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Dr. Ulrich Eberl
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Freie Fahrt für Millionen: Bangkok baut den öffentlichen Personennahverkehr aus.
Der Skytrain von Siemens ist als erster Teil des Plans bereits 1998 in Betrieb genommen worden.

„Zur rush-hour im Schneckentempo. Asiatische Städte müssen noch erheblich
in den öffentlichen Nahverkehr investieren.“

Schnelle Verbindung: Seit Siemens den Airport Rail Link nach Bangkok lieferte, nutzen ihn jeden Tag rund 45.000 Passagiere.

„Der Skytrain in Bangkok ist inzwischen zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden."

Masterplan gegen Dauerstau

Die aufstrebenden Wirtschaftszentren Bangkok und Kuala Lumpur rüsten sich mit neuen Nahverkehrsnetzen für die Zukunft. Siemens ist dabei auf vielfältigste Weise Partner der Metropolen.

Schnelle Verbindung: Seit Siemens den Airport Rail Link nach Bangkok lieferte, nutzen ihn jeden Tag rund 45.000 Passagiere.

In Bangkok sind viele Verkehrspolizisten mit Nabelschnurscheren ausgestattet, denn alljährlich kommen hunderte Frauen auf dem Weg ins Krankenhaus nieder. Kein Wunder – denn in der Hauptstadt Thailands herrscht notorischer Dauerstau. Wo einst Kanäle die Metropole durchzogen, quälen sich heute auf den Straßen täglich Millionen Autos. Motorrikschas, die Tuktuks, reihen sich dazwischen, und Motorradtaxis manövrieren ihre Passagiere geschickt durch die Blechkolonnen.

Ohne öffentlichen Nahverkehr wäre der Verkehrskollaps längst eingetreten. Sieben Millionen Fahrzeuge sind hier registriert, elf Millionen Menschen leben in der Region. Das Schlimmste zu vermeiden hilft der von Siemens 1998 fertig gestellte „Skytrain“, der auf 12 bis 30 Metern hohen Viadukten über die im Stau stehenden Autos hinweg schwebt – zu Stoßzeiten im Zweiminutentakt. Täglich fahren rund 600.000 Passagiere mit der zu einem Wahrzeichen Bangkoks avancierten Schnellbahn. Sie besteht aus zwei Linien, die vom Stadtinneren über 32 Haltestationen nach Norden, Südosten und Südwesten führt. Siemens fertigt derzeit 35 weitere Waggons für den Skytrain.

Der Aufstieg asiatischer Metropolen wie Bangkok oder der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, die beide mit einem Wirtschaftswachstum von sechs Prozent pro Jahr zu den wichtigsten Metropolen Asiens gehören, hat auch seine Schattenseiten. Anfang der 1990er-Jahre legten die Bewohner Bangkoks rund achtzig Prozent aller Fahrten mit Bus, Auto, Moped oder Taxi zurück. Die Durchschnittsgeschwindigkeit im Stadtzentrum lag während der Stoßzeiten unter 10 km/h – heute sind es immerhin 18 km/h. Prognosen der Weltbank sagen zudem voraus, dass die urbane Bevölkerung Thailands bis 2050 um 60 Prozent steigen wird.

„Wir brauchen schnelle, verlässliche und verbrauchsarme öffentliche Verkehrsmittel für eine bessere Umwelt und Lebensqualität“, sagt Teerachon Manomaiphibul, stellvertretender Gouverneur von Bangkok. „Bis 2021 wollen wir die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel von heute 40 auf 60 Prozent erhöhen.“ Bangkoks Stadt- und Verkehrsplaner entwickelten bereits 1994 einen ambitionierten Masterplan, den Bangkok Mass Transit Development Plan mit über einem Dutzend neuer U-Bahn- und Schnellbahnlinien, unter anderem entlang der stark befahrenen Sukhumvit und Silom Road, die so entlastet würden. Es gibt immer wieder Änderungen zu dem Plan, doch die grobe Struktur bleibt erhalten.

Der erste Streich war der Skytrain. Siemens ist in Thailand bereits seit 110 Jahren tätig – inzwischen nicht mehr nur als ein Auftragnehmer, sondern auch als Partner, mit über 1.200 Mitarbeitern, davon allein 400 für Montage und Wartung der Züge in Bangkok. Das Unternehmen erhielt auch den Auftrag für die „blaue Linie“, die erste U-Bahn der Stadt. Siemens errichtete die Metro bis 2004 in nur 28 Monaten in Zusammenarbeit mit einem thailändischen Bauunternehmer; heute nutzen sie täglich 210.000 Passagiere. Sie führt in einem Halbkreis entlang einer der wichtigsten – und stauanfälligsten – Routen. Der Bau war kein Kinderspiel, liegt die Stadt doch in einer Tiefebene entlang des Chao Phraya Flusses. „Die Bauingenieure mussten sicherstellen, dass kein Wasser in die Tunnel dringt – vor allem während der Regenzeit“, sagt der Bahnexperte Katrat Upayokin, der in Bangkok Siemens Rail Systems leitet.

