Im Industriegebiet von Inegöl nahe der türkischen Großstadt Bursa bereitet eine der größten biologischen Kläranlagen Europas die Abwässer auf.
Die türkische Wirtschaft boomt seit Jahren so rasant wie kaum irgendwo sonst – im Jahr 2010 mit fast neun Prozent, nur China war noch besser. Auch im Jahr 2011 verzeichnete das Land noch ein Wachstum von über acht Prozent. Entsprechend stark wachsen die industrielle Produktion und der Energie- und Wasserverbrauch. Ein Beispiel ist das 35 Hektar große Industriegebiet von Inegöl in der 1,9-Millionen-Einwohner-Metropole Bursa, rund 150 Kilometer südlich von Istanbul. Hier siedelten sich Unternehmen aus der Textil-, Glas-, Holz- und Möbelindustrie an. Hinzu kommen Betriebe aus der Chemie-, Lebensmittel-, Getränke- und Automobilbranche. Die Abwässer dieser Unternehmen werden in ein zwölf Kilometer langes Abwassernetz geleitet, das etwa zur Hälfte auch Schmutzwasser der Bewohner von Inegöl aufnimmt.
Die bisherige Kläranlage aus dem Jahr 2000 war für die Aufbereitung von 55.000 Kubikmetern (m3) Wasser täglich ausgelegt worden, doch wegen des kontinuierlichen Wachstums der Industriezone wurde 2007 ein Konsortium aus Siemens und dem türkischen Infrastrukturbauer Alke beauftragt, die bestehende Anlage auf eine Kapazität von 130.000 m3 Wasser auszubauen und mit einem biologischen Klärschlammreduktionssystem auszustatten. Die Anforderungen und Spezifikationen waren eine enorme Herausforderung. Einerseits sollten mit der modernisierten Kläranlage weniger Energie benötigt, die Betriebskosten gesenkt und die Klärschlammmenge reduziert werden, andererseits stand aber kein Platz zur Verfügung, um sie flächenmäßig zu vergrößern.
Doch das komplexe Projekt gelang. „Hier hat Siemens seine europaweit größte biologische Kläranlage gebaut“, sagt Ersoy Bulutlar, Leiter von Water Technologies in der Türkei. Dank dem von Siemens entwickelten VertiCel-Prozess benötigt der Aufbereitungsprozess nun auch weniger Energie. Das Unternehmen lieferte eine Anlage, die den biologischen Klärprozess optimiert: Integriert sind verschiedene Wasserbehandlungsstufen inklusive der Entfernung von Feststoffen und deren Aufbereitung.
Luftige Lösung. Damit Bakterien das Abwasser aufbereiten können, benötigen sie Sauerstoff, der mit hohem Energieaufwand zugeführt werden muss. Wegen der im Abwasser enthaltenen Tenside und anderen Verunreinigungen sind konventionelle Belüftungssysteme jedoch nur wenig wirksam. Eine feinblasige Belüftung stellt die energieeffizienteste Methode zur Wasseraufbereitung dar, würde aber durch vorhandene Verunreinigungen im Abwasser eingeschränkt. Um dieses Problem zu lösen, wird im VertiCel-Prozess eine optimale Kombination von energiesparenden Tellerbelüftern zu Beginn des Prozesses und eine feinblasige Belüftung im zweiten Schritt eingesetzt, die erst dann zum Einsatz kommt, nachdem die meisten Verunreinigungen bereits entfernt worden sind.
Der übriggebliebene biologische Schlamm wird an das so genannte Cannibal-System zur Feststoffreduzierung weitergeleitet. Die biologisch abbaubaren Stoffe werden weiter zersetzt, je nach Bakterienkulturen im Wechsel mit und ohne Luftzufuhr. Dank dieses patentierten Trennungsverfahrens arbeiten die Bakterien wesentlich effizienter, und die Belebtschlammmenge – also die Ansammlung an Mikroorganismen, die bei der biologischen Reinigung organische Stoffe abbauen – sinkt im Vergleich zu konventionellen Prozessen um 30 bis 50 Prozent. Die biologischen Feststoffe, die noch übrigbleiben, werden entwässert und getrocknet und zur Verbrennung an ein Zementwerk geliefert. Da dank der neuen Technologie wesentlich weniger Belebtschlamm entsteht, sinken die Kosten für Trocknung und Verbrennung. Nach der Behandlung wird das Wasser schließlich in ein Reservoir geleitet, wo es für die landwirtschaftliche Bewässerung verwendet wird.
Zukunftsweisend. Allein durch die geringeren Energiekosten und die gesunkenen Kosten für die Schlammentsorgung können die Betreiber in Inegöl 1,5 Millionen Euro jährlich sparen, wenn die Anlage voll ausgelastet ist. „Das ist auch für die betroffenen Firmen attraktiv. Denn sie sind an den Betriebskosten der neuen Kläranlage beteiligt“, erklärt Ersoy Bulutlar. Mit der platz-, wasser- und energiesparenden Bio-Kläranlage hat sich Siemens eine führende Position auf dem Feld der Abwasseraufbereitung in der Türkei erarbeitet. Bulutlar: „Das Inegöl-Projekt zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit mit einem weltweit tätigen Anbieter wie Siemens sein kann, denn der Konzern verfügt nicht nur über das technische Know-how und ein breites Angebot an Lösungen, sondern auch über viel Erfahrung auf diesem Gebiet.“
Im Land am Bosporus gebe es großen Nachholbedarf, glaubt Bulutlar. „Die Türkei möchte schrittweise das Niveau der EU erreichen, was große Investitionen erfordert“, erzählt er. Mit verschiedenen Anreizen will das türkische Ministerium für Wissenschaft, Industrie und Technologie die Industriezonen des Landes an Wasserreinigungen anschließen. Laut der statistischen Daten von 2009 ist das erst bei 70 von 120 größeren Industriezonen der Fall. In den nächsten vier Jahren will die Türkei dafür sorgen, dass auch die Abwässer von 43 weiteren Industriezonen gereinigt werden. Für Siemens ist Inegöl daher ein ideales Vorzeigeobjekt – befindet es sich doch in einer besonders dynamischen Industrieregion mit vielfältigen Herausforderungen.