Klimaforscher Prof. Hans Joachim Schellnhuber über die Entwicklung internationaler Energiesysteme, deren Auswirkung auf den Klimawandel und weshalb nicht nur Deutschland eine Energiewende braucht.
Ganz Deutschland scheint nur noch über die Energiewende zu reden - und zwar vor allem unter Kostengesichtspunkten. Wie wichtig ist noch das Ziel, die Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent zu senken?
Diese 80 Prozent hören sich zunächst sehr abstrakt an. Aber wenn wir die so genannte zwei Grad-Linie halten wollen, also die Erderwärmung bis 2100 auf maximal zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau begrenzen möchten, bleibt dieses Ziel wichtiger denn je. Denn jenseits dieser zwei Grad werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach die Folgen des Klimawandels nicht mehr auf vernünftige Weise beherrschen können. Ein Beispiel: In einem Klima-Report, den mein Institut jüngst für die Weltbank erstellt hat, haben wir gezeigt, was in einer um vier Grad Celsius wärmeren Welt geschehen würde. Vor allem für die Entwicklungsländer hätte dies katastrophale Folgen. Etwa Hitzewellen, die bei stabilem Klima in den Tropen nur einmal in einer Million Jahre vorkommen würden, wären dann dort jedes zweite Jahr zu erwarten. Das würde dann Dimensionen annehmen, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie die betroffenen Länder sich an dieses Klima anpassen könnten. Insofern betone ich: Die Senkung der Treibhausgase um 80 Prozent bis 2050 und im Vergleich zu 1990 sind von vitaler Bedeutung.
Die einen sagen, die Temperaturerhöhung bis 2100 wird noch schlimmer als bisher gedacht, andere behaupten genau das Gegenteil. Wie sehen Sie die Entwicklung? Was steht uns bevor, wenn sich die Welt nicht auf gemeinsame Ziele einigt?
Wenn ich allen Berichten in den Medien Glauben schenken würde, dann gäbe es vor allem zwei Fraktionen. Zum einen jene, die der Meinung ist, dass wir das Zwei-Grad-Ziel schon gar nicht mehr erreichen können. Zum anderen jene, die glaubt, dass wir eine Erderwärmung von vier Grad überhaupt nicht erreichen können – egal, was wir die nächsten Jahre an Kohle, Gas oder Öl verfeuern. Insofern könnte man jetzt den Mittelwert nehmen und behaupten, dass sich die Erde nur um drei Grad erwärmen kann, ganz gleich was wir tun. Das ist natürlich Unsinn. Selbstverständlich spielt die Klimaforschung verschiedene Szenarien durch. Aber das Szenario, das am nächsten an der Realität ist, basiert auf den Selbstverpflichtungen, die die Staaten nach der Weltklimakonferenz 2009 in Kopenhagen beim Klima-Sekretariat eingereicht haben. Auf dieser Basis kämen wir zu einer Erderwärmung von etwa 3,5 Grad bis zum Jahr 2100. Und schlimmer noch: Die Welt wird ja hoffentlich im Jahr 2100 nicht aufhören zu existieren. Das bedeutet, dass die Erderwärmung einfach weitergehen wird. Bei 3,5 Grad bis zum Jahr 2100 kommen wir so auf etwa fünf bis sechs Grad im Jahr 2300. Das ist im Augenblick die Marke, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir den Normalbetrieb der Klimapolitik voraussetzen. Hier gibt es also noch viel Anstrengungsbedarf.
Ist es denkbar, dass auch ohne politische Vorgaben nachhaltiger gewirtschaftet wird?
Schon heute wird sehr viel auf diesem Gebiet ohne staatliche Vorgaben in Bewegung gesetzt. Wichtig hier ist immer die Frage, was Innovationen dabei bewirken können. Da spielen Kostenargumente eine sehr wichtige Rolle: Wenn etwa das Öl pro Fass nur zehn US-Dollar kosten würde, wie das lange Zeit der Fall war, würde natürlich niemand mehr über Energieeffizienz nachdenken. So hätte man wahrscheinlich nach den weltweiten Ölpreisschocks in den 1970-Jahren allein auf die kostengünstigere Kernenergie gesetzt, wenn es nicht ein paar Verrückte gegeben hätte, die der Meinung waren, dass Windräder irgendwann einmal nennenswert zum Energiemix beitragen würden. Wir brauchen solche Leute mit visionären Ideen. Denn genau diese Spinner sind heute die Ahnherren und Ahnfrauen einer Weltindustrie. Sie sehen: Die Gesellschaft ist auf allen Skalen sehr komplex. Ob man nun Politiker ist oder Windbauer: Jeder kann in irgendeiner Form zur Innovation beitragen und umgekehrt auch Innovation blockieren.
Auch andere Länder bauen ihre Energiesysteme um, zum Beispiel die USA in Richtung Gas, China mit Fokus auf Kohle, Erneuerbare und Kernkraft. Wie schätzen Sie diese Entwicklungen vor dem Hintergrund des Klimawandels ein?
