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Neue Energie: Um unabhängig von Gasimporten zu werden und den Energiemix zu diversifizieren, setzt die Türkei zunehmend auf lokal verfügbare Energiequellen.

Frischer Wind aus Kleinasien

Die Bevölkerung der Türkei wird bis 2050 von heute 75 auf rund 95 Millionen Menschen wachsen. Zugleich steigt der Energieverbrauch immens. Um unabhängiger von Gasimporten zu werden, will das Land seine Energieversorgung neu aufstellen und vor allem lokal verfügbare Quellen wie die Windenergie fördern.

Der Windfänger

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Um die Wirtschaftlichkeit von Windenergieanlagen zu erhöhen, müssen die Entwickler deren Leistung steigern und dabei das Gewicht so gering wie möglich halten. Dieser Logik entsprechend bietet Siemens ein Update-Paket für Rotorblätter an, das den jährlichen Energieertrag der Anlagen um einige Prozent erhöhen kann. „Wir haben ein Paket aus drei verschiedenen kleinen aerodynamischen Verbesserungen geschnürt. Das sind kleine Bauteile, Winglets, die an den Rotorblättern angebracht werden – wie bei Flugzeugtragflächen“, erklärt Peder Bay Enevoldsen von Siemens Wind Power in Dänemark. Enevoldsen zählt zu den zwölf erfolgreichsten Forschern und Entwicklern, die Siemens Ende 2012 als „Erfinder des Jahres“ ausgezeichnet hat. Auf sein Konto gehen 21 Erfindungen zur Optimierung von Windturbinen und 53 Einzelpatente in 21 Schutzrechtsfamilien. Mithilfe seiner Winglets, sagt er, könne etwa ein Onshore-Windpark, bestehend aus 43 Turbinen mit je 2,3 MW Leistung, über 20 Jahre hinweg ein Plus von mehreren Millionen US-Dollar verzeichnen. „DinoTails“ – ein Bestandteil des Updates – ähneln der Schwanzflosse eines Stegosaurus und werden an die Flügelspitze angebracht. „Sie tragen zu geringeren Turbulenzen an der Flügelhinterkante bei, wodurch sich der Lärm um zwei bis drei Dezibel reduziert.“ „DinoShells“ hingegen befinden weiter hinten. Als Vorbild diente der US-amerikanische Rennfahrer Dan Gurney, der die „Gurney Flaps“ erfunden hat – die kleinen, nach oben gerichteten Flügel an den Hinterkanten von Rennwagen. „Mit diesen Ergänzungen verleihen wir den Rotorblättern einen ‚Spoiler-Effekt‘, also einen größeren Auftrieb“, so Enevoldsen. Die dritte Einheit sind „Vortex-Generatoren“, die in der Nähe der Nabe angebracht sind. „Sie sehen aus wie Finnen und sind abwechselnd ganz leicht um ein paar Grad nach links und rechts geneigt.“ Diese erzeugen einen kleinen Luftstrom, um die wegströmende Luft auf der Oberseite der Rotorblätter wieder aufzufangen. Das Ergebnis: ein zusätzlicher Auftrieb. Doch Enevoldsen fängt den Wind nicht nur beruflich ein. Er ist begeisterter Segler und Surfer: „Da hat man den Wind in den Händen, eine prima Voraussetzung, um über Windkraft nachzudenken.

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Neue Energie: Um unabhängig von Gasimporten zu werden und den Energiemix zu diversifizieren, setzt die Türkei zunehmend auf lokal verfügbare Energiequellen.

Knatternd und langsam hievt sich der Aufzug im Inneren des Stahlturms empor – auf einer Höhe von 70 Metern stoppt der Lift plötzlich. Den Helm tief ins Gesicht gezogen, den Auffanggurt festgezurrt und mit einem Werkzeuggürtel ausgerüstet, geht es dann über eine schmale Leiter noch etwa zehn Meter weiter hinauf. Dort wartet als sicherer Hafen ein etwa vier Meter breiter und sieben Meter langer Raum. „Das Herz unserer Gondel“, sagt Alper Kalaycı, der in seinem vorherigen Berufsleben die Maschinen auf Frachtschiffen gewartet hat. Die Gondel, in der der Techniker von Siemens Service in der Türkei derzeit arbeitet, ist seinem alten Arbeitsplatz gar nicht mal so unähnlich. Erst ein Blick aus der Gondelluke offenbart, dass man sich in einer Windturbine befindet. Der Koloss steht auf 1.600 Metern Höhe, umgeben von Libanon-Zedern und historischen Ruinen, neben zwölf weiteren Turbinen und inmitten des Taurus-Gebirges im Süden der Türkei.

