Go to content

SIEMENS

Research & Development
Technology Press and Innovation Communications

Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
pictures

Automatisierte Logistik: Ein Pilotprojekt soll den Lieferverkehr in Ningbo neu ordnen.

Automatisierte Logistik: Ein Pilotprojekt soll den Lieferverkehr in Ningbo neu ordnen.

Drehkreuze für Warenströme

Warenzentren, sogenannte Urban Consolidation Center, können den boomenden Städten helfen, geschickt den Warenfluss in ihren verkehrsüberlasteten Zentren zu lenken.

Automatisierte Logistik: Ein Pilotprojekt soll den Lieferverkehr in Ningbo neu ordnen.

Ein Supermarkt am Tianyi-Platz im Stadtzentrum Ningbos, einer Sechs-Millionen-Küstenstadt im Osten Chinas. Nachts fahren hier unzählige Lastwagen vor, um Waren des täglichen Bedarfs abzuladen: Brot, Spielzeug, Geschirr, Süßigkeiten. Wenn die Transporter eintreffen, sind regelmäßig alle Plätze an der Rampe bereits besetzt. Dann müssen die Fahrer in der Umgebung nach einem Abstellplatz suchen, denn am Supermarkt selbst gibt es keine Stellplätze. Untertags wäre die Lage noch schwieriger. Nicht nur, weil dann die Durchschnittsgeschwindigkeit in Ningbos Innenstadt unter 20 km/h liegt, sondern auch weil Lastwagen ohnehin kaum ins Stadtzentrum dürfen. Daher nutzen viele Firmen kleinere Lieferwagen oder sogar normale Pkw. Freilich braucht es für eine Warenlieferung bei Tageslicht dann deutlich mehr Fahrzeuge. Die Folge: Die Staus verschlimmern sich.

Diese buchstäblich verfahrene Lage wird sich in Zukunft noch verstärken, denn Ningbo wächst. Die Stadtplaner suchen daher händeringend nach langfristigen Lösungen. Das Logistikunternehmen DHL hat jetzt mit Siemens ein Konzept erstellt, um innovative Optionen des Warentransports zu entwickeln. „Das soll die Grundlage für ein Pilotprojekt werden“, sagt Dr. Norbert Bartneck, zuständig für City-Logistik in der Siemens-Division Mobility and Logistics. „In China gibt es sehr viele Städte wie Ningbo, sie haben einen großen Nachholbedarf in der Logistik und auch die Möglichkeit, solche Projekte rasch umzusetzen.“

Im Zentrum stehen Urban Consolidation Centers (UCC). Das sind Lagerhäuser, in denen die Warenströme für alle Einzelhändler einer Stadt gesammelt und dann nach Stadtvierteln oder gar Straßen sortiert gebündelt ausgeliefert werden. Das erlaubt eine optimale Auslastung der Lkw und ein deutlich niedrigeres Verkehrsaufkommen – ohne neue Straßen oder Bahnen bauen zu müssen. Solche Warendrehkreuze gibt es andernorts bereits, etwa am Flughafen Heathrow bei London. Dieses UCC hat die Effizienz deutlich verbessert – so fahren die Lieferfahrzeuge rund 250.000 Kilometer weniger pro Jahr.

Auch andere Ballungsräume sind auf diesem Weg. In Mexico City sollen am Stadtrand UCCs für Tante-Emma-Läden eingerichtet werden, um die Verkehrsbelastung der Innenstadt zu verringern und die Warenversorgung des Einzelhandels zu verbessern. Für die aufstrebende Metropole Ningbo schlagen Siemens und DHL einen Maßnahmenkatalog vor, dessen Herzstück ein oder mehrere UCCs vor den Toren der Stadt sind. Etliche Firmen der Stadt verfügen zwar heute schon über IT-Lösungen, mit denen sie den Transport ihrer Waren verfolgen und steuern. Doch untereinander sind diese Anwendungen selten kompatibel. Die Folge: Statt in nur einem Transporter fahren mehrere Lastwagen in die Stadt, um Bestellungen ans Ziel zu bringen.

