Eine moderne Kopie Pompejis steht im Jahr 2035 kurz vor ihrer Eröffnung. Finanziert von privaten Investoren und Instituten, wird die Stadt Tausenden Einwohnern ein neues Zuhause in historischer Umgebung bieten und gleichzeitig ein lebendes Forschungsobjekt sein. Ziel ist es, dass Wissenschaftler und Studenten Antworten auf die Frage finden, wie die historische Stadtplanung mit neuen, effizienten Technologien vereinbar ist.
Stolz und ein wenig enthusiastisch erklärt der "Chef-Visionär" einer modernen Version von Pompeji, wie antike Städte zum Vorbild einer völlig neuen Form städtischen Lebens werden konnten.
Seien Sie gegrüßt, verehrte Gäste! Mein Name ist Almuntasir Ben Zeyyad, und ich bin der leitende Visionär und Architekt von etwas, das Sie noch nie gesehen haben und das doch zugleich tausende Jahre alt ist: Pompeji Novum – eine moderne Stadt, die sich auf ihre antike Namensgeberin beruft. Eine Stadt, in der unser Wissen über Energieeffizienz mit den Erkenntnissen verschmelzen soll, wie die Menschen in der Antike im Einklang mit sich selbst und der Umwelt lebten. Jetzt haben wir es fast erreicht!
Noch vor ein paar Jahren gab es hier nichts außer einer verlassenen Marinebasis, einem tollen Blick aufs Meer und einer Idee. Aber in wenigen Monaten werden die Besucher hier frisch gepressten Granatapfelsaft in den Tabernae unter den schattigen Arkaden des Forums trinken und nahezu perfekte Kopien antiker Waren kaufen können. Sie werden sich in unseren Bädern entspannen und jubelnd ihre Lieblingswettkämpfer in unserem voll ausgestatteten Amphitheater feiern. Studenten und Wissenschaftler werden Mosaike, Fresken und römische Bautechniken in präzise nachgebildeten Versionen der antiken Stadtvillen studieren. Unternehmer werden Restaurants eröffnen und Speisen anbieten, die denen im antiken Pompeji gleichen. Und selbstverständlich werden hier auch tausende Menschen tatsächlich leben – sozusagen in einer Null-Energie-Version antiker Villen und Wohnungen. Unsere Auftragsbücher sind voll!
Sicher, man muss sich an das Leben hier erst gewöhnen. Wenn Sie rund um die Uhr Waschanlagen, Tankstellen mit gehetzten Autofahrern oder grell erleuchtete, überhitzte Tiefgaragen erwarten, dann sind Sie hier falsch. Sie werden hier auch keine Straßen finden, die so zugeparkt sind, dass man sie nicht reinigen kann. Oder Mopeds, die Großmütter von den Bürgersteigen scheuchen, und Lkw, die nachts durch Wohnstraßen donnern. Wenn Sie das suchen, kommen Sie bitte nicht nach Pompeji Novum!
Anders als in den meisten Städten wollen wir hier nach einer klaren Vorstellung von Effizienz leben. Pompeji Novum wird energieautonom sein. Wenn Sie in Richtung Meer schauen, sehen Sie weit draußen riesige Windräder, die sehr viel Strom erzeugen. Der Windpark und wichtige Elemente der Energieverteilungs- und Speichersysteme wurden als erstes installiert, um Strom für die automatisierten Baumaschinen bereit zu stellen. Jetzt wird die Energie genutzt, um Meerwasser zu entsalzen, Trinkwasserspeicher zu füllen und Dutzende unterirdischer Elektrolyse-Anlagen zu betreiben. Eine davon können Sie gleich hier gegenüber sehen – neben dem mehrstöckigen, unterirdischen Durchgangssystem mit einer Ebene für den Personenverkehr mit automatisierten Elektrofahrzeugen und einer anderen Ebene für den Lieferverkehr. Die Elektrolyseure nutzen überschüssigen Strom aus dem Windpark und von einer riesigen Solaranlage in der Wüste, um Wasserstoff zu erzeugen. Dieses Gas wird dann in Brennstoffzellen wieder in Strom zurückverwandelt oder zusammen mit Kohlendioxid aus der Atmosphäre in Methan umgewandelt: Das Methan lässt sich dann wie Erdgas verwenden, als Kraftstoff oder Gas zum Heizen.
