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SIEMENS

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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
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„Die Energiewende ist ein Angebot für eine global orientierte Klimapolitik“

Prof. Dr. Dr. Klaus Töpfer (74) war von 1987 bis 1994 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) und ab 1994 Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. 1998 trat der studierte Volkswirt das Amt des Exekutivdirektors des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) an, das er bis 2006 inne hatte. Heute ist Klaus Töpfer unter anderem Vorsitzender der Jury des „Innovationspreises für Klima und Umwelt“ des BMU, Exekutivdirektor des „Institute for Advanced Sustainability Studies“ (IASS) in Potsdam, Professor für Umwelt und nachhaltige Entwicklung an der Tongji-Universität in Shanghai sowie Vorsitzender der Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung der Bundesregierung.

Steigende Stromkosten und die vermeintlich schwindende Akzeptanz der Bevölkerung: Sind wir bei der Energiewende auf einem guten Weg? Wo müssen wir nachsteuern, um wieder auf Kurs zu kommen?

Nach wie vor gibt es eine breite Zustimmung in der deutschen Bevölkerung für die Energiewende. Doch wir haben einen erheblichen Nachsteuerungs- und Gestaltungsbedarf, um diese Akzeptanz auch weiterhin erhalten zu können. Ein Beispiel: Beim Erneuerbare Energiengesetz (EEG) gibt es wirklich dringenden und weit reichenden Novellierungsbedarf. Als das Stromeinspeisegesetz verabschiedet wurde, war ich noch Umweltminister in der Regierung Helmut Kohl. Dieses Gesetz und sein Nachfolger, das EEG, das Erneuerbare Energiengesetz, haben dazu geführt, dass Deutschland im Bereich und in der Anwendung von Erneuerbaren Energien international führend ist. Vor allem: Die Kosten für erneuerbare Energien, für Wind und Sonne, haben eine bemerkenswerte Lernkurve nach unten durchlaufen. Der Preis für eine Kilowattstunde Photovoltaik ist von den über 50 Eurocent in meiner Zeit bis heute auf rund 10 Eurocent bei Großanlagen gesunken. Die Kostenschwelle wird erreicht, indem die Erzeugung von Solarenergie zum Eigenverbrauch wirtschaftlich attraktiv wird.

Mittlerweile haben erneuerbare Energien mit über 20 Prozent an der Energieerzeugung eine Bedeutung erreicht, die eine Anpassung der gesetzlichen Grundlagen und eine Umgestaltung der Energiemärkte zwingend notwendig machen. So erzeugen wir in Deutschland teilweise so viel Strom aus Erneuerbaren, dass diese Menge höher ist als die Nachfrage nach Strom in Deutschland´- mit massiven Konsequenzen bis hin zu negativen Preisen. Eine Herausforderung, der wir durch das Marktdesign, aber auch durch neue Möglichkeiten des Speicherns und durch eine bessere Stromnetzstruktur entgegentreten müssen. Sie sehen, es gibt erhebliche Baustellen bei der Energiewende. Meine Überzeugung, dass wir ein professionelles Projektmanagement dringend brauchen wird dadurch sicherlich bestätigt.

Die EEG-Umlage steht bei der Energiewende besonders in der Kritik. Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, damit die Strompreise nicht weiter in die Höhe schießen?

Zunächst muss ich ergänzen: Für die stromintensiven Industrien in Deutschland, die von der EEG-Abgabe, den Netzkosten und den damit verbundenen Steuern befreit sind, ist der Strom jetzt so billig, wie er es lange, lange Zeit nicht war. Sie zahlen etwa 4,5 Eurocent pro Kilowattstunde Strom – vor der Energiewende waren es über sechs Eurocent. Diese EEG-Umlagen-Befreiung wird hauptsächlich von den privaten Haushalten getragen – die Umlage erhöht sich entsprechend der Entlastung anderer. Natürlich stellt sich daher die Frage, wie das verändert und sozial veträglich gestaltet werden kann. Verstehen Sie mich nicht falsch: diese Entlastung ist für besonders energieintensive Industrien unstrittig. Nicht zuletzt deswegen, weil sie aufgrund ihrer permanenten, ganztägigen Nachfrage für die Stabilität der Netze sorgen. Aber dennoch: wir sollten uns noch ganz kritisch die Liste derer vornehmen, die als energieintensiv und im internationalen Wettbewerb stehend gekennzeichnet werden. Dies wird allein schon deshalb dringend notwendig sein, damit die europäische Kommission nicht erfolgreich überprüfen kann, ob das, was wir hier tun, noch im Einklang mit dem europäischen Wettbewerbsrecht steht.

Welche Rolle spielen technische Innovationen bei der zukünftigen (Strom-) Kostenentwicklung?

