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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Stadtplanung via Mausklick: Siemens-Forscher haben eine Software-Plattform entwickelt, mit der sie Bauprojekte und deren Auswirkungen simulieren können
– etwa auf den Verkehr, die städtischen Energienetze oder die Lebensqualität der Menschen.

Städte digital managen

In Städten formen Infrastrukturen – ob im Verkehr, der Energieversorgung oder den Gebäuden – miteinander verwobene Gebilde. Kleine Eingriffe in dieses System können große Auswirkungen haben. Eine neue Software-Plattform von Siemens macht die Komplexität der Stadtplanung besser handhabbar.

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Image Stadtplanung via Mausklick: Siemens-Forscher haben eine Software-Plattform entwickelt, mit der sie Bauprojekte und deren Auswirkungen simulieren können – etwa auf den Verkehr, die städtischen Energienetze oder die Lebensqualität der Menschen.
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In Städten sind die ökonomischen, ökologischen und sozialen Zusammenhänge extrem komplex.

Das Urbane-Genom-Projekt

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Für die Serie von Umweltstudien „Green City Index” von Siemens und der Economist Intelligence Unit musste noch auf unzählige heterogen vorhandene Daten und Fragebögen zurückgegriffen werden. Inzwischen werden aber auf Webseiten von Städten wie Wien, London oder Berlin immer mehr Informationen angeboten, von Energie über Wirtschaft bis zu Kunst und Kultur. Es sind so viele Datensätze, dass der Nachhaltigkeitsexperte Jonathan Fink von der Arizona State University sagt, es sei jetzt an der Zeit, das „urbane Genom” zu entziffern. Doch leichter gesagt als getan. Frei verfügbare Daten zur sozioökonomischen und ökologischen Entwicklung einer Stadt sind nach wie vor nach Sachgebieten organisiert – etwa nach Verkehr, Gesundheitswesen oder Demographie. Auch sind sie oft nur in sehr unterschiedlicher Qualität, Quantität, Granularität und Vollständigkeit verfügbar. Wie sich solche Daten schneller erfassen, integrieren und interpretieren lassen, untersuchen Siemens-Experten im Rahmen des Leuchtturmprojekts „Sustainable Cities” der Corporate Technology (CT). Was es bereits gibt, sind einfache, auf offenen, von den Städten zur Verfügung gestellten Daten basierende Programme, die es erlauben, die aktuelle Verkehrslage abzurufen oder herauszufinden, wo die Einwohner der Stadt Altkleider und Glas in ihrer Nachbarschaft entsorgen können. Doch wichtiger noch ist die Aufgabe, das Leben einer Stadt möglichst schnell übergreifend darzustellen – seien es die Energiebilanz oder die demographische oder soziale Entwicklung. „Die Herausforderung ist, aus verschiedensten Datenquellen und unterschiedlichen Graden zeitlicher und räumlicher Auflösung ein kohärentes Gesamtbild einer Stadt zu entwickeln”, sagt der Computerwissenschaftler Dr. Axel Polleres von CT in Wien. „Dabei hilft natürlich, dass künftig mehr verbindliche Standards geschaffen werden, da sich die Städte zunehmend vernetzen.” Ein hilfreiches Werkzeug, das Dr. Stefan Kluckner von CT in Graz derzeit entwickelt, ist eine Technologie, mit Hilfe modernster Bildverarbeitung aus konventionellen digitalen 2D-Bildern 3D-Modelle von ganzen Stadtteilen zu errechnen. Dabei werden relevante Szenen von verschiedenen, sich überlappenden Blickwinkeln zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst und mittels automatischer Methoden in einer gemeinsamen 3D-Welt verknüpft. Ziel ist es, dass künftig automatische Analyseprogramme dank solcher räumlich und zeitlich geordneten Datensätze den Ist- Zustand einer Stadt abbilden, der dann als Grundlage für Stadtmodelle und Simulationen dienen kann. So gibt es womöglich bald einen dynamischen „Green City Index”, stets auf dem neuesten Stand.