Ich kenne den neuen Energieminister der USA ganz gut: Ernest Moniz. Er ist jemand, der den Klimawandel überhaupt nicht in Frage stellt, und er weiß, dass die USA alle verfügbaren Mittel nutzen müssen, um ihren Weg zu einem nachhaltigen Energiesystem zu finden. Etwa Gas, Kohlenstoffabscheidung (CCS), Kernenergie, Biomasse oder Erneuerbare. Im Grunde genommen verfolgen die USA damit eine ähnliche Philosophie wie die Chinesen. Auch sie lassen viele Pferde gleichzeitig laufen und hoffen, dass einige davon ins Ziel kommen. Nur: Irgendwann müssen diese Länder eine Ziellinie auf dem Boden ziehen und schauen, welche Pferde am besten laufen. Sonst können sie sich diese Energiepolitik auf Dauer nicht leisten. Deshalb erwarte ich sowohl von China als auch von den USA, dass man relativ schnell entscheiden wird, welche Energiemixe denn wirklich vorstellbar sind. Meiner Meinung nach wird es am Schluss darauf hinauslaufen, dass Energieeffizienz eine enorme Bedeutung haben wird und dass Erneuerbare eine letztendlich kostengünstige Alternative zu konventionellen Kraftwerken darstellen werden.
Worauf muss geachtet werden, damit ein Umbau zu einem nachhaltigen Energiesystem auch gelingt? Wie wichtig ist die effiziente Nutzung von Energie - was lässt sich damit erreichen?
Wie kann das Zwei-Grad-Ziel global, europäisch und national umgesetzt werden? Die Energieeffizienz spielt hierbei eine sehr wichtige Rolle. Denn um dieses Klima-Ziel zu erreichen, muss ein Drittel der vermiedenen Emissionen von der Energieeffizienz kommen. Sie ist gut für das Klima. Sie schont Ressourcen, die man stattdessen effektiver einsetzen könnte. Und sie spart Kosten. Trotz dieser Vorteile haben wir in Europa derzeit eine interessante Situation: So wurden 2007 die so genannten 20-20-20-Ziele der Europäischen Union durchgesetzt. Also insgesamt 20 Prozent erneuerbare Primärenergie, 20 Prozent weniger Treibhausgase und 20 Prozent mehr Energieeffizienz – im Vergleich zu 1990. Im Gegensatz zu den ersten beiden ist das letzte Ziel „Effizienzsteigerung“ nicht verbindlich. Und während die ersten beiden Ziele bis 2020 ohne Probleme erreicht werden, hinken wir bei der Effizienz deutlich hinterher. Die Energieeffizienz ist sehr wichtig – aber es müssen eben alle dabei mitspielen.
Inwieweit kann Deutschlands Energiewende ein Vorbild für andere Länder sein, da diese doch oft ganz andere Bedürfnisse haben?
Ich denke, dass andere Länder einen viel größeren Bedarf an einer Energiewende haben, als Deutschland. Deutschland könnte es sich auch leisten, mit einem relativ konventionellen Energiemix in die industrielle Zukunft zu gehen – vor allem weil wir Energieeffizienz sehr gut umsetzen können. Ein Land wie Indien aber kann meiner Ansicht nach auf Dauer und ohne eine drastische Wende hin zu erneuerbaren Energien, wie Solar, seine Bevölkerung und Industrie nicht mit Energiedienstleistungen versorgen. Das heißt: Die Energiewende in Deutschland ist eigentlich ein Experiment, das sich eine hochindustrialisierte, wohlhabende Gesellschaft leistet – aus sehr guten Gründen: wie dem der Klimaverantwortlichkeit, der Risiken der Kernenergie, und vielen anderen. Wir sind damit ein bisschen ein Testlabor für viele Nationen, die die Energiewende viel nötiger haben. Denn Länder wie in Afrika haben stark wachsende Bevölkerungen. Sie werden vom Klimawandel viel heftiger betroffen sein als Deutschland. Und sie haben keine fossilen Rohstoffe. Die weltweit am wenigsten entwickelten Länder sind genau diejenigen, die in tropischen und subtropischen Regionen liegen und keine Schätze an Öl und Gas haben. Und für die gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: Der Ausbau von Erneuerbaren und vor allem der effizientere Einsatz von Energie.
Welche Rolle spielen beim Klimaschutz heute Technologie-Unternehmen wie Siemens? Was können sie Ihrer Meinung nach tun, um den Klimaschutz auch in Zukunft zu stärken?
Ich denke, Unternehmen wie Siemens machen in dieser Hinsicht eine wichtige Arbeit. Dank technischer Lösungen erweitert sich unser Spielraum, die globale Erwärmung zu begrenzen. Ohne gute Ingenieure und Systemanalysten wären die für den Klimaschutz notwendigen Innovationen nicht möglich. Gleichzeitig unterstreicht Siemens auch öffentlich die Notwendigkeit einer nachhaltigen Zukunft. Aber hier sehe ich auch noch Handlungsbedarf: Solche Unternehmen könnten noch deutlich stärker in der Öffentlichkeit auftreten. Es gälte zu verdeutlichen, dass sie auf der Seite derjenigen stehen, die für eine Zukunft auf einem lebenswerten Planeten streiten. Und nicht auf Seiten derjenigen, die nur ihre eigenen Schäfchen ins Trockene bringen wollen – anstatt die unserer Nachkommen.
Das Interview führte Sebastian Webel
Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber, 62, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), gilt als einer der international führenden Umweltexperten. Der Physiker ist unter anderem Berater des Präsidenten der EU-Kommission und langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Erst kürzlich sprach er auch beim UN-Sicherheitsrat über sein Thema: den Klimawandel.