Go to content

SIEMENS

Research & Development
Technology Press and Innovation Communications

Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany

2050

Fix und fertig: Meisterkoch Shis Restaurant ist über die Grenzen der Megacity bekannt. Die Zutaten für seine Gerichte erntet er selbst: Sie wachsen in vertikalen Gärten im gleichen Gebäude. Selbst spontane, ausgefallene Wünsche eines Gouverneurs versucht Shi zu erfüllen – auch wenn Fugus nicht in den gekühlten Packstationen im Erdgeschoss vorrätig sind. Der seltene Fisch lässt sich jedoch fix über das Logistiknetzwerk der Stadt bestellen. Doch das kostet Zeit – ein kurioser Wettlauf beginnt.

Wettlauf mit der Zeit

China 2050: Das Restaurant im Tiger Tower zählt zu den besten Adressen der Stadt: Alle Produkte werden selbst angebaut, in vertikalen Plantagen des Wolkenkratzers. Selbst ausgefallene Menüwünsche sind möglich – dank einer ausgeklügelten Logistik.

Mühevoll bahnt sich Shi seinen Weg durch die dichte Vegetation. Es ist schwülwarm und an seinen Gummistiefeln klebt lehmige Erde. In der rechten Hand trägt er einen Weidenkorb, in dem verschiedene Kräuter und Früchte liegen. Mit der linken schlägt er sich heftig in den verschwitzen Nacken und fördert einen blutigen Mosquito hervor. Missbilligend begutachtet Shi das Insekt. Seitdem er den Pfad verlassen hat, ist ihm auch die Orientierung abhanden gekommen – dabei wollte er doch nur etwas Koriander suchen. „Li, wie sind diese Blutsauger hier hereingekommen?“, bellt Shi in seinen Kommunikator, den er wie eine flache, transparente Uhr am Handgelenk trägt. „Ich dulde kein Ungeziefer in meinen Gärten – besonders nicht im 30. Stock.“

Shi seufzt. Vor ihm erhebt sich dichtes Bambusgestrüpp, undurchdringlich wie eine grüne Mauer. Ein Huhn pickt an seinen Stiefeln, legt den Kopf schief und blickt ihn vorwurfsvoll an. Dann eben keinen frischen Koriander, denkt sich der Meisterkoch. Vielleicht hat sein Assistent Li noch ein paar Bündel übrig, in der Küche ein Stockwerk tiefer. Eigentlich ärgerlich, denn Shis Restaurant im neuen „Tiger Tower“ hat einen Ruf zu verlieren – keine Küche in der Millionenstadt hat so frische Produkte zu bieten, kein Lokal hat Zutaten mit so kurzen Transportwegen im Angebot.

Das Gemüse, die exotischen Früchte und Kräuter, die Shi so trefflich zu verwerten weiß, wachsen nur wenige Meter über den Köpfen seiner Gäste – in vertikalen, naturbelassenen Plantagen, die sich über mehrere Stockwerke hinziehen und ganze Häuserblocks mit Nahrungsmitteln versorgen. Ab und zu landet auf den Tellern auch eigenes Bio-Geflügel, das in den Gärten umherstreunt, doch den Großteil der tierischen Produkte bezieht Shi aus gekühlten Packstationen am Fuße des Tiger Towers.

Jeden Tag beliefern kleine Elektro-Laster nach einem ausgeklügelten Logistik-System die Reservoirs in den Wolkenkratzern. Die Kunden – darunter auch Shis Restaurant – müssen die bestellten Lebensmittel einfach nur im Erdgeschoss abholen.

Shi versucht das Huhn zu verscheuchen. Er stolpert über eine Ananas und landet in einem Bohnenbeet. Rechts daneben wächst der blühende Koriander. Er grinst und tippt auf seinen Kommunikator. „Alles gefunden, Li. Ich komme jetzt wieder runter.“ Der Meisterkoch sammelt seine Ernte zusammen und stapft zur Schleuse am anderen Ende der verglasten Halle.

