Alle 82 deutschen Postzentren arbeiten mit Sortieranlagen, deren Grundprinzip Dr. Wolf-Stephan Wilke erfunden hat. Diese Anlagen zur Sortierung von Großbriefen können aufgrund einer speziellen Anordnung der Abwurfbehälter über dem Taschenkranz, der die Briefe aufnimmt viel mehr Sendungen in gleicher Zeit sortieren und brauchen trotzdem nicht mehr Platz
Großbriefe intelligent sortiert
Nahezu jeder Großbrief, der in Deutschland zugestellt wird, läuft durch eine Sortieranlage, in der Erfindungen von Dr. Wolf-Stephan Wilke (49) realisiert sind. Sie ist wesentlich leistungsfähiger als herkömmliche Modelle. Deshalb hat sie die Deutsche Post in jedem ihrer 82 Briefzentren stehen. Aber auch die Postdienste in Schweden und in Österreich setzen die Anlagen ein.
Der Clou der Postsortier-Anlage von Wolf-Stephan Wilke ist ihre Architektur: Sie ist mit etwa 50 mal 20 Metern genauso groß wie herkömmliche Sortieranlagen, kann aber wesentlich mehr Großbriefe in der gleichen Zeit bearbeiten. Normalerweise bewegt sich in einer Sortieranlage ein so genannter Taschenkranz, das ist eine Art Kette mit hintereinander angeordneten Taschen, über eine Reihe von feststehenden Behältern, in denen die Großbriefe nach ihrer Zieladresse sortiert werden. Wenn der Taschenkranz über dem richtigen Behälter angekommen ist, öffnet sich die Tasche und der Brief fällt in den Behälter. Wilke hat für die neue Anlage die Behälter ebenfalls auf einer umlaufenden Kette angeordnet, die sich gegenläufig zum Taschenkranz bewegt. Der Vorteil: Die Anzahl der Taschenkränze und damit der Durchsatz der Anlage kann vervielfacht werden. Für die Deutsche Post hat Siemens Anlagen gebaut, die zwei Taschenkränze besitzen. Die Behälter rotieren in einem Kreislauf unter beiden Taschenkränzen durch. „Als ich darüber nachdachte, wie man den Durchsatz erhöhen kann, hatte ich die Idee, dass der Behälter sich ebenfalls bewegen muss, damit er von allen Taschen überstrichen werden kann“, erklärt Wilke.
Die Deutsche Post benutzt ihre Anlagen in allen 82 Briefzentren als Abgangs- und als Eingangssortierer. Die in einem Briefzentrum eingelieferten Großbriefe werden in den Behältern auf die 82 Briefzentren sortiert. Anschließend wird ein neuer elektronisch gespeicherter Sortierplan gewählt und die Maschine sortiert die Sendungen, die ihre Zieladresse im Bereich des jeweiligen Briefzentrums haben. „Die neue Anlage kann dabei nicht nur, wie früher üblich, alle Briefe für einen Zusteller zusammenfassen, sondern sogar in die richtige Reihenfolge für die Zustellroute nach Straßen und Hausnummern bringen“, erklärt Wilke.
Von der Idee bis zum Produkt vergingen in diesem Fall zehn Jahre. Nachdem Wilke die Grundidee für die Architektur entwickelt hatte, folgten viele Erfindungen von Kollegen, um die Anlage von der Software bis zur Maschinenanordnung zu konzipieren. „Das war eine sehr schöne Teamleistung“, sagt Wilke, der den Erfinderpreis deswegen auch stellvertretend für alle anderen Beteiligten verstanden wissen möchte. Als Produktmanager hat Wilke auch noch eine andere Innovation betreut, die ebenfalls in den neuen Sortieranlagen der Deutschen Post eingesetzt wird: Die Großbriefe werden über Bilderkennung identifiziert und müssen daher nicht mit Strichcodes oder Aufklebern versehen werden.
Wilke ist seit elf Jahren bei Siemens. Nach seinem Maschinenbaustudium in Karlsruhe wurde er mit einer Arbeit, die am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg i.Br. entstand, über Solararchitektur promoviert. „Damals hatte man die Idee, die Hauswände als Sonnenkollektoren zu benutzen, das hat sich aber nicht durchgesetzt“, erinnert sich Wilke, der sich danach bei einem Schweizer Unternehmen mit konventioneller Energietechnik beschäftigte. Im Jahr 2000 ging Wilke zu Siemens nach Konstanz, um im Sektor Industrie an neuen Logistiklösungen für den Postbereich zu arbeiten. „Seitdem bin ich auch viel erfinderisch tätig“, erklärt Wilke. In den elf Jahren bei Siemens hat er 53 Erfindungen gemeldet, die in 72 Einzelpatenten und 42 Schutzrechtsfamilien mündeten.
In seiner Freizeit lässt sich Wilke gerne auf einem Segelboot den Wind um die Nase wehen. Seit seine beiden Kinder aus dem Haus sind, haben seine Frau und er die freien Zimmer „umgenutzt“. Wilke hat ein Hobby aus der Kindheit wiederbelebt: die Modelleisenbahn. Mit der guten alten Märklin gibt er sich jetzt allerdings nicht mehr zufrieden, sondern er baut an einer digital gesteuerten Anlage. „Das dauert allerdings noch lange, bis diese Anlage fertig ist. Denn anders als im Beruf ist hier der Weg das Ziel“, sagt Wilke.