So viel zur Energieerzeugung und -speicherung. Sie wollen wissen, wie wir unseren Energieverbrauch kontrollieren? Schauen Sie sich zunächst mal unser Planungs- und Simulations-Center von Neu-Pompeji direkt hinter mir an. Dort begann alles mit einem digitalen Modell der antiken Stadt. Damit wurden Gebäude und Stadtviertel hinsichtlich Energiebedarf und Infrastruktur optimiert. Anschließend analysierte ein Programm das gesamte Stadtmodell, um die besten Positionen für unterschiedlichste Sensoren in den einzelnen Gebäuden zu bestimmen: für Bewegung, Temperatur, Kohlendioxid und so weiter. Über diese Sensoren lässt sich die Raumnutzung messen und der für Heizung, Kühlung und Beleuchtung benötigte Energieeinsatz minimieren.
Die autarken Sensoren sind zudem mit Mikrochips ausgestattet, über die per Funk Software-Upgrades vorgenommen werden können. Sie wurden von „Robo-Handwerkern“ in die Wände eingelassen. Wenn die Stadt bewohnt sein wird, regeln sie automatisch Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Beleuchtung in den Gebäuden – abhängig davon, wie viele Personen gerade anwesend sind und wie die sonstigen Umgebungsbedingungen sind. Sie sind sogar lernfähig, je nachdem welchen Komfort die Bewohner gerne hätten. Beispielsweise werden sie bei heißem und trockenem Wetter dafür sorgen, dass genügend kühle Luft aus den Regenwasser-Zisternen angesaugt wird und so eine natürliche Belüftung gewährleistet ist.
Um die künftigen Bewohner von Pompeji Novum zum Stromsparen zu animieren, wird der Strompreis je nach Angebot und Nachfrage im Viertelstundentakt variiert. Über ein standardisiertes Protokoll erhalten alle Privatpersonen und Unternehmen Preissignale vom städtischen Stromversorger und können reagieren – manuell oder auch automatisch. Dabei werden die Mitglieder einer Familie, die Haushalte in den Vierteln und sogar Abteilungen von Unternehmen miteinander in Konkurrenz treten, was den Energieverbrauch angeht: Wer es schafft, ihn zu begrenzen, wird belohnt – zum Beispiel mit Bonusstunden in den eindrucksvollen städtischen Bädern oder mit Freikarten für Veranstaltungen im Amphitheater. Die näheren Informationen übermittelt dann das Smart-Phone mit klassisch-römischen Tönen von Flöte, Lyra, Kithara oder auch einer Trompete.
Werkstätten, Einrichtungen der Stadtwerke, Großküchen und andere energieintensive Betriebe werden oft unterirdisch liegen und vollständig automatisiert sein. Hier organisieren intelligente Werkzeuge ihre eigenen Abläufe selbstständig, damit die Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden können. Außerdem wird die Stadtordnung festschreiben, dass alle Elektrogeräte in Pompeji Novum, egal ob in privater oder öffentlicher Hand, in puncto Energieverbrauch den neuesten Anforderungen hinsichtlich Selbstdiagnose und Wartung entsprechen.
Oh, die Sonne geht schon unter! Zum Schluss noch eines: Investoren und Institute, die unser Projekt unterstützen, sind so begeistert, dass sie bereits über neue Siedlungen auf Basis anderer antiker Städte wie Alexandria, Leptis Magna oder Herkulaneum nachdenken. Große Hotelketten, Betreiber von Seniorenwohnanlagen, Gesundheits- und Fitnessverbände sowie Sportvereine reißen sich darum, bei uns zu investieren. Ihr Motto: „Mögen die Spiele beginnen!“