Die globale Wirtschaft ordnet sich neu. Doch eine der wichtigsten Grundregeln gilt weiter: Innovation ermöglicht und sichert Wohlstand.
Treiber der Weltwirtschaft: Produktion und Innovation finden zunehmend auch in BRIC-Ländern statt – diese verfügen zudem über einen großen Pool an Talenten.
Zu Zeiten der industriellen Revolution machten Spinnmaschinen und mechanische Webstühle die Herstellung von Kleidung zu einem hochgradig maschinellen Prozess. Der Nordwesten Englands wurde dank dieser Innovationen zum weltweiten Zentrum der Textilherstellung – und leitete den Niedergang der indischen Textilindustrie ein. Gegen die höhere Effizienz der Maschinen konnte sie einfach nicht bestehen. Heute, rund 250 Jahre später, hat sich die Industrielandschaft in England stark verändert, und Ikonen unter den britischen Weltmarken sind in ausländischem Besitz. Prominenteste Beispiele sind Land Rover und Jaguar, beide gehören Tata Motors – einem indischen Unternehmen.
Die Weltwirtschaft verändert sich. Ökonomen sprechen dabei von kreativer Zerstörung: Innovationen ermöglichen neue Geschäftsmodelle, machen alte hinfällig. Für sich genommen sind die meisten dieser Veränderungen kaum merklich – kleine Verbesserungen in Produktionsmethoden; Beschleunigung oder Verbilligung von Transport; effizientere Kommunikation; höheres Bevölkerungswachstum. Doch in Summe prägen diese kleinen Schritte die großen Trends. Sie bestimmen mit, wo auf dem Globus wir produzieren, wie und durch wen konsumiert wird. Wo Wohlstand geschaffen und wo er vernichtet wird. Und wo schließlich die nächste Idee entsteht, die – durch kreative Zerstörung – unsere Weltwirtschaft weiter vorantreibt.
Die Wirkung dieser kleinen Schritte ist in Summe so mächtig, dass die Weltwirtschaft immer wieder ihr Gesicht verändert. Wer hätte vor 30 Jahren den rasanten Aufstieg Chinas erwartet? Wer den Zusammenbruch der Sowjetunion? Wer hätte gedacht, dass sich große Teile der Massenfertigung von Europa und den USA nach Asien verlagern würden? Oder dass wir heute Logistik – bis hin zur Bestellung einer Pizza – zeit- und kostensparend über das Internet abwickeln würden?
„Es ist unübersehbar, dass derzeit fundamentale Umbrüche in der Struktur der Weltwirtschaft in vollem Gange sind“, sagt Dr. Tom Kirchmaier von der Financial Markets Group der London School of Economics (LSE). „Wachstum in herkömmlichen Industrien wird künftig vornehmlich in den heutigen Schwellenländern stattfinden. Für die bereits hochentwickelten Länder bedeutet das: Sie müssen ihr Wachstum noch stärker durch Innovation unterlegen.“ Multinationale Technologie-Unternehmen wie Siemens können aufgrund ihrer globalen Aufstellung von beiden Trends profitieren: In reichen Ländern wird gezielt in besonders hochwertige Fertigungsindustrien sowie Forschungs- und Innovationsaufgaben investiert. Ein Beispiel ist die Fertigung modernster Gasturbinen von Siemens in Charlotte, North Carolina, USA.
Zugleich entstehen in Schwellen- und Entwicklungsländern Fertigungsstandorte, die wichtige Zulieferfunktionen erfüllen und auch die Bedürfnisse lokaler Märkte optimal abdecken. Fertigungs- und Produktionsnetzwerke werden heute im weltweiten Maßstab auf Effizienz und Robustheit hin optimiert, um die wachsende Komplexität zu bewältigen (siehe weitere Artikel Lehren aus der Katastrophe und Der Fußabdruck der Fertigung). Wie wichtig Fertigung für den ökonomischen Aufstieg eines Landes ist, betont der Harvard-Ökonom Prof. Dani Rodrik: „Fertigung bringt Jobs, die relativ gut bezahlt sind, sie fördert private Investitionen und ebnet den Weg für eine weitere Diversifikation der Wirtschaft. Hier muss man ansetzen und systematisch Beschäftigung aufbauen.” Kolum-bien macht es derzeit vor.
Kolumbien gehört nicht zu den riesigen Schwellenländern, wie Brasilien, Russland, Indien oder China, den sogenannten BRIC-Staaten. Aber das lateinamerikanische Land hat erhebliches Entwicklungspotenzial und eine ausreichende Größe, um für ausländische Investitionen immer attraktiver zu werden. 2011 stiegen die ausländischen Direktinvestitionen um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Siemens, seit 1954 vor Ort vertreten, fasst Kolumbien mit anderen Ländern – wie der Türkei oder Viet-nam – unter dem Begriff Second Wave Emerging Countries (SEWEC) zusammen.
