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Dr. Ulrich Eberl
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Tarifdschungel adé: Mit dem kreditkartengroßen E-Ticket können Fahrgäste alle Verkehrsmittel flexibel nutzen. In Lissabon ist eine erste Lösung bereits im Einsatz.

Smarter reisen mit dem eTicket

Um den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu machen, arbeiten Wissenschaftler an Konzepten, die den Fahrkartenkauf so einfach wie möglich machen und die Vernetzung mit anderen Verkehrsmitteln ermöglichen. Dem eTicketing gehört die Zukunft.

Tarifdschungel adé: Mit dem kreditkartengroßen E-Ticket können Fahrgäste alle Verkehrsmittel flexibel nutzen. In Lissabon ist eine erste Lösung bereits im Einsatz.

Wer kennt das nicht: Früh morgens steht man vor dem Fahrkartenautomaten und dann reicht das Kleingeld nicht. Oder man verzweifelt vor der Auswahl an Tarifen: Einzelticket? Tagesticket? Wie viele Zonen? Und welches Verkehrsmittel ist das schnellste bis zum Ziel: Bus? Bahn? Das schreckt ab.

Abhilfe schafft das elektronische Ticket, das den Fahrgast vor Kleingeldsuche und Tarifdschungel bewahrt und Busse und Bahnen zu einer attraktiven Alternative zum Pkw werden lässt. Ein großer Vorteil: Moderne Systeme berechnen automatisch den richtigen Fahrpreis. Das einzige, was der Fahrgast bei sich trägt, ist eine Plastikkarte im Kreditkartenformat, mit der er sich bei den Fahrten registrieren kann. Siemens hat eine solche Smartcard entwickelt. Über integrierte RFID-Chips kann die Karte mittels Funkwellen identifiziert werden. Sie lässt sich intermodal, also für verschiedene Verkehrsmittel, und interoperabel, also für verschiedene Verkehrsunternehmen und Tarifverbünde sowie angeschlossene Dienstleister einsetzen. Fahrgäste können so mit nur einem Medium alle Verkehrsmittel einer Stadt oder eines Verkehrsverbundes nutzen und flexibel zwischen den Verkehrsträgern wechseln.

Siemens forscht kontinuierlich an Konzepten für das benutzerfreundliche Reisen und hat auch beim Ticketing verschiedene Lösungen realisiert. So ist beim portugiesischen Bahnbetreiber Comboios de Portugal eine eTicketing-Lösung im Einsatz, für die Siemens die Zugangskontrollsysteme und die Hintergrundsoftware lieferte, die eine interoperable Vernetzung mit dem regionalen Verkehrsanbieter OTLIS in Lissabon ermöglichen. Die einzelnen Fahrten werden registriert, indem der Fahrgast die Smartcard beim Ein- und Aussteigen vor einen Kartenleser hält. Man spricht bei diesem Zugangsprinzip auch von einem „Check-in/Check-out“ (CiCo)-Verfahren.

Technisch ist jedoch noch viel mehr möglich. Die von Siemens entwickelte Smartcard besitzt eine Doppelfunktion und ist auch für das „Be-in/Be-out“ (BiBo)-Prinzip einsetzbar. Damit könnte folgendes Szenario schon in wenigen Jahren Realität sein: Mit der Smartcard – egal ob in der Hosentasche oder im Rucksack – betritt der Fahrgast Bus oder Bahn. Die Karte wird automatisch, das heißt ohne aktive Handlung des Reisenden erfasst. Das entsprechende, von Siemens entwickelte System zur sogenannten Raumerfassung besteht aus einem Lesegerät und einem Minicomputer, dem sogenannten „BiBo-Gateway“. Das Lesegerät ist im Fahrzeug an der Decke montiert und enthält neben den Antennen für die Detektion der Smartcard auch solche für die drahtlose Kommunikation mit dem BiBo-Gateway. Immer wieder wird die Smartcard, auch während der Fahrt, über Funkwellen registriert. Sobald der Fahrgast den Waggon am Zielort verlässt, bucht die Karte sich automatisch wieder aus. Das BiBo-Gateway sammelt die Daten – also die gefahrenen Strecken, die Wechsel in der Wagenklasse, Fahrtunterbrechungen und Umsteigevorgänge –, verschlüsselt diese und schickt sie komprimiert an das Hintergrundsystem. Dort werden die erfassten Daten dem Kundenkonto und damit dem Fahrgast zugeordnet und der jeweils günstigste Fahrpreis berechnet.