Ein UCC – gepaart mit einer IT-Plattform, mit der man den gesamten Warenfluss lenkt – könnte dem entgegensteuern. Die Lagerhäuser selbst wären weitgehend automatisiert: Güter kommen auf Paletten an, um dann von Gabelstaplern ins zentrale Lager gebracht zu werden. Treffen Bestellungen aus der Stadt ein, werden sie aus den Regalen auf Fließbänder gelegt, um mit der Lieferadresse versehen zusammen mit anderen Paketen in bestimmte Stadtteile chauffiert zu werden.

Dabei kann natürlich nicht alles beliebig zusammen gelagert und transportiert werden. Medikamente, Lebensmittel oder Möbel stellen höchst unterschiedliche Anforderungen an ihre Umgebung. „Die Lagerung von langlebigen Gebrauchsgütern ist einfacher und günstiger als von frischem Fisch, Fleisch oder Gemüse“, sagt Siemens-Managerin Dr. Zhang Lei, die half, das Weißbuch für Ningbo zu erstellen. Doch das lässt sich entweder mit einem einzigen Super-UCC lösen – oder mehreren Lagerhäusern, die auf bestimmte Warengruppen zugeschnitten sind. „Es wäre vorerst auch eine schwierige Aufgabe, all die Lebensmittel von Bauern und anderen Zulieferern für die Lebensmittelgroßmärkte in der Innenstadt Ningbos zu erfassen.“

Auch der Transport selbst lässt sich verbessern. Eine die aktuelle Verkehrssituation berücksichtigende Routenplanung erlaubt, die verkehrsgünstigste Variante zu wählen. Zudem können hier umweltfreundliche Fahrzeuge mit Elektro- oder Hybridantrieb eingesetzt werden. Siemens und DHL schlagen außerdem vor, die U-Bahn, die in Ningbo gerade errichtet wird, künftig auch für den Gütertransport zu nutzen, um den oberirdischen Verkehr zu entlasten. Es gälte dabei aber sicherzustellen, dass sich das Frachtgut von der U-Bahn für das letzte Teilstück zum Einzelhandel problemlos umladen lässt. Zusammenhalten würde dieses System ein von Siemens entwickeltes Informationssystem, die „City Logistics Platform“. Damit könnten sich Lieferanten, Frachtunternehmen und Einzelhändler besser untereinander koordinieren, dank elektronischer Etiketten (RFID) und Satellitennavigation.

Privatkunden beliefern. Damit das System reibungslos läuft, müssen noch weitere Elemente optimiert werden. Das UCC muss am Stadtrand liegen, so dass es den Verkehr im Zentrum selbst nicht beeinträchtigt – und muss gleichzeitig verkehrstechnisch gut an die Innenstadt angebunden sein. Außerdem müssten Gebühren, Gesetze und Vorschriften so gestaltet werden, dass sie den Betrieb eines solchen Warenzentrums fördern. „Jede Lösung wird deshalb individuell auf jede Stadt zugeschnitten“, sagt Bartneck.

Ein anderes Feld, das es ebenfalls zu verbessern gilt, ist die Warenlieferung an private Kunden. Viele Produkte wie etwa Möbel lassen sich nicht in Einkaufstaschen nach Hause tragen. Die Erfahrung zeigt, dass, wer seine Wohnung oder sein Haus neu einrichtet, oft in mehreren Geschäften einkauft. Auch für diese „letzte Meile“ vom Geschäft zum Kunden gibt es intelligente Lösungen. Statt dann mehrere Möbelwagen an eine Adresse zu schicken, schlagen DHL und Siemens Ningbo vor, diese Waren über einen Transporter zu konsolidieren. Eine weitere Möglichkeit, Güter zum Endkunden zu bringen, sieht das Konzept in speziellen Packstationen. Dort können Kunden Pakete selbst abholen oder aufgeben – und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das erlaubt auch einen Blick in eine mögliche Zukunft. In gekühlten Packstationen an jeder Straßenecke und in großen Apartmenthäusern könnten Bewohner ihre Lebensmittel abholen – angeliefert natürlich von Elektrofahrzeugen.

Hubertus Breuer