Bei einer Magenspiegelung führt der Arzt einen Schlauch mit einer Kamera über die Speiseröhre in den Magen ein. Rainer Kuth (51) hat ein neues, angenehmeres System entwickelt, bei dem der Patient nur eine Kapsel schlucken muss. Mit Hilfe veränderter Subsysteme von MRT-Scannern ist die Kapsel von außen magnetisch steuerbar, und der Arzt kann die Bilder in Echtzeit ansehen.
Bei Magenbeschwerden ist für eine genaue Diagnose häufig eine Magenspiegelung notwendig, die für den Patienten sehr unangenehm ist: Der Arzt führt einen Schlauch mit einer Kamera über die Speiseröhre in den Magen ein, um Bilder zu gewinnen. Rainer Kuth (51) hat ein neues System entwickelt, bei dem der Patient nur eine Kapsel schlucken muss. Die Kapsel ist von außen magnetisch steuerbar und der Arzt kann die Bilder in Echtzeit ansehen.
Auf die Idee des magnetgesteuerten Kapsel-Endoskops kam Kuth vor elf Jahren: „Ich war bei Siemens Healthcare sehr viel mit der Entwicklung der Magnetresonanztomographen (MRT) beschäftigt und wollte meine Expertise und die hohe Kompetenz von Siemens in der Anwendung von Magnetfeldern für eine neue Erfindung nutzen.“ Anders als meist üblich bei Erfindungen suchte er also nicht nach der Lösung eines Problems, sondern hatte bereits die Idee einer Lösung parat, für die er das Problem suchte. Das sogenannte Kapsel-Endoskop war bereits 1999 auf den Markt gekommen: Allerdings kann es nicht gesteuert werden, sondern wird durch die natürlichen Bewegungen des Magen-Darm-Traktes durch den Körper transportiert und schließlich ausgeschieden. Wie Kuth bei einem Brainstorming erfuhr, wünschten sich die Mediziner aber ein Gerät, das sie steuern und so auch für den Magen einsetzen können, um so dem Patienten die Magenspiegelung mit dem Schlauch-Endoskop zu ersparen, die nicht nur unangenehm ist, sondern in vielen Fällen auch eine Ruhigstellung durch Medikamente erfordert.
So kam Kuth auf die Idee, eine magnetgesteuerte Endoskopie-Kapsel zu entwickeln, die er im Jahr 2001 erfolgreich zum Patent angemeldet hat. „Diesen Plan habe ich sozusagen als berufliches Hobby über Jahre hinweg verfolgt“, erzählt der Forscher. Das Innovationspotenzial der Kapsel war von vornherein vorhanden. Denn Erkrankungen im oberen Verdauungstrakt sind häufig: Täglich werden in Europa rund 250.000 Patienten wegen Beschwerden in diesem Bereich untersucht. „Nicht zuletzt aus diesem Grund entschied der CEO von Siemens Healthcare, Hermann Requardt, einen Prototyp bauen zu lassen“, erinnert sich Kuth.
Als Partner für den Bau des Kapsel-Endoskops konnte Kuth das japanische Unternehmen Olympus Medical Systems gewinnen, das führend unter den Endoskopherstellern ist. Für die magnetische Steuerung zeichnet Siemens verantwortlich. „Wir nutzen im Prinzip veränderte Subsysteme von MRT-Scannern, um die magnetische Navigation zu ermöglichen“, beschreibt Kuth das System. Der Patient muss lediglich einen Tag fasten und anschließend soviel Wasser trinken, dass der Magen gefüllt ist. Dann schluckt er die Kapsel und legt sich auf eine Liege in der Öffnung des Magneten, sodass sich sein Magen samt Kapsel im Zentrum des Systems befindet. Der Arzt steuert die Bewegung der Kapsel mit zwei Joysticks. Dabei kann er die Kapsel im wassergefüllten Magen neigen, drehen sowie horizontal und vertikal bewegen. Zur Navigation der Kapsel erzeugt der Magnet variierende Magnetfelder. Kameras an beiden Enden der Kapsel liefern Bilder, die per Funk an das Bildverarbeitungssystem übertragen werden. Der Untersuchte bemerkt von der Prozedur fast nichts: „Während der Untersuchung kann sich der Patient ganz entspannt mit dem Arzt unterhalten und auch die Bilder aus seinem Magen ansehen“, erklärt Kuth. Erste klinische Tests hat das neue System bereits erfolgreich hinter sich gebracht. Jetzt werden weitere Tests mit großen Patientenzahlen begonnen.
Kuth hat in der Medizintechnik seit 1989 bereits an 389 Erfindungen mitgewirkt, darunter beispielsweise die funktionelle Magnetresonanz der Lunge oder eine sogenannte kombinierte Kopffixation und Magnetresonanzspule für die interventionelle MRT. „Der große Vorteil eines breitgefächerten Unternehmens wie Siemens ist, dass sehr viele Experten unzähliger Spezialgebiete in Reichweite sind“, sagt er. So hat er an allen Erfindungen gemeinsam mit Kollegen getüftelt – insgesamt rund 200 Co-Erfinder. Kuth kann 130 erteilte Einzelpatente in 254 Schutzrechtsfamilien auf seinem Erfinderkonto verbuchen.
Der Physiker, der nach dem Studium in Düsseldorf nach dem Berufseinstieg bei der Kraftwerksunion, einem Joint Venture von Siemens und AEG, 1989 zu Siemens Healthcare kam, ist heute für die medizinische Endoskopie im Unternehmen verantwortlich. „Das ist für Siemens ein relativ neues Feld, bei dem wir uns mit innovativen Produkten positionieren wollen“, sagt Kuth und schwärmt von seinen Mitarbeitern: „In meinem sehr jungen Team mangelt es nicht an vermeintlich „verrückten Ideen“, aus denen eines Tages Produkte werden können“.
Privat lebt Kuth mit seiner Frau, einer Musikerin, und drei Kindern in Höchstadt in der Nähe von Erlangen, dem Sitz von Siemens Healthcare. Er liebt die Porträtfotografie und hat jüngst die Faszination von Fledermäusen entdeckt, die er mithilfe von Kameras studiert.