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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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„Es wird eine neue Form flexiblen Arbeitens entstehen“
Prof. Dr. Dieter Spath (61) studierte Maschinenbau an der Technischen Universität München. Nach seinem Studium gehörte er der Geschäftsführung der KASTO-Firmengruppe an, bevor er 1992 zum Professor für Werkzeugmaschinen und Betriebstechnik an der Universität Karlsruhe berufen wurde. Seit 2002 ist Dieter Spath Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart. Spath wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz für herausragende Verdienste um Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Wird der Fabrikarbeiter in Zukunft mehr wissen müssen als heute?

Spath: Neben dem erforderlichen Fachwissen wird er vor allem die Zusammenhänge in der Produktion kennen müssen. Entscheidungen können durch Technik unterstützt werden, aber die Mitarbeiter müssen wissen, welche Auswirkung ihre Entscheidung hat – und das in einer immer komplexer werdenden Umgebung. Da dieses Wissen sehr stark vom jeweiligen Unternehmen abhängt, wird die Bedeutung des „Training-on-the-job“ zunehmen.

Welche Rolle wird menschliche Arbeitskraft in der Fabrik von morgen noch spielen?

Spath: Menschen werden auch in Zukunft drei wesentliche Funktionen abdecken: Technisch gesprochen sind sie Sensor, Entscheidungsträger und Akteur. In der Produktion wird nie alles im Vornherein planbar sein. Um komplexe Situationen bewältigen zu können, braucht man Menschen mit all ihren Fähigkeiten. Als Entscheidungsträger müssen sie bei Zielkonflikten abwägen. Menschen werden nicht nur die Regeln für den Normalfall definieren, sondern auch die Entscheidungen im Konfliktfall treffen. Und als Akteure werden sie gebraucht, um individuelle Anforderungen von Kunden flexibel umsetzen zu können – natürlich unterstützt durch moderne Technik.

Wie wird die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine aussehen?

Spath: Neue Roboterkonzepte werden eine einfache Interaktion mit Menschen ermöglichen. Insbesondere der Einsatz von Leichtbaurobotern zur Übernahme einfacher Einlege- und Positionieraufgaben wird zunehmen. Ich gehe aber davon aus, dass auch in Zukunft der Mensch die führende Entscheidungsinstanz bleiben wird.

Mit welchen Technologien wird der Fabrikarbeiter in seinem Alltag umgehen? Vor allem, wenn die Belegschaft immer älter wird?

Spath: Wir haben über die letzten Jahre eine unglaubliche Lernkurve im Umgang mit Mobilgeräten im privaten Umfeld erlebt und setzen diese Technologien jetzt zunehmend auch in der Produktion ein. Während wir heute über den Einsatz von Tablet-PCs, Smartphones und Apps in den Fabriken diskutieren, steht die nächste Gerätegeneration schon vor der Tür. Die Einsatzmöglichkeiten für Geräte, die Informationen mobil bereitstellen und gleichzeitig die Hände frei halten, sind noch gar nicht ausgelotet. Obwohl genau dies eine klassische Anforderung aus der Produktion ist. Berührungsängste – im wahrsten Sinne des Wortes – und Akzeptanzprobleme mit den neuen Technologien existieren momentan noch vor allem bei vielen älteren Mitarbeitern. Ich bin aber zuversichtlich, dass dies eine Übergangsphase ist. Wenn der persönliche Nutzen klar gezeigt werden kann, machen sich Junge wie Alte neue Technik schnell zu Eigen. Denken Sie nur an Senioren, deren Enkel im Ausland sind: Die nutzen dann ganz selbstverständlich die technischen Hilfsmittel wie Skype, E-Mail oder soziale Netze.

Welche großen Herausforderungen wird das Management in der Fabrik der Zukunft meistern müssen?

Spath: Momentan deutet vieles darauf hin, dass der Umgang mit neuen Formen flexibler Arbeit die größte Herausforderung darstellen wird. Das betrifft nicht nur die bereits angesprochenen Bereiche der Mensch-Maschine-Kommunikation und den Umgang mit intelligenten Objekten. Arbeit wird sich in Zukunft noch stärker als heute am tatsächlichen Bedarf ausrichten. Arbeitszeitmodelle werden sich ändern, bis hin zu angepassten flexiblen Lebensarbeitszeitmodellen. Ich gehe davon aus, dass eine neue Form räumlicher und zeitlicher Flexibilität entsteht. Wichtig ist hierbei, den Nutzen für alle Beteiligten herauszuarbeiten und vernünftig zu verteilen. Wir denken, dass sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer davon profitieren können.

Welche Auswirkungen wird das auf die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben haben?

Spath: Diese Grenzen werden neu gezogen werden müssen. Das zeigt sich schon heute. Denken Sie etwa an die Diskussion um die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit via E-Mail. Ich sehe aber auch große Chancen, denn dezentrale Abstimmungsprozesse und die Bereitstellung von Informationen über Mobilgeräte können dem Mitarbeiter auch ein Stück verloren gegangener Zeitsouveränität zurückgeben, die für andere Lebensinhalte eingesetzt werden kann. Ist zudem der Arbeitsplatz nicht allzu weit von der Wohnung entfernt, ergeben sich dank der Informations- und Kommunikationstechniken ganz neue Formen flexiblen Arbeitens. Dies reicht bis zu „Patchwork“-Verhältnissen, bei denen Mitarbeiter in mehreren Unternehmen im Einsatz sein können. Ein Beispiel hierfür sind die spezifischen Belange älterer Mitarbeiter. Die Nähe zu allen Einrichtungen der Produktion und des eigenen Lebensumfelds werden ein alternsgerechtes Arbeiten erleichtern.

Das Interview führte Susanne Gold.