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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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Effizienter wirtschaften: Hier ist noch viel Luft nach oben

Ein knappes Milchglas Öläquivalent, 0,19 Liter, braucht es heute im weltweiten Mittel, um ein Gut im Wert von einem US-Dollar zu produzieren. 1990 war es noch ein Viertelliter gewesen. Eine weitere Absenkung dieser sogenannten Energieintensität gilt heute als einer der Schlüssel, um das von der Europäischen Union vorgegebene Ziel zu erreichen, die CO2-Emissionen bis 2050 gegenüber 1990 um 80 Prozent zu senken. Tatsächlich sind schon beträchtliche Fortschritte erzielt worden. In Deutschland gelang es, die Energieintensität seit 1990 von 0,17 auf 0,11 Liter zu reduzieren, ein Spitzenwert, der nur von wenigen, teils klimatisch begünstigten Ländern wie Spanien übertroffen wird. Auch China gelang ein großer Erfolg – trotz aller Kritik wegen seines immensen Energieverbrauchs: Seit 1990 sank die Energieintensität Chinas von 0,72 auf 0,27 Liter.

Laut Internationaler Energieagentur (IEA) wurde die Energieintensität von 1980 bis 2010 weltweit jährlich um ein Prozent reduziert – vor allem dank technischer Innovationen. So hat etwa die Einführung des elektronisch geregelten Permanentmagnetmotors den Wirkungsgrad von Elektromotoren auf bis zu 95 Prozent gesteigert. Doch trotz aller Fortschritte nahm der weltweite Primärenergieverbrauch von 1990 bis heute um über die Hälfte zu. Zwar stieg in dieser Zeit auch die Weltbevölkerung um ein Drittel auf 7,1 Milliarden Menschen, dennoch bleibt das Ergebnis ernüchternd.

Die Ursache lässt sich auf ein Wort reduzieren: Komfort. Weltweit brauchen die Menschen heute mehr Platz zum Wohnen, sie fahren auch in Entwicklungs- und Schwellenländern immer mehr Autos, und sie leisten sich Dinge, von denen sie früher kaum zu träumen wagten. Doch inzwischen haben laut dem World Energy Outlook 2012 der IEA alle wichtigen energiehungrigen Staaten ehrgeizige Pläne zur Steigerung der Energieeffizienz vorgelegt. Nehmen sie ihre Vorgaben ernst, ließe sich die Energieintensität von 2010 bis 2035 um jährlich 1,8 Prozent reduzieren, also insgesamt um 36 Prozent. Weltweit sind dafür Investitionen von jährlich 158 Milliarden US-Dollar nötig.

Sind solche Prognosen realistisch? Durchaus, bilanziert das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe in einem Report für das deutsche Umweltministerium. Danach lässt sich bis 2050 der Energiebedarf der Europäischen Union um 57 Prozent gegenüber 1990 verringern. Rund 500 Milliarden Euro an Energiekosten könnten pro Jahr gespart werden – die notwendigen Investitionen wären damit zu gut 90 Prozent kompensiert. Das grösste Effizienzpotenzial steckt in Gebäuden. Um 71 Prozent lässt sich nach der Studie deren Energiebedarf reduzieren: vor allem durch bessere Wärmedämmung des bestehenden Immobilienbestandes, moderne Gebäudetechnik und eine energieeffizientere Wärme- und Warmwasserversorgung. Ein Potenzial von 53 Prozent Energieeinsparung verbirgt sich im Transportwesen – dank technischer Verbesserungen im Strassenverkehr, einer energieeffizienten Fahrweise und verbesserter Transportlogistik. Um 52 Prozent lässt sich der Energieverbrauch der Industrie bis 2050 reduzieren: Drei Viertel dieser Einsparungen sind nach der Studie durch technische Verbesserungen bei Dampferzeugung und Elektromotoren zu erreichen.

Vor allem in Industrie und Gewerbe geht es allerdings nicht nur um Energieeffizienz, sondern auch um Kosteneinsparungen. So machen im verarbeitenden Gewerbe mit über 40 Prozent die Materialkosten den höchsten Aufwandsanteil aus. In einer im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie durchgeführten Befragung bei fast 1.500 Gewerbebetrieben kommt das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung zum Schluss, dass sich nach Selbsteinschätzung der Firmen rund sieben Prozent Materialeinsparungen erreichen ließen – was eine Kostenreduktion von 48 Milliarden Euro pro Jahr ergibt, vor allem im Fahrzeug- und Maschinenbau, in der Elektroindustrie und im Ernährungsgewerbe.