Mit einem leisen Zischen öffnet sich die Aufzugstür: Dezente Musik schlägt Shi entgegen und vermischt sich mit dem gedämpften Brutzeln aus seiner offenen Küche. Der Duft von Obstbäumen aus mehreren hängenden Gärten steigt ihm in die Nase, darunter reihen sich gedeckte Tische auf langen Mahagonidielen. In den Panoramafenstern spiegelt sich die untergehende Sonne und taucht die Türme der Megacity in ein rotes Licht.

„Shi, wir haben ein Problem”. Li, der Assistent, eilt hektisch dem Küchenchef entgegen und hält ihm einen hauchdünnen Tablet-PC vor die Nase. „Der Gouverneur hat sich spontan zum Dinner angekündigt. Wir haben eigentlich keine Tische mehr, aber ich habe die beiden Amerikaner einfach unter den Rosenbusch gesetzt. Da piekst es zwar etwas, aber das ist schon ok.” Li holt ein weißes Taschentuch hervor und tupft sich die Stirn ab. „Schlimm ist nur, dass der Herr Gouverneur ein besonderes Menü wünscht: Sushi vom Fugu, dazu unsere spezielle Hühnersuppe.” Shi tippt auf dem Tablet. „Im Kühlreservoir im Erdgeschoss lagert kein Bio-Suppenhuhn mehr. Schick die Küchenhilfe sofort nach oben in die Plantage. Hinten, beim Bambus muss noch eine Henne rumlaufen – mit der hab ich eh noch eine Rechnung offen.” Shi runzelt die Stirn. Fugu ist eine heikle Spezialität, die sein Lokal eigentlich nicht führt. Der Giftfisch ist extrem schwer zu verarbeiten – und auch wenn Shi als lizensierter Sushi-Meister das Tier zerlegen kann, ohne seine Gäste zu gefährden, muss die Ware doch erst bestellt und zubereitet werden. Dafür bleiben ihm gerade einmal 1,5 Stunden, bis sein Gast erscheint – ein buchstäblich gewichtiger Mann, dem man nichts abschlagen sollte.

Shi loggt sich über sein Tablet in die City Logistic Platform ein. Damit lassen sich Produkte aller Art bestellen, die in mehreren, in der Stadt verteilten Warenzentren lagern. Das System informiert dabei nicht nur, ob und wann das Produkt verfügbar ist, sondern gibt auch in Echtzeit Auskunft über den Lieferstatus und aktuellen Standort der Ware – denn alle Produkte sind mit Funkchips versehen und untereinander vernetzt.

„Den Fugu gibts nicht im Warenzentrum unseres Bezirks”, erklärt Shi. „Ein paar schwimmen aber am anderen Ende der Stadt in ihren Bassins.” Shi gibt ein paar Sprachbefehle und blickt wieder auf sein Tablet. „Das wird zu knapp. Der Fisch wird zunächst per Fracht-Container mit der U-Bahn transportiert. Von der nächsten Metro-Station soll es dann per Elektro-Laster weitergehen, doch der fährt erst wieder in einer Stunde.” Lis Augen leuchten. „Ich habe eine Idee”, sagt er. „Wir machen es auf die alte Tour – Ich hole den Fugu von der U-Bahn-Station mit meinem Auto ab. Mit der neuen Verkehrssteuerung bin ich eh viel fixer als früher.”

Während Li mit seinem roten Stromer zur Warenausgabe flitzt, hat sich Shi in seine Küche zurückgezogen. Eine holographische Projektion informiert ihn über den Lieferstatus. Die Küchenhilfe erscheint mit einem gerupften Huhn in der Hand. „Wir kennen uns doch”, grinst Shi und wirft die Henne in einen Topf. Noch eine halbe Stunde, bis der hohe Gast eintrifft. Shi blickt auf das Hologramm: Li hat den Fugu bereits an der Packstation der Metro abgeholt und rast zurück. Dabei surft er dank einer ausgeklügelten Telematik auf der „grünen Welle”. Kostet zwar was, das ist es aber wert. Laut System müsste er in zehn Minuten eintreffen. Shi atmet tief durch. Kurze Zeit später stürzt Li in die Küche, unter seinem Arm klemmt ein kleiner weißer Container. Der Küchenchef reißt ihm das Paket aus den Händen und öffnet es vorsichtig. Li lächelt stolz. Und von hinten ruft der Oberkellner: „Der Gouverneur ist gerade eingetroffen.”

Florian Martini