Innovationen kommt in der Energiewende eine ganz zentrale Bedeutung zu. Und ich freue mich sehr darüber, dass Unternehmen wie Siemens intensiv auf diesem Gebiet forschen und entwickeln. Zum Beispiel im Handlungsfeld der Energiespeicher, etwa der Elekrolyse, bei der aus überschüssigem Strom Wasserstoff als Energieträger gewonnen werden kann. Wenn es uns mit einer solchen Technologie gelingt, das Gas- und das Stromnetz miteinander zu verbinden, dann wird ein enormer Fortschritt bei der Realisierung der Energiewende möglich. Denn Deutschland ist mit seinen Kapazitäten für Gasspeicher regelrecht gesegnet. Ein weiteres Beispiel ist Smart Grid. Wenn wir eine intelligentere, dezentrale und nicht kontinuierliche Strom-Erzeugung haben wollen, brauchen wir auch ein solches intelligentes Netz, das die Erzeugung und Nachfrage von Strom clever aussteuert. Ich erwarte eine regelrechte Fundgrube für neue Technologien, was sich auch bereits sehr klar zeigt. Mit diesen zwei Beispielen kommen wir bei der Energiewende schon deutlich voran. Davon gibt es noch Dutzende mehr.

Können und sollten wir hierbei nicht auch von Best Practices in anderen Ländern / Energiemärkten lernen?

Das ist definitiv richtig und wichtig. Ein besonders eklatantes Beispiel: das Demand Management. Das ist eine Verbrauchssteuerung, die mit dem gezielten Abschalten einzelner Verbraucher das Stromnetz entlastet und zu hohen Stromeinsparungen in den Zeiten führt, in denen erneuerbare Energien nicht oder nicht hinreichend zur Verfügung stehen. Während in den USA dieses Lastmanagement ein großes Thema ist, haben wir in Deutschland bisher vergleichsweise wenig in diesem Bereich gemacht – einfach deswegen, weil es bisher nicht notwendig war. Jetzt, zu einer Zeit, wo statt großer konventioneller Kraftwerke plötzlich Dezentralität und Erneuerbare unseren Strommarkt kennzeichnen, ändert sich das. Jetzt brauchen wir mehr Flexibilität. Wenn also das Aufkommen an erneuerbaren Energien im Stromnetz schwankt, können wir dann nicht auch mit Lastmanagement dafür sorgen, dass sich die Nachfrage diesen Schwankungen besser anpasst? Wie können wir dieses Nachfragemanagement bei uns effektiv einbringen und technologisch optimieren? Zusammen mit einem Expertenkreis beobachte ich die amerikanische Landschaft hinsichtlich des Lastmanagements sehr intensiv. Es ist wichtig zu wissen, wie eine fluktuierende Nachfrage systematisch verstärkt werden kann. Dieses Beispiel zeigt: Wir wären dumm, würden wir nicht schauen, was andere Energiemärkte außerhalb unseres Zaunes machen.

Inwieweit können Unternehmen wie Siemens mit internationaler Energiemarkt-Expertise zur erfolgreichen Umsetzung der Energiewende beitragen?

Unternehmen wie Siemens sind von höchster Bedeutung für die Realisierung der Energiewende. Es können nur solche Volkswirtschaften einen derartigen Umbruch zu einem nachhaltigen Energiesystem wagen, die mit hoher technologischer Qualität und Forschungsintensität auf diese Herausforderungen zugehen und die gleichzeitig eine robuste, wissenschaftlich und forschungsmäßig unterlegte Wirtschaftsstruktur haben. Siemens ist einer der großen Leuchttürme auf diesem Gebiet – und das weltweit. Etwa bei der Hochspannungsgleichstromtechnik, die es ermöglicht, riesige Mengen von Strom über lange Entfernungen nahezu ohne Verluste zu transportieren. Weitere Forschungen auf diesem Gebiet etwa bei der „Superconductivity“ sind ergänzend erforderlich. Ein weiteres Beispiel ist das angesprochene Demand Management. Oder Gaskraftwerke, die hinsichtlich des Wirkungsgrades und der schnellen Verfügbarkeit sowohl ökologisch als ökonomisch weltweit höchst bedeutsam sind und Bestmarken aufstellen. Vor allem ist es massiv zu bedauern, dass es uns in Deutschland immer noch nicht gelungen ist, so Politik zu betreiben, dass diese modernen, höchst effizienten Gaskraftwerke wieder in die Stromerzeugung hineinkommen – einfach deswegen, weil die Kosten für CO2-Zertifikate zurzeit so erbärmlich niedrig sind, dass dadurch, verbunden mit sehr niedrigen Weltmarktpreisen für Kohle, die ältesten Kohlekraftwerke noch am Netz bleiben. Gegenwärtig steigen in Deutschland die CO2-Emissionen! Wir brauchen in Deutschland und weltweit solche kreativen Unternehmen, die auch die Kraft haben, sich über den Tellerrand des aktuellen Tages hinaus zu positionieren.

