Millionen von Milchbauern in Indien können nun ihre Einkünfte steigern – dank neuer Technologien, die die Molkereibetriebe leistungsfähiger und produktiver machen.
Moderne Milchwirtschaft: Die Kooperative Vasudhara verarbeitet Milch aus der Region in vollautomatisch gesteuerten Anlagen zu Molkereiprodukten.
Das Dorf Karanjveri im westindischen Staat Gujarat ist die meiste Zeit des Jahres staubig und trocken. Die Sonne brennt hier mit bis zu 50 Grad Celsius auf die Bewohner herab. Hier lebt die 37-jährige Kaushikaben Deshmukh mit ihrem Mann, dem 16-jährigen Sohn und der 15-jährigen Tochter in einer Stammes- gemeinschaft. Die Familie besitzt acht Kühe und verdient mit der Produktion von 1.650 Litern Milch für die Milchkooperative des Dorfes monatlich 25.000 Rupien netto, etwa 460 US-Dollar. Eine fürstliche Summe für die Deshmukhs, waren sie doch noch vor zehn Jahren Landarbeiter ohne eigenen Grundbesitz.
In den kleinen Ortschaften der Staaten Maharashtra und Gujarat ist dies kein Einzelfall. Tausende Familien verdanken der „Valsad District Cooperative Milk Producers’ Union Ltd. (Vasudhara)“ ein geregeltes Einkommen und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Vasudhara begann 1973 seinen Betrieb und verfügt über 370 Dorfkooperativen mit rund 100.000 Milchproduzenten und -bauern. Die Kooperative kaufen Milch von den Bauern und unterstützen den Einsatz von Technologie und professionellen Managementmethoden in der Milchproduktion. In Vasudharas Fabriken in Alipur, Nagpur und Boisar wird die Milch abgepackt beziehungsweise zu Joghurt, Quark, Käse, Panir (Frischkäse), Butter, Eiscreme und Ghee (geklärte Butter) weiterverarbeitet. Der Spielraum zur Herstellung von Milchprodukten ist groß, denn laut dem National Dairy Development Board (NDDB) werden bisher nur 35 Prozent der in Indien konsumierten Milch weiterverarbeitet.
Das NDDB-Programm „Operation Flood“, eines der international größten ländlichen Entwicklungsprogramme, hat Indien zum größten Milchproduzenten der Welt gemacht. Es wurde 1970 gestartet und sollte die Milchproduktion steigern, die Einkommen auf dem Land erhöhen und den Konsumenten Milch zu angemessenen Preisen liefern. 1990 wurde Vasudhara neben zwölf weiteren Kooperativen Mitglied der „Gujarat Cooperative Milk Marketing Federation (GCMMF)“, Indiens größter Marketingorganisation für Nahrungsmittelprodukte. Sie betreibt Verarbeitungsanlagen in Alipur und in Boisar in Maharashtra.
„Für uns geht es nicht nur um ein profitables Geschäft“, erklärt Darshan Mehta, Geschäftsführer des Vasudhara-Werks Boisar, sondern um eine langfristige Einkommensquelle für die Milchbauern. Das hört sich wie ein Klischee an, aber unser Geschäft wächst zusammen mit den Bauern.“ Heute liefert das Werk täglich 300.000 Liter Milch an Indiens Finanzmetropole Mumbai. Vasudharas verarbeitete Erzeugnisse werden unter der bekannten Marke „Amul“ vertrieben und müssen stets den hohen Qualitätsstandards der GCMMF entsprechen. Das Unternehmen konkurriert mit großen privaten sowie kleinen lokalen Molkereien – es muss deshalb viel in einen effizienteren Produktionsablauf investieren.
Einen großen Anteil leistet die automatisierte Verarbeitungsanlage. Hierbei spielt Siemens eine wichtige Rolle. In allen Anlagen von Vasudhara kommt die „Totally Integrated Automation (TIA)“ von Siemens zum Einsatz. Diese Technologie integriert die Hard- und Software im gesamten Produktionsablauf – von der Annahme der Milchtanklaster bis zur Verarbeitung der Milch, der Verpackung und Auslieferung. Dank TIA kann Vasudhara die Milch sicher transportieren, die Tankfahrzeuge zuverlässig verwalten, die Materialbewegungen verfolgen und durchgängig die Produktspezifikationen erfüllen. Ein speziell für die Milchverarbeitung konstruiertes Prozessleitsystem bietet modernste Verfahrenswerkzeuge für den Betrieb der Molkerei. Alle Prozessschritte – vom Reinigen und Separieren in entrahmte Milch und Sahne bis zum Einstellen des Fettgehalts, dem Pasteurisieren, Homogenisieren, Sterilisieren und Kühlen – werden über Online-Instrumentierung gesteuert.
Qualität ermitteln. Zugleich durchläuft jede Tankladung Milch zur Qualitätssicherung 14 Tests. Ist eine Lieferung verdorben oder hat einen geringeren Fettgehalt als angegeben, wird sie zurückgewiesen. Außerdem werden die Milchbauern nach der Güte ihrer Milch bezahlt – ein Anreiz für sie, hohe Qualität zu liefern. Über eine Code-Identifizierung bestimmt die Automatisierungstechnik an der Annahmestelle den Fettgehalt jeder Lieferung und überweist den entsprechenden Geldbetrag innerhalb von 24 Stunden auf das Bankkonto des Lieferanten. Das frühere System ermöglichte nur monatliche Zahlungen.
„Siemens hat einen speziellen Bereich für die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie und liefert Technik, die in den letzten 15 Jahren zum Standard in indischen Molkereien geworden ist“, erklärt Bhaskar Mandal, Leiter für Industrieautomatisierung in Südasien beim Siemens-Sektor Industry. „Mit unserer Technologie reduziert Vasudhara die Betriebskosten, sichert eine konstante Produktqualität und kann seine Kapazitäten flexibel erweitern. Davon profitieren auch die Verbraucher und die Lieferanten.“ „Dank der Automatisierung erzielen wir Einsparungen, die wir in den Ausbau unserer Kapazitäten und die Modernisierung der Prozesstechnik investieren“, sagt der Geschäftsführer Darshan Mehta. „Zugleich produzieren wir genug Milch, um eine ganze Stadt zu versorgen.“ Im Rahmen seines Programms „Journey 2015“ will Vasudhara nun seine Kapazitäten bald auf 1,1 Millionen Liter Milch am Tag erweitern – eine Erfolgsgeschichte sowohl für das Unternehmen wie für viele indische Milchbauern.