Kay Tigges (48) aus Hamburg bringt die Green-Ship-Technologie durch eine spezielle Optimierung der Abgasrückgewinnung von Schiffsdieselmotoren weiter voran. Kay Tigges wurde von Siemens als „Erfinder des Jahres 2009“ geehrt.
Weil die Frachtschifffahrt das effizienteste Transportmittel überhaupt ist, gelangen rund 90 Prozent der globalen Handelswaren über den Seeweg zu ihren Bestimmungsorten. Effizient bedeutet jedoch nicht automatisch umweltfreundlich: Die großen Fracht- und Containerschiffe gelten nach Industrie- und Kraftwagenverkehr als drittgrößte Quelle klimarelevanter Schadstoffe. Die internationalen Reedereien stehen daher unter großem Druck, die Umweltbelastungen aus dem Schiffsbetrieb zu reduzieren. Siemens treibt die Entwicklung von neuen elektrotechnischen Systemen und Antrieben voran und hat bereits viele Lösungen entwickelt, die zum umweltfreundlichen Schiff, dem Green Ship, führen. Der Erfinder Kay Tigges, 48, hat an vielen dieser neuen Systeme mitgearbeitet und bereits 22 Erfindungen auf dem Gebiet der umweltfreundlichen Schifffahrt gemacht. Dafür wurden bisher 87 Einzelpatente in 21 Schutzrechtsfamilien erteilt.
Schiffe sind die große Leidenschaft des Marine-Spezialisten Tigges. Er studierte Schiffbau in Duisburg und entdeckte anschließend sein Interesse an elektrotechnischen Systemen für große Frachter und Containerschiffe. Die Kombination beider Fachrichtungen erwies sich als ideal: „So kann ich beispielsweise schnell einschätzen, ob sich neue Systeme mit den üblichen Anforderungen und Gegebenheiten in einem Schiff vereinbaren lassen“, erklärt Tigges. In der kleinen, aber hoch spezialisierten Abteilung für kommerzielle Schifffahrt von Siemens Industry, Industry Solutions, in Hamburg hat Tigges in den vergangenen Jahren ein Optimierungs-System für die Rückgewinnung von Abgasenergie entwickelt.
Bei diesem System treiben die heißen Abgase von Schiffsdieselmotoren, die bislang ungenutzt über den Schornstein abgeleitet wurden, Turbogeneratoren an. Diese können bis zu sechs Megawatt elektrische Leistung für die Stromversorgung an Bord und für den Antrieb des Schiffes erzeugen. „Im Schnitt spart dies rund zwölf Prozent an Treibstoffverbrauch“, sagt Tigges. Zum ersten Mal wurde dieses Waste Heat Recovery System 2005 in das dänische Containerschiff Gudrun Maersk eingebaut. Die Abgasenergienutzung reduziert nicht nur die Kosten für die Reeder, sondern auch in gleichem Maße die Schadstoffbelastung für die Umwelt. Schiffe werden mit dem vergleichsweise billigen, jedoch stark schadstoffhaltigem Schweröl betrieben. Die sehr langsam laufenden Dieselmotoren der Frachter setzen diesen Kraftstoff effizient um, setzen dabei aber neben CO2 auch große Mengen an Stickstoff- und Schwefeloxiden frei. Die internationale Schifffahrts-Organisation (IMO), eine für den Schutz der Meere zuständige Unterorganisation der UN, hat etliche Regelungen zur Senkung von Schadstoffen durch Schiffe beschlossen, die in den nächsten Jahren in Kraft treten.
Auch die Schadstoffentlastung in den Hafenstädten ist ein Thema, das die Marine-Ingenieure bei Siemens beschäftigt. Im Lübecker Hafen arbeitet bereits eine von Siemens gelieferte Anlage, um Schiffe mit Landstrom zu versorgen. Das macht den Betrieb der Dieselaggregate auf den Schiffen während der Liegezeiten überflüssig. Dadurch sinkt die Schadstoffbelastung in der Hafenstadt erheblich. Tigges hat bereits eine weitere Lösung für die umweltschonende Stromversorgung der im Hafen liegenden Schiffe erfunden, die zum Patent angemeldet wurde. Seine Idee ist es, Komponenten, die das Schiff für seinen Betrieb sowieso benötigt, so aufzurüsten, dass sie auch in den Liegezeiten genutzt werden können, nämlich zur Einspeisung von umweltfreundlich erzeugtem Landstrom.
Auch in seiner Freizeit beschäftigt sich Tigges am liebsten mit Schiffen, und zwar mit seiner eigenen Segelyacht, die in Kiel liegt. Zusammen mit seiner Frau verbringt er so viel Zeit wie möglich auf dem Wasser. Seine beiden fast erwachsenen Kinder sind dagegen bisher eher Landratten. „Segeln ist eben doch ein sehr ruhiges und beschauliches Hobby“, meint Tigges und so reift beim Blick übers Wasser so manche Idee.