In den USA jedoch sinken die Erdgaspreise rapide... Und auch anderswo versucht man die unkonventionellen Quellen zu nutzen. Ist das eine Gefahr für den Weg zu nachhaltigen Energiesystemen, weil weniger Erneuerbare gebaut werden, oder sogar ein Vorteil, weil Strom aus Erdgas wesentlich weniger Treibhausgase erzeugt als aus Kohle?

Kurzfristig ist dieser Vorteil gegeben. Die Amerikaner könnten – wenn ich die Zahlen richtig kenne – jetzt ohne jede Schwierigkeit das Kyoto-Protokoll unterschreiben, weil sie durch das Stilllegen alter Kohlekraftwerke und Ersetzen durch neue, moderne Gaskraftwerke natürlich einen gewaltigen Fortschritt in der Minderung der CO2-Emissionen haben. Nicht verwunderlich, dass es in den USA für CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken einen ordnungsrechtlich fixierten Grenzwert gibt! Darüber hinaus: Es ist faszinierend zu verfolgen, wie wenig zwischenzeitlich weltweit über Kernenergie gesprochen wird – gesprochen wird nur noch von unkonventionellem Gas. Kernenergie ist, wie auch der „Economist“ feststellte, schlicht und einfach zu teuer! Die Preise für unkonventionelles Gas sind deutlich unter denen der Kernenergie – auch bei gegebenen Kraftwerken, ganz zu schweigen von neuen. Sie sehen, wie schnell sich durch Technik Rahmendaten für den Markt verändern. Was mich persönlich besorgt, ist die Jagd nach möglichst niedrigen Energiepreisen. Bei den unkonventionellen Quellen ist dieser Vorteil offenbar gegeben – aber mit welchen mittel- und langfristigen Konsequenzen für die Umwelt und die damit verbundenen Kosten. Dabei dürfen wir nicht vergessen, bei der Energieversorgung auch global langfristig zu denken. Mitte dieses Jahrhunderts müssen auf dieser Welt neun Milliarden Menschen mit Energie versorgt werden, damit wirtschaftliche Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung in Einklang mit Umweltvorsorge denkbar werden. Nicht nur in Afrika ist Armut zu allererst Energiearmut. Eine Verbreiterung des Angebots von Energie, im Sonnengürtel der Welt gerade auch durch Solarenergie, wird damit zur entscheidenden Voraussetzung für die Bekämpfung von Armut und damit für die Sicherung einer friedlichen Entwicklung. Wir dürfen uns nicht von dem Hype der „unkonventionellen Energien“ dazu verführen lassen, die strukturelle, neue Perspektive der Energiewende und die professionelle Umsetzung in Frage zu stellen. Ich bin und bleibe davon überzeugt, dass das die große Chance ist – auch für den Industriestandort Deutschland über den Tag hinaus. Dies wird, wenn es nicht jetzt schon so ist, ein hervorragender Business-Case. Dass wir gegenwärtig nur unsere Kosten sehen, nicht aber die Perspektive der Investition in eine neue Energieinfrastruktur und der damit verbundenen Standortvorteile, ist in einer offenen Demokratie verständlich. Hilfreich ist sie jedoch nicht.

Sollten die angesprochenen Herausforderungen erfolgreich umgesetzt werden: Hat die Energiewende mitsamt der durch sie gewonnenen Erkenntnisse das Zeug, als Vorbild für ein nachhaltiges Energiesystem auch in anderen Ländern zu dienen?

Diejenigen, die immer darauf hinweisen, dass Deutschland mit der Energiewende ein Vorbild ist oder sein sollte, werden eher Antireaktionen auslösen als Beifall. Das ist meiner Meinung nach auch verständlich.

Die Erkenntnisse der Energiewende werden nicht direkt als Blaupause für andere Länder zu verstehen und zu nutzen sein – zu unterschiedlich sind auch die Energiemärkte von Region zu Region, als dass dies einfach so möglich würde. Die Erkenntnisse der Energiewende werden eher ein Angebot sein, eine engagierte, global orientierte Klimapolitik im Einklang mit zwingend erforderlicher wirtschaftlicher Entwicklung zu betreiben. Dafür wird es notwendig, dank der Energiewende eine Bandbreite an Technologien und Lösungen anbieten zu können. Damit verbindet sich der wirtschaftliche, ökologische und soziale Vorteil, Herausforderungen wie dem Klimawandel, aber auch der absehbaren Ressourcenverknappung in jeder Region besser begegnen zu können.

Das Interview führte Sebastian Webel