Die Volkswirtschaften dieser Länder wachsen teils stark überdurchschnittlich, hier entstehen neue Märkte, es lohnt die Produktion vor Ort. Das neue Siemens-Werk in Tenjo bei Bogota beispielsweise produziert besonders effizient und genügt neuesten Umweltstandards. Es hat sich unter anderem auf Verteilertransformatoren für erneuerbare Energie spezialisiert, vor allem für große Windparks und Solaranlagen in USA und Kanada. Die Entwicklung der Trafos übernahmen die kolumbianischen Ingenieure gleich selbst.
Auch weil die Anpassung an lokale Kundenbedürfnisse immer wichtiger wird, findet Innovation zunehmend in Schwellenländern statt. Jeder Markt hat seine eigenen Anforderungen. Der Anspruch „One size fits all“ gehört der Vergangenheit an. Die großen multinationalen Unternehmen von morgen müssen ihre Prozesse und Strukturen weiter dezentralisieren und stärker multilokal agieren – also an vielen Orten gleichzeitig zu Hause sein und innovieren. In der Nähe von Moskau investiert Siemens derzeit beispielsweise rund 40 Millionen Euro in ein Forschungs- und Entwicklungszentrum. Es wird Teil des Innovationsparks Skolkovo, der allein in den ersten drei Jahren rund 2,8 Milliarden US-Dollar an staatlichen Investitionen erhalten soll.
Ziel dieser Investitionen von Siemens in Schwellenländern ist es auch, langfristig global die Zahl der sogenannten S.M.A.R.T.-Produkte im Konzern zu erhöhen. Dabei steht „S.M.A.R.T.“ für „simple“, „maintenance friendly“, „affordable”, „reliable” und “timely to market”. Produkte, die einfach zu bedienen, wartungsfreundlich, robust und kostengünstig sind, die also perfekt auf die Bedürfnisse bestimmter Marktsegmente im Einstiegslevel abgestimmt sind.
Zu diesen Produkten gehört der CT-Scanner SOMATOM Spirit. Sein relativ günstiger Preis wird es zahlreichen Krankenhäusern erstmals ermöglichen, Computertomographie-Untersuchungen anzubieten. Davon profitieren in China die Bewohner von Regionen, in denen es nur kleine Kliniken gibt, etwa abseits großer Städte. Die dortigen Hospitäler waren bisher eher selten mit CT-Scannern ausgestattet. Die Verbindung von wirtschaftlichem Aufstieg und kostensenkenden Innovationen eröffnet somit Millionen Menschen erstmals Zugang zu qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung.
Den Krankenhäusern des ärmsten mexikanischen Bundesstaates Chiapas stellte Siemens 44 Ultraschallgeräte zur Verfügung; die Kindersterblichkeit in Chiapas ließ sich in den letzten zwei Jahren um rund fünf Prozent senken. Aus ganz anderen Gründen stieg die Lebensqualität der Bewohner des Dorfes Adjuntitas Dos im mexikanischen Bundesstaat Querétaro: Dort installierte Siemens im Jahr 2011 dezentrale Solaranlagen, die es den Bewohnern ermöglichen, dauerhaft elektrische Lampen zu betreiben. Die Kinder können abends besser ihre Hausaufgaben erledigen – und durch bessere Bildung ihre Verdienstaussichten langfristig verbessern.
Kontrollierte Globalisierung. Geschichten wie diese machen Hoffnung. Im größeren Maßstab bleibt die Welt jedoch offensichtlich von krasser Ungleichheit geprägt: Immer größerer Wohlstand – zugleich immer größere Wohlstandsgefälle. Immer mehr Menschen, die aus der Armut herausfinden – gleichzeitig immer mehr Menschen, die aufgrund hoher Geburtenraten in Entwicklungsländern, in relative Armut hineingeboren werden. Wie muss die Weltwirtschaft funktionieren, um diese Missverhältnisse abmildern zu können? Ist mehr oder weniger Globalisierung vonnöten?