2010 lieferte Siemens zudem den Airport Rail Link. In seinen klimatisierten Wägen fahren täglich 45.000 Passagiere von der Innenstadt zum 28 Kilometer entfernten Suvarnabhumi Flughafen und zurück. Alle drei Bahnen sind an mehreren Bahnhöfen vernetzt, um ein rasches Umsteigen zu ermöglichen. Diese Nahverkehrs-Projekte helfen dem boomenden Bangkok, seine Infrastruktur an das starke Wachstum anzupassen.

Doch der Ausbau des Netzes geht in Riesenschritten weiter. So sollen in den nächsten vier Jahren weitere acht Milliarden Euro investiert werden. Mit bis zu zehn Bahnlinien soll das Streckennetz mehr als verdoppelt werden. Bis 2029, so der aktuelle Masterplan, sollen 18 neue Nahverkehrsstrecken die Stadt versorgen, die aus dem Zentrum in die Peripherie und im Ring um die Innenstadt führen. „Wird alles wie geplant verwirklicht, hat Bangkok zweifellos eines der besten Nahverkehrssysteme Asiens“, sagt Marc Ludwig, Vertriebsleiter für den Asien-Pazifik-Raum in der Mobility and Logistics Division von Siemens.

Uni für Zugtechnik-Ingenieure. Dabei lebt das Unternehmen auch mit der Metropole. Während großer Überflutungen im November 2011 halfen Siemens-Mitarbeiter, die Stadt vor dem Chaos zu bewahren, indem sie einen reibungslosen Betrieb des Schienenverkehrs garantierten: Sie waren ständig auf Abruf, für den Fall, sollte die Hauptstadt evakuiert werden müssen. Außerdem unterstützt Siemens derzeit die Regierung Thailands dabei, an führenden Universitäten Lehrpläne für Zugtechnik-Ingenieure neu zu entwickeln. „Unser Rat wird von unseren Vertragspartnern in Bangkok gerne gehört“, sagt Mathias Becker, der für den Vertrieb in Thailand zuständig ist. „Natürlich vor allem in technischer Hinsicht, aber man fragt uns auch nach unseren Erfahrungswerten für die Verkehrsplanung.“

Dank der erfolgreichen Bahnlinien ist Bangkok auch ein Vorzeigebeispiel für andere Städte Asiens – etwa für Kuala Lumpur. Hier entfielen Anfang der 1980er-Jahre noch ein gutes Drittel aller Fahrten auf den öffentlichen Nahverkehr – Busse, Taxis, Bahn. Heute sind es nur noch 20 Prozent, die auf öffentliche Verkehrsmittel entfallen. „Das liegt auch daran, dass die nationale Autoindustrie, vor allem die Marke Proton, von der Regierung stark gefördert wurde. Dem öffentlichen Nahverkehr galt daher bis vor kurzem nicht das Hauptinteresse“, sagt Shariman Zain Yusuf von Siemens Mobility and Logistics in Malaysia. Auch heute noch besitzt in Kuala Lumpur jeder Haushalt im Schnitt zwei Fahrzeuge – fast so viele wie in den Vereinigten Staaten. „Für neue Straßen ist allerdings kein Platz, weshalb massive Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr sehr angebracht sind.“

Für die Commonwealth Games im Jahre 1998 baute die Stadt zwei automatisierte Stadtbahnen. Die Kelana Jaya Line führt von Osten nach Süden durch die Metropole, die Ampang-Linie von Norden nach Osten. Außer der KL Monorail und dem Express Rail Link (ERL) zum Kuala Lumpur International Airport wurden seither allerdings keine weiteren Strecken errichtet. Die Folge: Die 1,6-Millionen-Stadt – mit weiteren vier Millionen Menschen in der Region – hat mit die wenigsten Schienenkilometer pro Einwohner in Asien. Doch auch hier machen es Dauerstaus wie in Bangkok notwendig, das Nahverkehrsnetz massiv auszubauen. Dabei soll der Schienenverkehr das Rückgrat bilden. Bis 2020, so sieht es der Entwurf der Regierung vor, sollen über 100 Kilometer neue Metrolinien entstehen, die das Zentrum mit den Außenbezirken verbinden. Darunter auch modernste, fahrerlose Züge. 58 Inspiro-Züge hat die Mass Rapid Transit Corporation Kuala Lumpurs einschließlich zweier Zugdepots 2012 von Siemens geordert – sie sollen bis 2016 auf einer neuen 51 Kilometer langen Strecke rollen, die den Nordwesten der Stadt mit dem Südosten verbindet. Dies ist Teil eines umfassenden Infrastrukturplans, der die Verkehrs- und Umweltbelastung im Großraum Kuala Lumpur reduzieren soll.

In Nordamerika ist diese Technologie noch kaum verbreitet – in Europa, etwa in Nürnberg, Paris, Lille oder Oslo, fahren allerdings bereits fahrerlose U-Bahnen. Ihr Vorteil: Sie können in kürzerer Taktung fahren, mehr Passagiere transportieren und sind kosteneffizient. „Wenn man ein Verkehrssystem von Grund auf neu errichtet wie in Kuala Lumpur, will man die neueste Technologie“, so Yusuf. „Natürlich müssen die Menschen das Angebot erst auch annehmen – und deshalb ihre alten Gewohnheiten ändern. Aber ich bin zuversichtlich, denn auch die bisher gebauten Linien hat die Bevölkerung angenommen. Niemand steht gerne stundenlang im Stau.“

Hubertus Breuer