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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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2040

Blick in die Zukunft: Mitten in einer chinesischen Metropole befindet sich ein altes traditionelles Viertel, dessen Infrastuktur nicht mehr „kompatibel“ mit dem Rest der Megacity ist. Ein neuer Hightech-Gebäudekomplex soll den Anschluss an die Moderne herstellen. Vor dem Baustart prüft der Stadtplaner Li die Auswirkungen des Projekts. Sein Instrument der Wahl: ein neues holographisches Labor, wo die Zukunft realitätsgetreu simuliert wird.

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Was wäre, wenn...

Eine chinesische Megacity im Jahr 2040: Im Labor für Stadtentwicklung untersuchen Li und sein Kollege Shi die Auswirkungen eines Neubauprojektes auf ein altes, bislang kaum berührtes Viertel. Li taucht dabei tief in die Materie ein...

Die Dunkelheit ist ebenso allumfassend wie die Stille. Leichter Schwindel überfällt Li und raubt dem jungen Chinesen die Orientierung. Die mahnenden Worte des leitenden Ingenieurs kommen ihm in den Sinn – „halte die Augen beim Daten-Upload geschlossen, sonst verschmutzt Du mein teures Labor.“ Li befolgt den Rat von Shi, der das neue Zentrum für Stadtplanung entwickelt hat. Langsam kommt sein Gleichgewichtssinn wieder in die Balance. Die Luft ist warm, trocken und riecht etwas steril. „Programm fertig geladen“, flüstert eine Stimme in Lis Ohr. „Öffnen Sie nun bitte die Augen.“

Eine laue Brise weht ihm ins Gesicht. Sie duftet leicht nach Geflügelbrühe und Hühnermist. Die sonnenüberflutete Straße ist gesäumt von Bäumen, dahinter reihen sich traditionelle Holzbauten. Alte Männer sitzen vor der Türe, spielen Mah-Jong und rauchen. In einem der Hinterhöfe bellt ein Hund. Li spaziert die Straße entlang. Unter seinen Füßen spürt er den rissigen Asphalt und stolpert beinahe über eine der großen Bodenwellen. Shis holographische Simulation ist einfach perfekt – so perfekt, dass es schon fast unheimlich ist. Und das ist auch gut so, denkt sich der junge Stadtplaner, denn nur wenn jedes kleinste Detail abgebildet ist, lassen sich alle Auswirkungen des Bauprojektes auf das alte Viertel exakt simulieren. Das Quartier ist in den letzten Jahrzehnten ein wenig in Vergessenheit geraten – und mit seiner überholten Infrastruktur ist es auch nicht mehr ganz „kompatibel“ mit dem großen Rest der hypermodernen Megacity. Bei so einer Rarität muss man also ganz besonders vorsichtig sein: Eingriffe in das gewachsene System können unabsehbare Folgen haben.

Lautlos kommt Li ein einsames Elektrofahrrad entgegen. Instinktiv weicht er auf den Bürgersteig aus und stößt dort beinahe mit einer jungen Frau zusammen. „Verzeihung“, murmelt Li. Das Mädchen lächelt. „Ich habe nicht für zehn Millionen Yuan ein Flirtprogramm entwickelt“, brummt Shis Stimme aus dem Off. „Glaub mir, sie ist buchstäblich unantastbar – wie alle anderen auch. Lass uns endlich mit der Arbeit beginnen.“ Li blickt sich irritiert nach Shi um, sieht aber nur einen alten Mann mit einer Pfeife zwischen den Zähnen. „Computer“, befiehlt er. „Planungsprogramm abfahren.“

Wie in einem überdimensionalen Videospiel baut sich am Ende der alten Gasse ein imposanter Gebäudekomplex auf. Stück für Stück stapeln sich in Sekundenschnelle riesige verspiegelte Quader, die das Sonnenlicht reflektieren. Li blinzelt. Die kleine Straße ist in gleißendes Licht getaucht und es ist merklich wärmer geworden.

„In Ordnung, Shi“, sagt Li. „Erster Kritikpunkt: Wir müssen die Architektur überarbeiten. Es ist zu hell, zudem ist die Umgebungstemperatur um zwei Grad gestiegen.“ Li deutet auf eine Temperaturskala, die sich in den leeren Raum einblendet. „Ist notiert“, kommt Shis Stimme aus dem Off. „Ich starte nun den Zeitraffer von der Stunde Null bis zwei Jahre nach Fertigstellung des Baus.“ In atemberaubender Geschwindigkeit versinkt die Sonne hinter den Häusern, legt sich die Nacht über das Viertel und wird wieder vom Tageslicht vertrieben. Wolken rasen über den Himmel und die Menschen sausen wie Furien durch die Straßen. Der Verkehrsstrom verwandelt sich in eine gleißende, bunte Bahn, die mitten durch Li hindurchrast.

