Auch komplexe Abläufe wie der Bau von Kraftwerken, Zügen oder Gepäckförderanlagen müssen mit modernen Managementtechniken und Modellierungsmethoden optimiert werden. Dr. Ulrich Löwen treibt als Pionier dieses Gebiet des so genannten Engineerings seit 20 Jahren voran.
Projektgeschäfte wie der Bau von Infrastruktureinrichtungen haben bei Siemens den Umsatz des Produktgeschäfts, also der standardisierten Herstellung von Gütern, bereits überholt. „Parallel dazu stellt sich immer stärker die Frage, wie wir aus den Erfahrungen, die Siemens bei großen Kundenprojekten sammelt, wirtschaftlichen Nutzen ziehen können – etwa, indem wir sie in strukturierter Form bei neuen Projekten anwenden“, erklärt Ulrich Löwen. Seit gut 20 Jahren beschäftigt er sich bei Siemens mit diesem Thema des so genannten Engineerings. Es umfasst alle technisch geprägten Tätigkeiten und Abläufe, die mit einem Kundenprojekt zusammenhängen.
Ziel von Löwen ist es, ein Rahmenwerk für die Arbeit an Anlagen- und Infrastrukturprojekten zur Verfügung zu stellen: „So kann man das Engineering durch leistungsfähige Software-Werkzeuge unterstützen oder lernen, wie man Züge oder Kraftwerke am wirkungsvollsten modularisiert.“ Der Siemens-Experte versteht sein Gebiet als ein Gestalten von Prozessen und Methoden. Obwohl er sich seit Jahrzehnten damit beschäftigt, ist er überzeugt: „Die Zukunft des Engineerings liegt noch vor uns. Jetzt haben wir verstanden, welche Prozesse und Methoden hier allgemeingültig sind und können nun dem Thema einen neuen Schub geben. Dies bedeutet auch, alle Informationen durchgängig über den gesamten Lebenszyklus von der Idee bis zum Rückbau einer Anlage oder Infrastruktur digitalisiert in Form von Modellen zu nutzen.“
Auch als Student war Löwen ein Pionier. „Mein Fach Informatik war 1981 noch neu und wir waren an der Universität Dortmund nur 60 Studienanfänger“, erinnert er sich. Doch bereits ein Jahr später schnellten die Studentenzahlen nach oben. Nach der Promotion arbeitete Löwen bei Siemens in Erlangen an Diagnosesystemen für Hochspannungsnetze. Sie sollten die Flut von Meldungen, die bei Störungen generiert werden, so analysieren, dass sich die eigentliche Ursache identifizieren lässt. „Als solche Expertensysteme bei Siemens immer breiter eingesetzt werden sollten, wechselte ich 1991 zur Corporate Technology, weil ich hier das Thema übergreifend voranbringen konnte“, sagt er.
Bald ging es auch um die Modellierung von Industrieanlagen in einer Computersimulation. Mit deren Hilfe sollten bereits in der Angebotsphase unterschiedliche Lösungsansätze mit den Kunden diskutiert werden, um später aufwändige Redesigns wegen unzureichend geklärter Randbedingungen zu vermeiden. So wird etwa das durch das Team entwickelte Modell für Trink- wassernetze immer noch genutzt. 1999 übernahm Löwen die Leitung des Fachzentrums System Engineering, wo vor allem übergreifende Konzepte und Methoden im Fokus standen. Heute ist Löwen für die Zukunftsstrategien des Engineering verantwortlich – bei Siemens, aber auch an in der akademischen Ausbildung: Als Dozent hält er im Rahmen von Ringvorlesungen an verschiedenen Universitäten Vorträge. „Für das Engineering wird sich eine Community etablieren, die die Bedeutung dieses Themas noch stärker sichtbar machen wird. Ich bin überzeugt, dass es in den Ingenieurswissenschaften einen wichtigen Platz einnehmen wird“, sagt Löwen.