett der Entwickler ist die Home Delivery Box mit verschiedenen Fächern für Tiefkühlkost, frische Lebensmittel oder auch gereinigte Kleidung, wobei der jeweilige Lieferant immer nur Zugang zu seiner Box hat. "Dies ist nicht nur eine große Hilfe für Menschen, die viel unterwegs sind, sondern auch eine sehr interessante Verbindung aus Gerät, Dienstleistung – also dem Zulieferservice – und Logistik, das heißt den Fragen der Bestellung und Zugangsberechtigung", urteilt Damrath. In ersten Ansätzen, etwa im so genannten Futurelife-Haus in der Schweiz, das Siemens mit ausgestattet hat, wurden solche Boxen bereits realisiert.
Wie stark sich der Haushalt von morgen von dem von gestern unterscheiden wird, zeigt auch ein anderer Trend: "Seit Omas Zeiten hat das Wissen um die Haushaltsführung stark abgenommen", erläutert Damrath. "Heute möchten Hausfrau oder Hausmann Expertenwissen dann abrufen, wenn das entsprechende Problem auftaucht" – ein weites Betätigungsfeld für Internet-Dienstleister, ob es um Rezepte für eine Feuerzangenbowle oder die Fleckentfernung auf dem Perserteppich geht. Damrath kann sich sogar vorstellen, dass Reinigungsroboter ihre Herrn und Meister auf Flecken aufmerksam machen und via Internet einen Tipp zur Säuberung liefern.
Unter dem Dach der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH – einem Unternehmen, das seit der Gründung des Joint-ventures 1967 zu den führenden Hausgeräte-Herstellern der Welt gehört (Umsatz 2001: 6,092 Mrd. €) – sind eine Vielzahl bekannter Marken vereint: Neben den Weltmarken Bosch und Siemens sind dies u.a. die Spezialmarken Constructa, Gaggenau, Neff, Thermador und Ufesa sowie Balay, Lynx, Superser, Pitsos, Profilo, Coldex und Continental, die unterschiedlichste Kundenbedürfnisse und Regionen abdecken (Mehr unter www.bsh-group.de).
Kleine Staubsauger-Roboter für Teppiche kommen derzeit auf den Markt, allerdings akkubetrieben und daher mit geringer elektrischer Leistung – was sie durch ein Bürst-Saug-Prinzip wettzumachen versuchen. "Je nach Erfolg könnten in den nächsten Jahren Hartboden-Reinigungsroboter für Fliesen und Parkett sowie Fensterreiniger zum Einsatz kommen", meint Damrath. "Humanoide Roboter, die Treppen steigen, Betten beziehen und Tische abräumen, werden erst allmählich folgen – vielleicht in Japan eher als in Europa, denn dort ist die Akzeptanz für solche Roboter höher. In Japan endet die Begeisterung für Roboter erst dort, wo es um die Betreuung von Kindern geht." (siehe auch die Beiträge zum Thema Roboter)
Dass technische Beschränkungen eher selten ein Hinderungsgrund für die Einführung neuer Lösungen sind, zeigte sich bei vielen Geschäftsideen, die im Picture of the Future für die Prozessketten "Speisen und Getränke", "Reinigung und Pflege" sowie "Gesundheit und Wohlbefinden" entwickelt wurden. Auch ein Kühlschrank oder eine Tiefkühltruhe mit Lebensmittelerfassung und selbsttätiger Nachbestellung übers Internet, die in den Medien regelmäßig große Resonanz finden, lassen sich durchaus realisieren. Hier liegen die Probleme eher in der Logistik: Die Lebensmittelbranche müsste ihre Produkte kennzeichnen – z.B. mit elektronischen Polymer-Etiketten (siehe Beitrag Transponder), aber selbst dies genügt noch nicht: "Wie sollen selbsthergestellte Lebensmittel wie Marmeladen gehandhabt werden und wie geht man mit Teilentnahmen um?" gibt Damrath zu bedenken.
Synergien mit Siemens. Bei all den Entwicklungen hat die BSH den großen Vorteil einer engen Anbindung an Bosch und Siemens. Ob es um neue Materialien geht – etwa leicht zu reinigende oder kratzfeste Oberflächen –, um Sensorik oder Spracherkennung, Sicherheitstechniken oder Bedienoberflächen, Robotik oder Energieversorgung per Brennstoffzellen, Automatisierung oder Informations- und Kommunikationstechnologien: "Synergien gibt es jede Menge", freut sich Damrath. "Nicht zuletzt war auch unser Picture of the Future eine Synergie mit Siemens, denn von dort stammt das gesamte systematische Vorgehen".
Ulrich Eber