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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Land im Wandel: Effiziente Meerwasserentsalzungsanlagen und Gebäude wie der Tornado Tower tragen zu einer nachhaltigeren Zukunft Katars bei.
Die Skyline zeigt die moderne Seite Dohas.

Land im Wandel: Effiziente Meerwasserentsalzungsanlagen und Gebäude wie der Tornado Tower tragen zu einer nachhaltigeren Zukunft Katars bei.
Die Skyline zeigt die moderne Seite Dohas.

Land im Wandel: Effiziente Meerwasserentsalzungsanlagen und Gebäude wie der Tornado Tower tragen zu einer nachhaltigeren Zukunft Katars bei.
Die Skyline zeigt die moderne Seite Dohas.

Wüstenperle mit Gewissen

Dank großer Öl- und Erdgasvorkommen hat sich das Scheichtum Katar vom kleinen Wüstenstaat zu einem der reichsten Länder der Welt entwickelt. Doch das hat seinen Preis: Pro Kopf wird nirgends mehr CO2 emittiert als hier. Das soll sich ändern – unter anderem mit Siemens-Hilfe.

Land im Wandel: Effiziente Meerwasserentsalzungsanlagen und Gebäude wie der Tornado Tower tragen zu einer nachhaltigeren Zukunft Katars bei. Die Skyline zeigt die moderne Seite Dohas

Im Grunde genommen ist die Ostküste der arabischen Halbinsel eines der menschenfeindlichsten Gebiete der Erde. Im Sommer klettert das Thermometer nicht selten über die Marke von 50 Grad Celsius, während der geringe Jahresniederschlag von unter 100 mm pro Quadratmeter die Region zu einer der weltweit trockensten macht. Daher ist es kaum überraschend, dass diese Gegend noch vor wenigen Jahrzehnten wenig entwickelt und hauptsächlich vom Fisch- und Perlen-Handel abhängig war. Doch dann begann man, die Öl- und Gasvorkommen auszubeuten: Heute stehen die Scheichtümer an dieser Küste vor allem für Luxus und eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit.

Der Kontrast zwischen Tradition und Moderne ist besonders hoch im Scheichtum Katar. Die „Perle am Persischen Golf“ ragt als 180 Kilometer lange und 80 Kilometer breite sandige Halbinsel südlich von Kuwait und Bahrain ins arabische Meer. Hier hat die Regierung erfolgreich das Ziel verfolgt, historische Stätten mit traditioneller Architektur für die Nachwelt zu erhalten. So feilschen die Bewohner noch heute auf Basaren um Tücher, Haushaltswaren, Parfüme oder Gewürze. Einer von ihnen ist der Souq Waqif in Doha, einst ein Wochenend-Basar für Beduinen, der nach seiner Renovierung 2004 wieder seine Pforten öffnete. Von der Geschichte des Landes zeugen auch die in den Häfen liegenden Dhaus. Das sind alte hölzerne Boote, mit denen die Fischer morgens aufs Meer hinaus fahren und dabei das andere, das moderne Katar vor Augen haben: die imposante Skyline des Hochhausviertels West Bay in der Hauptstadt Doha.

Die verborgenen Schätze des Staates, der nicht einmal ein Drittel der Größe der Schweiz einnimmt, kamen vor rund 75 Jahren ans Tageslicht. Ende der 1930er-Jahre wurden die ersten Erdölvorkommen im Land entdeckt – seitdem ist die Förderung der fossilen Bodenschätze das wirtschaftliche Standbein Katars. Der größte Reichtum liegt vor allem im Erdgassektor: Mit einem Anteil von rund 15 Prozent hat Katar die weltweit drittgrößten, konventionellen Erdgasvorkommen. Insgesamt 60 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes erzielt das Land derzeit mit seinen fossilen Naturschätzen.

Mit dem Wohlstand wuchs auch die Bevölkerung Katars. Lebten 1950 hier noch weniger als 30.000 Menschen, sind es heute rund 1,9 Millionen, darunter 80 Prozent Ausländer. Allein seit 2008 ist die Bevölkerung um ein Fünftel gewachsen und mit ihr auch die Nachfrage nach Trinkwasser und Elektrizität. Dieses Wachstum ist die große Herausforderung, der sich Katar derzeit gegenübersieht. Pro Jahr steigt der Energiebedarf, der hier hauptsächlich durch fossile Kraftwerke gedeckt wird, in der Region zwischen 12 und 15 Prozent. In den extrem heißen Sommermonaten gehen allein 70 Prozent des Energiebedarfs in die Kühlung von Gebäuden.

Die Wasserversorgung übernehmen energieintensive Meerwasserentsalzungsanlagen. Gleichzeitig dominiert der Individualverkehr auf den Straßen: Ein Netz öffentlicher Verkehrsmittel ist noch in Entwicklung, während die klimatischen Extreme heute kaum Alternativen zum Pkw bieten. Die Folge: Laut Weltbank wird nirgendwo auf der Welt pro Kopf mehr CO2 in die Atmosphäre geblasen als in Katar – mehr als 40 Tonnen pro Einwohner. Zum Vergleich: in den USA sind es weniger als 20 Tonnen, in Deutschland weniger als zehn Tonnen pro Kopf.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich Klimaschutzorganisationen und Kritiker in aller Welt überrascht darüber zeigten, dass ausgerechnet Katar vom 26. November bis 07. Dezember 2012 Gastgeber der UN-Klimakonferenz COP 18 war, auf der 15.000 Delegierte aus mehr als 190 Staaten über die Verlängerung des Kyoto-Protokolls diskutierten.