Womöglich ist die Frage schlicht falsch gestellt und es geht nicht um den Grad der Globalisierung, sondern um eine bessere Regulierung, die es erlaubt, ihre Vorteile besser zu nutzen und ihre Nachteile zu verringern. Die Finanzkrise zeigte die Risiken ungenügender Regulierung. Sie zeigte, wie komplexe Systeme durch ihre Eigendynamik unvorhersehbar – und unvorhersehbar schnell – die Welt auf den Kopf stellen können. „Wir beginnen gerade, die Nachteile einer nicht ausreichend kontrollierten Globalisierung zu verstehen – zum Beispiel, welche Verwerfungen sie auf den Finanzmärkten anrichten kann. Der Markt ist eine tolle Sache, er muss aber hin und wieder vom Staat in die rechten Bahnen gelenkt werden. Besonders Finanzmärkte sind von Natur aus instabil“, sagt Dani Rodrik.
Bis die schwerwiegendsten Folgen der Finanz-krise bewältigt sind, sind daher Vertrauen und starke Partner auch in Finanzierungsfragen unverzichtbar. Siemens reagiert darauf mit maßgeschneiderten Finanzierungslösungen. Viel hängt davon ab, ob die Welt sich selbst Regeln zu geben versteht, die helfen, schwer kontrollierbare wirtschaftliche Prozesse in Zaum zu halten. Gelingt diese Zähmung, können Schwellenländer einen Pfad nachhaltigeren Wachstums finden, der für Rückschläge weniger anfällig ist. Zugleich könnten die reichen Länder Wege finden, ihren Wohlstand zu wahren, trotz stagnierender oder schrumpfender Bevölkerung.
Der wichtigste Schlüssel dazu bleibt Innovation, in entwickelten, wie in aufstrebenden Ländern. Zu Zeiten der industriellen Revolution ermöglichten dampfgetriebene Webstühle immense Effizienzsteigerungen. Heute schlummern solche Produktivitäts-Potenziale in der noch besseren Nutzung der weltweiten Vernetzung, durch Computer-, Kommunikations- und Internettechnologien. Und im Umbau der weltweiten Energie- und Wirtschaftssysteme – hin zu größerer Umwelt- und Ressourcenschonung. Diese Entwicklung hat gerade erst begonnen, gestaltet werden die dafür nötigen Innovationen von gut ausgebildeten Spitzenkräften.
Klima für neue Gedanken. Die Talente von morgen sind das wichtigste Gut, mit dem Unternehmen wirtschaften. Hervorragend ausgebildete Ingenieure sind inzwischen weltweit Mangelware. Ihr Marktwert steigt, doch auch der Druck auf jede einzelne dieser begehrten Kräfte nimmt zu. Das hat seinen Preis, menschlich, etwa in Form von Überarbeitung und Erschöpfung, bis hin zum Burnout. Doch es gibt auch eine wirtschaftliche Dimension. Durch überhöhte Belastung am Arbeitsplatz sinkt die individuelle Leistungsfähigkeit und es entstehen Ausfallzeiten. Die daraus resultierenden Einbußen allein für Deutschland beziffert das Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg auf rund 364 Milliarden Euro, ein Sechstel des Bruttoinlandsprodukts.
Unternehmen achten daher immer stärker darauf, die Leistungsfähigkeit ihrer besten Kräfte nicht nur zu nutzen, sondern auch zu erhalten. So dürften sich die Arbeitsformen der Zukunft erheblich von den heutigen unterscheiden: Mehr Projektarbeit, mehr freie Beschäftigungsverhältnisse und mehr Freiheit, aber auch größere Verantwortung für den Einzelnen. Ein Klima, in dem auch neue Gedanken und Innovationen leichter eine Chance bekommen, als in stark hierarchischen Strukturen. Und es werden Ideen und Innovationen sein, die die Weltwirtschaft zur nächsten Blüte führen.
Der russische Ökonom Nikolai Kondratjew stellte 1926 die These auf, dass die Wirtschaft in Jahrzehnte dauernden Zyklen von einer Phase technologischer Innovation in die nächste übergeht. Dieser Paradigmenwechsel bringt jeweils neue Chancen, eine erhöhte Effizienz und damit ein höheres Niveau an Wohlstand – aber eben auch Phasen des Übergangs, die schmerzhafte Anpassungen erforderlich machen. „Vieles spricht dafür, dass wir uns wieder in einer solchen Transformation befinden“, sagt Tom Kirchmaier. „In ehemaligen Hochburgen der nordamerikanischen Schwerindustrie blühen auf einmal wendige kleine Unternehmen auf. Der Vater stand in Detroit am Fließband – der Sohn programmiert heute Apps, die weltweit nachgefragt werden.“ Die Weltwirtschaft ordnet sich neu und sie ermöglicht dabei neue Erfolgsgeschichten. Erfolgsgeschichten für ganze Nationen, für Unternehmen und für einzelne Menschen. In mexikanischen Bergdörfern wie Adjuntitas Dos genau so wie in den Industriebrachen Detroits. In beiden Fällen dank Innovationen, deren Zeit gekommen war.