„Genau hier – in der korrekten Abrechnung – liegen die Herausforderungen des Systems“, erklärt Marcel Kalbermatter, der bei Siemens Schweiz für das Thema eTicketing verantwortlich ist. Abgerechnet wird bargeldlos. „Die Fahrgäste können wählen, ob sie lieber per Lastschrift oder Kreditkarte bezahlen oder ihr eTicket als Guthabenkarte führen wollen“, sagt Kalbermatter. „Letzteres hat den Vorteil, dass es nicht zwingend nötig ist, seine persönlichen Daten anzugeben.“

Easy Ride für Eidgenossen. Kalbermatters Heimatland – die Schweiz – könnte schon bald zum Vorreiter in Sachen eTicketing werden. Schon vor mehr als zehn Jahren wurden dort – damals unter dem Namen „Easy Ride“ – erste Tests für das bargeldlose Reisen absolviert. Die Funktionstüchtigkeit und die Zuverlässigkeit des Tickets überzeugten, die Kosten für die Einführung des BiBo-Ansatzes waren jedoch noch zu hoch. Das ist heute anders. Die Schweizer Bundesbahnen und der Verband öffentlicher Verkehr in der Schweiz planen bis 2017 mit einem einzigen elektronischen Ticket alle herkömmlichen Fahrkarten abzulösen. „Siemens bereitet zurzeit die Zulassung des Systems vor. Wenn es uns gelingt, das BiBo-Prinzip in der Schweiz einzuführen, wäre das Land weltweit führend in Sachen eTicketing“, so Kalbermatter.

In den vergangenen Jahren gelang es Siemens, das eTicketing-System kontinuierlich weiterzuentwickeln. „Die Technik ist viel billiger geworden, wir rechnen nur noch mit einem Bruchteil der Kosten für das ganze System verglichen mit dem, was es vor einigen Jahren gekostet hätte“, erklärt Kalbermatter, der die Easy Ride-Idee in der Schweiz begründet hat. Hätten früher noch teure Ethernet-Kabel verlegt werden müssen, laufe die Kommunikation heute über gesicherte Drahtlosnetzwerke. Darüber hinaus habe sich auch die RFID-Technik etabliert, und Geräte und Chips seien wesentlich günstiger geworden.

Vorteile des eTicketings liegen für die Verkehrsanbieter vor allem darin, dass sie damit die Betriebskosten senken können. Mithilfe der Details von Passagierzahlen und bevorzugten Reisezeiten können sie den Einsatz ihrer Fahrzeugflotten optimieren. Einnahmeausfälle durch Schwarzfahrer oder die Anzahl gefälschter oder falsch gewählter Tickets würden stark zurück gehen, glaubt man den Statistiken der Oystercard, die beim Londoner CiCo-System zum Einsatz kommt. Der Verkehrsanbieter registrierte dort einen Rückgang der Einnahmeverluste von 4,5 Prozent in 2003 auf 1,5 Prozent in 2007– insgesamt verdiente das Unternehmen dadurch fast 47 Millionen Euro mehr. Natürlich braucht man auch weiterhin Ticketkontrollen – dabei reicht es meist, die Chipkarte in die Nähe des Kontrollgeräts zu halten, um die Gültigkeit der Fahrkarte festzustellen. Dank der automatischen Erfassung der Wege und Zeiten und der Streckenauslastung können die Verkehrsanbieter auch die Tarife neu gestalten: So können sie Stammkunden Rabatte einräumen oder die Benutzung der Züge in Randstunden honorieren und dadurch Anreize zu einer besseren Auslastung schaffen.

Vom elektronischen Ticket spricht man aber nicht nur bei Smartcards. Auch mit Smartphones kann man elektronische Tickets kaufen. Allerdings lässt sich das BiBo-Prinzip technisch nur bedingt über Handys umsetzen. Da zudem nicht jeder ein ausreichend leistungsfähiges Handy besitzt, kann das Mobiltelefon nur eine Alternative und nicht die einzige Lösung sein. Probleme liegen aus Datenschutzsicht auch darin, dass das Handy während der Fahrt angeschaltet bleiben muss und so permanent Daten gespeichert werden, sobald Funkzellen durchfahren werden. Bewegungsdaten sind damit in Echtzeit über den Mobilfunkanbieter abrufbar. Der Manipulationsschutz ist darüber hinaus bei der Smartcard deutlich höher. Doch als alternatives Zugangsmedium hat das Handy durchaus seine Berechtigung. So existieren bereits Lösungen wie das „Handyticket Deutschland“, das von der Siemens-Tochter HanseCom mit dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen realisiert wurde.

Eines ist jedenfalls sicher: Das Ticket aus Papier gehört der Vergangenheit an. Die Smartcard soll langfristig nicht nur im öffentlichen Personenverkehr zum Einsatz kommen: „Je mehr Funktionen wir in der Smartcard integrieren können, desto attraktiver ist sie. Beispielsweise könnten damit auch gebührenpflichtige Parkplätze gezahlt werden oder sie könnte an Mietwagen- oder Bike-Sharing-Stationen zum Einsatz kommen“, erklärt Kalbermatter seine Zukunftsvision. „Und das wichtigste: Alles wird über ein Zahlungsmittel abgerechnet und der Nutzer erhält für alle in Anspruch genommenen Leistungen nur eine Rechnung am Monatsende.“ Ein weiterer Schritt, den öffentlichen Verkehr noch stärker mit dem Individualverkehr zu vernetzen. Schon heute gehören Parkplatznot, Verkehrsstaus und Luftverschmutzung zu den größten Problemen von Städten weltweit. Das eTicketing könnte hier einen Beitrag zur Lösung leisten.

Mirjam Blaum