Doch das Scheichtum hat ein Interesse an nachhaltigen Lösungen im eigenen Land. Nicht zuletzt da Erdöl und Erdgas begrenzt verfügbare Rohstoffe sind, stehen Investitionen in erneuerbare Energien und Umweltschutz derzeit im Nahen Osten im Fokus des Interesses. So stellen erste Schritte in Richtung eines nachhaltigen Energiesystems die Weichen für eine Zeit nach Öl und Gas. Das betrifft die Effizienzsteigerung in der Energieerzeugung, der -verteilung und der –nutzung – etwa in Gebäuden oder dem Verkehr – gleichermaßen. „Allein die Tatsache, dass Katar die weltweite Klimagemeinschaft eingeladen hat, zeigt, dass diese Region ebenfalls einen Part in der globalen Diskussion einnehmen will“, bestätigt Achim Steiner, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP), die Nachhaltigkeitsziele der Katarer.

Nachhaltigkeit fördern. So hat Katar seine Ambitionen bereits in einem Entwicklungsprogramm formuliert. In der „Vision 2030“ ist die Rede von 130 Milliarden US-Dollar, die in den nächsten Jahren zur Umsetzung einer nachhaltigen Zukunft bereitgestellt werden sollen. Das Land möchte dabei besonders den Umweltfaktoren Bio-Diversität, Wassermanagement, Klimawandel, Energie und Luftverschmutzung Beachtung schenken. Einige Projekte hat die Regierung bereits angeschoben – auch mit Siemens-Beteiligung. „Katars Interesse an einer nachhaltigen Entwicklung seiner Infrastruktur wächst“, erklärt Bernhard Fonseka, CEO von Siemens in Katar. „Das betrifft vor allem den Energie-Sektor und den Transport. Felder, in denen Siemens eine große Expertise und viele Lösungen vorzuweisen hat.

Beispielsweise installiert Siemens bis Mitte 2013 in Doha etwa 17.000 „intelligente“ Stromzähler, mit deren Hilfe die Verbrauchsdaten im Stromversorgungsnetz effizient ausgelesen, verarbeitet und zur Abrechnung bereit gestellt werden. Der Versorger „Qatar General Electricity & Water Corporation“ (Kahramaa) möchte mit Hilfe dieser Systeme testen, wie sich die Nachfrage nach Energie während Spitzenlastzeiten managen und der Abrechnungsprozess mit den Kunden verbessern lässt.

Heute schon zeigt eines von Dohas Wahrzeichen, der Tornado Tower, wie Gebäude ihren Energieverbrauch spürbar senken können, ohne auf Komfort und Funktionalität zu verzichten. Mit einem Automatisierungssystem von Siemens lassen sich in allen 52 Stockwerken des 200 Meter hohen intelligenten Gebäudes sämtliche Gewerke flexibel steuern und überwachen: Dank eines permanenten Monitorings der einzelnen Verbraucher lässt sich der Energieverbrauch des Hochhauses um rund 20 Prozent senken. Das schont Ressourcen und minimiert den CO2-Ausstoß. „Dabei ist das Siemens-System fast ein Alleskönner“, schwärmt Bob Stow, der als leitender Gebäudemanager für die Gebäudesysteme im Tornado Tower zuständig ist. „Es steuert nicht nur die Energieverteilung und den Energieverbrauch von Klimasystemen oder den elektrischen Anlagen im Haus, sondern darüber hinaus auch die Sicherheits- und Brandschutzsysteme.

Gleichzeitig wird Katar im Zuge seiner Vision 2030 auch den öffentlichen Nahverkehr ausbauen – ebenfalls mit Siemens-Technik. Ein Beispiel ist der im Juli 2012 erteilte Auftrag über 19 Avenio-Straßenbahnen, die ab Herbst 2015 den öffentlichen Nahverkehr im Staat ergänzen werden. Und das besonders umweltfreundlich, weil sie unter anderem ihre Bremsenergie speichern und wiederverwerten. Wie ernst die Regierung das Thema öffentlicher Verkehr nimmt, zeigte sich bereits 2008, als sie den Startschuss für den Aufbau eines integrierten Bahnsystems in Katar gab – inklusive vier Metrolinien in Doha und eines Fernverkehrnetzes für den Personen- und Güterverkehr.

Spätestens 2022 sollen zumindest schon die U-Bahnlinien in Betrieb gehen – pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft, wenn alle Augen wieder auf das kleine Scheichtum gerichtet sein werden. Bis dahin möchte Katar seine Nachhaltigkeitsambitionen verwirklichen. So sollen etwa die Fußballstadien während der Spiele auf unter 30 Grad Celsius heruntergekühlt werden – nicht mit großem Energieaufwand, sondern intelligenter: mit einer Kombination aus Schatten spendenden Dächern mit Solarpanels, die das Stadion nebst effizienten Kühlsystemen mit Sonnenstrom versorgen. Das Land kann dann beweisen, dass selbst im Sommer, wenn das Thermometer wieder über 50 Grad Celsius klettert, die arabische Wüste mit ihren Bodenreichtümern nicht nur ein luxuriöser, sondern zugleich auch ein nachhaltiger Ort sein kann.

Sebastian Webel