„Stop!“, ruft er leicht gehetzt, „ich denke, das reicht. Verschaff mir mehr Überblick, Shi.“ Die Welt um den Stadtplaner scheint auf einmal zu schrumpfen. Wie ein Riese steht er plötzlich zwischen den Häusern, die höchsten Gebäude reichen ihm gerade bis zu den Knien. Das Leben um Li läuft indessen normal weiter. „Es ist neun Uhr vormittags, genau eineinhalb Jahre nach der Einweihung“, konstatiert Shi. „Du brauchst übrigens nicht so vorsichtig die Füße heben, Du kannst hier nichts beschädigen. Wie gefällt Dir das Leben in der Zukunft?“

In den engen Gassen unterhalb von Li drängt sich der Verkehr, unzählige Autos suchen hupend eine Lücke und blockieren den schmalen Bürgersteig. „Erinnert mich an die Verkehrssituation vor 30 Jahren“, wundert er sich. „Dieses Aufkommen hatten wir so nicht erwartet. Offenbar ist durch den Bau die Attraktivität des alten Viertels enorm gestiegen, obwohl es sich nur um einen neuen Gebäudekomplex handelt. Computer, zeig mir den aktuellen Mietspiegel.“ Eine Grafik erscheint am Himmel. „Die Mieten sind ziemlich gestiegen“, stellt Li fest. „Auf den Straßen sind nun auch sehr viel mehr junge, modern gekleidete Leute zu sehen. Klarer Fall von Gentrifizierung.“ Er zeigt auf ein paar Straßenecken. „Hier brauchen wir neue Metroanschlüsse, die alte Buslinie reicht definitiv nicht mehr aus. Computer: Metrolinie verlängern und Simulation erneut starten.“ An den Stellen wachsen selbstständig mehrere U-Bahn-Stationen wie Pilze aus dem Boden. Der Verkehr dünnt sich daraufhin wieder aus.

„Shi, zoom mich wieder ins Geschehen“, bittet Li. Während er auf Normalmaß schrumpft, tritt die junge Frau aus einem Hauseingang und wendet sich an Li. „Seit ihr uns den neuen Klotz vor die Haustür gestellt habt, fällt dreimal pro Woche der Strom aus“, schimpft sie. „Zudem steigt unsere Wasserrechnung in den Himmel.“ Li mustert bewundernd das stänkernde Hologramm. „Tolle Idee, Shi, die digitalen Bewohner selbst zu Wort kommen zu lassen. Zeige mir bitte die Energieflüsse im Viertel.“

Sekunden später manifestiert sich ein detailreicher Netzplan vor Lis Nase. „Ich habe das Problem“, sagt Shi aus dem Off. „Das Stromnetz im Viertel wurde noch nicht erneuert, zugleich hat der Individualverkehr zugenommen – es laden zu viele Elektrofahrzeuge zur gleichen Zeit.“ Li befiehlt dem Computer, ein Smart Grid einzurichten, um das Stromnetz zu stabilisieren. „Scanne auch das Wassernetz“, sagt er. „Ich habe den Verdacht, dass sich durch den Metro-Bau viele kleine Lecks gebildet haben, zudem ist mit dem verstärkten Zuzug wohl auch der Wasserbedarf enorm gestiegen.“ Die junge Frau lächelt Li dankbar an. „Hör auf, mit meiner Software zu flirten“, funkt Shis Stimme dazwischen. „Schließe lieber die Augen, wir brechen jetzt ab und machen morgen weiter.“

Als Li die Augen wieder öffnet, ist die kleine Welt mit ihren Gerüchen, den alten Häusern und ihren Bewohnern verschwunden. Er steht in einem weißen, kontrastlosen Raum. Wände und Decke kann Li nicht erkennen, nur eine Tür, die sich einige Meter vor ihm öffnet. Shi steckt den Kopf herein. „Komm, wir gehen jetzt Abendessen. Ich habe noch eine Bekannte eingeladen – hoffe, das geht in Ordnung.“ Als die beiden das Lokal betreten, sitzt eine junge Frau an der Bar. Sie lächelt Li an. Es ist das Mädchen aus dem Hologramm.

Florian Martini