Im Mai 2012 gingen diese Siemens-Anlagen in Dağpazarı , die nun zur türkischen Industrie- und Finanzgruppe Sabancı Holding EnerjiSA-Eon Power gehören, ans Netz. Seitdem sorgt ein Siemens-Team für den Service. Bereits 2009 hatte Siemens von EnerjiSA einen Auftrag zum Bau eines Windparks im Nordwesten der Türkei erhalten. „Dort haben wir Windturbinen mit einer Leistung von je 2,3 Megawatt (MW) installiert, die jährlich 90 Gigawattstunden (GWh) Strom produzieren”, sagt Kalaycı. Die Anlagen in Dağpazarı verfügen über eine Leistung von insgesamt 39 MW und produzieren 129 GWh pro Jahr – im europäischen Durchschnitt reicht das für fast 40.000 Haushalte.

In seiner Gondel findet der Techniker viel Raum zum Arbeiten und guten Zugang zu wichtigen Bestandteilen, wie etwa zum getriebelosen Magnetgenerator. Dieser sitzt zwischen dem Maschinenrahmen und der Nabe, an der die Rotorblätter montiert sind. Mithilfe eines Permanentmagneten wandelt er jede Rotorbewegung direkt in elektrische Energie um, ohne zusätzliche elektrische Leistung für die Erregung zu benötigen.Der 32-jährige Maschinenbauingenieur Kalaycı zählt zu den ersten Servicetechnikern für Windkraftwerke in der Türkei. Und er wird sicherlich nicht der letzte sein, den Siemens für den türkischen Markt ausbildet.

Lokale Energiequellen fördern. Beflügelt durch das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz, das Anfang 2011 in Kraft trat, begann der Boom der Windenergie im ganzen Land. Hier wurden die Einspeisevergütungen für erneuerbare Energien auf zehn Jahre festgelegt. „Heute werden rund 44 Prozent der türkischen Stromversorgung durch Gaskraft erzeugt, wovon das Land 98 Prozent importiert“, sagt Sinan Bubik, Chef von Wind Power in der Türkei. „Dies ist nicht nur teuer, das Land ist hierdurch auch extrem abhängig. Vor allem wenn man bedenkt, dass allein im Juni 2012 der Elektrizitätsverbrauch im Vergleich zum Vorjahr um 8,1 Prozent gestiegen ist.“

Um Abhilfe zu schaffen, möchte die Regierung künftig lokale Energiequellen fördern. Hier spielen Erneuerbare Energien (EE) eine große Rolle. „2008 waren Windenergieanlagen mit einer Kapazität von etwa 360 MW installiert, 2010 bereits 1.329 MW und heute sind es rund 2.170 MW“, erklärt Bubik. Zum Vergleich: Laut der World Wind Energy Association hatte Deutschland im Jahr 2012 bereits eine Leistung von über 30.000 MW installiert. „Wenn wir für die Türkei noch die Windparks hinzurechnen, die sich seit März 2012 im Aufbau befinden, sind wir bei einer Kapazität von etwa 3.500 MW. Das Gesetz brachte ein Stück Sicherheit“, sagt Bubik.

Falls einzelne Bestandteile der Windturbinen in lokaler Produktion hergestellt werden, steigt der Abnahmepreis für die ersten fünf Jahre nach Inbetriebnahme zusätzlich: So gibt es zum Grundpreis von 7,3 US-Cent pro Kilowattstunde (kWh) für die Flügel weitere 0,8, für den Generator und die Steuerelektronik 1,0, für den Turbinenturm 0,6 und für mechanische Teile der Rotor- und Rumpfeinheiten 1,3 US-Cent pro kWh mehr. „Für die Türme unserer Windturbinen kooperieren wir beispielsweise sehr eng mit einem lokalen Produzenten“, sagt Bubik. „Der Betreiber bekommt also für unsere Anlage etwa 7,9 US-Cent pro kWh.“

Das Ziel der Türkei ist es, bis 2023 – pünktlich zum 100. Jubiläum der Republikgründung – die Windenergie-Leistung auf 20.000 MW zu erhöhen, dies wären 30 Prozent des türkischen Energiemixes. Die günstigsten Regionen liegen entlang der nördlichen Ägäisküste, der Marmara-Region, der westlichen Schwarzmeerküste und im Süden der Mersin-Hatay-Provinz. „Dies sind über 7.000 Kilometer Küstenlandschaft“, sagt Bubik. „Mit sehr günstigen Bedingungen für Onshore-Anlagen. Wir blicken also positiv in die Zukunft.“