Sinkender Energieverbrauch trotz wachsender Volkswirtschaften: Kann das funktionieren? Es kann, mit konkreten Vorgaben. Seit 1990 hat beispielsweise Dänemark seinen Energieverbrauch um 18 Prozent gesenkt, während das Bruttoinlandsprodukt um 41 Prozent gestiegen ist. Schon in den 90er-Jahren forcierten die Dänen den Bau von mit Erdgas betriebenen Kraftwerken, die neben Strom auch Heizwärme produzieren, mit einem hohen Gesamtwirkungsgrad von bis zu 90 Prozent. Parallel dazu bauten sie die Windkraft aus. Nun wird die Wirtschaft zu effizienterer Nutzung verpflichtet. Ab 2013 müssen die Energieunternehmen Dänemarks um jährlich 2,6, ab 2015 gar um 2,9 Prozent effizienter werden. Dazu steht ihnen ein von den Behörden definierter Katalog anerkannter Maßnahmen zur Verfügung, um diese Ziele in enger Kooperation mit den Kunden zu erreichen. Gerade diese Kundenbindung gilt nach den bisherigen Erfahrungen als wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Die Europäische Union, die sich in ihrer Energieeffizienz-Richtlinie am dänischen Vorbild orientierte, verlangt mit 1,1 Prozent jährlicher Effizienzsteigerung für die Energieunternehmen weit weniger. Die „Energie Roadmap 2050“ der EU schöpft daher in ihrem Effizienz-Szenario das vom Fraunhofer-Institut bezifferte Einsparpotenzial nur zu 72 Prozent aus. Vor allem in Haushalten und der Industrie wäre deutlich mehr drin, sagen die Ersteller der Studie. Dennoch bleibt die EU im international Vorreiter. Weltweit haben bislang neben einigen europäischen Staaten nur manche US-amerikanische und australische Bundesstaaten verpflichtende Regelungen zur Energieeffizienz eingeführt.

Nicht berücksichtigt werden in diesen Vorgaben die sogenannten Rebound-Effekte. Wenn etwa das durch eine Wärmepumpe auf der Stromrechnung eingesparte Geld für eine Flugreise ausgegeben wird oder einfach mehr geheizt wird, verpufft die Einsparung bis zur Wirkungslosigkeit. In einer Studie der EU ist von Rebound-Verlusten von zehn bis 30 Prozent die Rede. Der Ökonom Tilman Santarius spricht in einer Untersuchung des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie auf lange Sicht gar von 50 Prozent.

Wie sie zu vermeiden wären, weiß niemand so recht. Selbst im vorbildlichen Dänemark beschränkt man sich mangels besserer Rezepte auf Appelle ans individuelle Verhalten. Das nimmt euphorischen Zukunftsprognosen einiges an ihrem Schwung. Der Zukunftsforscher Jorgen Randers erwartet daher in seiner Prognose für den Club of Rome für das Referenzjahr 2052 eine Reduktion der Energieintensität von nur einem Drittel gegenüber 2010. Das wäre in etwa das „Business as usual“ der vergangenen Jahrzehnte. Mehr, so Randers, sei realistischerweise nicht zu erwarten, solange sich effektive Anreize wie etwa eine wirksame CO2-Steuer politisch nicht durchsetzen ließen.

Einen entscheidenden Schlüssel halten die Verbraucher selbst in Händen. Sie beeinflussen mit ihren Kaufentscheidungen die Ausrichtung der produzierenden Industrie. Und hier erlaubt eine aktuelle Umfrage des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und Medien vorsichtigen Optimismus: Danach wären 81 Prozent der Verbraucher bereit, für energie- und ressourcenschonende Elektronik-Geräte einen höheren Preis zu bezahlen. Etwas mehr als die Hälfte nähme Mehrkosten von fünf Prozent und mehr in Kauf.

Urs Fitze