Das Land befindet sich auf der Zielgeraden: Etwa 500 Kilometer westlich von Dağpazarı baut Siemens einen der größten Windparks der Türkei: Hier, auf fast 2.000 Metern Höhe, ist die Installation des durch die Güriş Holding in Auftrag gegebenen Windparks mit insgesamt 50 MW voll im Gange. „Noch vor einem Jahr gab es nicht einmal einen Weg nach oben, der Ort schien von der Zeit vergessen zu sein“, erinnert sich Judit Szasz, Projektleiterin bei Siemens. „So hätten wir nicht einmal einen Kran hochfahren können, geschweige denn die Komponenten einer Turbine.“ Daher hat der Betreiber innerhalb eines Jahres eine Schotterpiste erstellt. Heute ist die Straße teilweise noch immer zu eng für die Laster. „Doch mittlerweile montieren wir die ersten der 22 Turbinen. Nach Inbetriebnahme im Jahr 2013 werden wir die Anlagen weitere fünf Jahre von hier aus warten.“ Dabei zeigt Judit auf eine Container-Insel hinter ihr.

Hier sitzen Techniker von Siemens, Monteure und der Kunde Tür an Tür. „Diese Nähe ist uns sehr wichtig, da wir Dinge persönlich besprechen und Entscheidungen schneller treffen können“. Dies sei vor allem angesichts der schlechten Wetterlage im Gebirge unabdingbar. „An Tagen wie heute, wenn uns der Wind die Steine nur so ins Gesicht schießt und der Nebel jegliche Sicht verdeckt, ist Stillstand angesagt. Doch vielleicht kommt ja noch der passende Moment.“ Falls dem doch nicht so sein sollte, könne sich die Montage einer Turbine, die normalerweise 1,5 Tage dauert, über Wochen ziehen.

Die gleichen Turbinen hat im Oktober 2012 auch Borusan EnBW Enerji, ein Joint Venture aus dem deutschen Energieversorger EnBW und der türkischen Borusan Holding, in Auftrag gegeben. „Unsere 22 Windturbinen des Onshore-Windkraftwerks Balabanlı in der Nähe von Istanbul werden voraussichtlich ab Ende 2014 jährlich rund 149 GWh Strom für rund 43.000 türkische Haushalte erzeugen“, sagt Mahir Tosun, Technikexperte bei Siemens Wind Power. „Diese Anlagen sind etwas Besonderes. Das Rotorblatt ist vier Meter länger als das Model von Dağpazarı, dies bedeutet eine acht Prozent höhere jährliche Energieausbeute.“

Die Rotorblätter sind eine weitere Schlüsselkomponente von Windkraftanlagen. Die hier zum Einsatz kommenden Rotorblätter sehen nicht so aus wie die üblichen starren ‚Brötchenmesser‘, sondern ähneln einem flexiblen arabischen Krummsäbel. Diese „Aeroelastic Tailored Blade“ (ATB)-Technologie funktioniert wie bei einer Federung im Auto, die Stöße dämpft und somit die Lebensdauer des Fahrzeugs verlängert.

Die Suche nach dem richtigen Mix. „Mit Wind allein ist es in der Türkei aber nicht getan“, ergänzt Bubik. Zwar gäbe es ein hohes Potenzial an Windkraft, doch wegen der Beschränkungen durch das bestehende Leitungsnetz könnten derzeit nur 12,5 GW genutzt werden. „Wir brauchen erhebliche Investitionen in Übertragungsleitungen und Trafostationen.“ Die türkische Vision für das Jahr 2023 umfasst zudem auch Geothermie-Kraftwerke mit einer Kapazität von 600 MW und 3.000 MW an Solarenergie. Nach wie vor soll Wasserkraft, die derzeit mit 14.700 MW fast ein Viertel des Energiemixes ausmacht, eine große Rolle spielen. „Hier sind bis 2023 rund 500 Wasserkraftanlagen mit 21.000 MW in Planung“, so Bubik. Daneben möchte die Regierung auch Kohle und Kernkraft fördern. Das Ziel: der Bau von Kohlekraftwerken mit einer Kapazität von 18.500 MW und somit einer Steigerung von 50 Prozent und eine Kernkraftkapazität von 10.000 MW.

Über diese Zahlen denkt Kalaycı in Dağpazarı derweil nicht nach. Er steigt in voller Montur auf das Dach der Gondel, atmet tief durch und wirft einen verträumten Blick auf das weite Gebirge: „Diese Riesen sind mir sehr ans Herz gewachsen“, sagt er. „Die Gondel ist wie die Kajüte eines Schiffes, mit einem feinen Unterschied – man läuft hier nicht Gefahr, seekrank zu werden.“

Hülya Dagli