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Die Stadt der Zukunft im Kristall

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Das Gebäude an den Royal Victoria Docks in London sieht aus wie ein schimmernder Kristall. Das von Siemens mit rund 30 Millionen Pfund finanzierte Wissens- und Dialogzentrum zu nachhaltiger Stadtentwicklung soll nach der Eröffnung im Sommer 2012 jährlich etwa 100.000 Besuchern nahebringen, welche Rolle Technologien in Städten spielen. Dazu führt eine interaktive Ausstellung auf nahezu 2.000 Quadratmetern durch Bereiche wie Gebäudetechnik, Mobilität oder Energie- und Wasserversorgung, und ein Auditorium mit 270 Plätzen ermöglicht große Diskussionsrunden. Siemens-Experten werden hier mit Partnerorganisationen gezielt den Dialog mit Architekten, Städteplanern, kommunalen Entscheidungsträgern, Schülern und Studenten suchen und Entwicklungsprojekte vorantreiben. Dabei demonstriert das Zentrum die Zukunft umweltfreundlichen Bauens am eigenen Gebäude. So wird „The Crystal“ völlig mit erneuerbarer Energie aus Solarzellen und Erdwärmepumpen gespeist. Regenwasser wird in Trinkwasser umgewandelt, Abwasser gereinigt und zur Bewässerung genutzt. Das Gebäude weist nach den strengen, internationalen Standards LEED und BREEAM erstklassige Werte auf – und es gibt auch Ladestationen für Elektroautos, die zu einem von Siemens betriebenen Netz von Elektrotankstellen in London gehören.

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Auf dem Bildschirm leuchtet ein Satellitenbild der USA. Dr. Bernd Wachmann, Leiter des Leuchtturmprojekts „Sustainable Cities“ bei Siemens Corporate Technology (CT), zoomt tiefer, auf eine Wiese nahe Princeton, New Jersey. Mit ein paar Mausklicks errichtet er dort zwei Bürogebäude. Er definiert den Grundriss, zieht Stockwerke hoch, fügt Parkplatz und Zufahrtsstraßen hinzu, schon steht der virtuelle Komplex. Während er dies tut, erscheinen auf einer Leiste wichtige Daten: Wie groß der Energieverbrauch zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten sein wird, wie Photovoltaikanlagen die Bilanz verbessern, wie viele Personen in den Büros arbeiten können, wie sie den Verkehrsfluss und das Energienetz beeinflussen, wie viel Müll sie produzieren, wie groß die Luftverschmutzung oder die Betriebskosten sind. „Das sind nur einige der Größen, die wir simulieren“, sagt Wachmann. „Die Liste kann erweitert werden: Fußgängerfreundlichkeit, die Auswirkung von Elektroautos auf die Energiebilanz, selbst Komponenten der Lebensqualität – all das ist quantifizierbar und daher auch modellierbar.“

Die Software-Plattform ist Teil eines Projekts der CT-Forscher namens „City Life Cycle Management“ (CLM), das an verschiedenen Siemens-Standorten entwickelt wird: von der CLM-Plattform in Princeton und München, über die Evaluierung der Stadtdaten in Berlin und Wien bis zur Infrastruktur-Expertise in München. CLM bietet eine Lösung, das Gebilde Stadt ganzheitlich zu betrachten und Eingriffe in das hochkomplexe System langfristig zu simulieren und zu planen. Allen Beteiligten der Stadtplanung werden so die vielfältigen Folgen ihrer Entscheidungen plastisch vor Augen geführt. Zudem lassen sich „Was wäre, wenn“-Szenarien betrachten – ein anderer Straßenverlauf, ein höheres Gebäude, oder wie Photovoltaikanlagen die Energiebilanz beeinflussen. CLM ist ein völlig neuer Weg, mit der Komplexität der Stadtplanung einfach und intuitiv umzugehen.

Oft sind die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Zusammenhänge allerdings komplex: Ist es beispielsweise besser, Elektroautos zu fördern oder das öffentliche Verkehrsnetz auszubauen? Mehr Elektroautos reduzieren zwar den Stau nicht, aber den Kohlendioxidausstoß – doch nur, wenn der Strom von erneuerbaren Energien kommt. Dafür braucht man aber ein belastbares Stromnetz, das vielleicht erst gebaut werden muss, einschließlich Ladestationen. Wer auf der anderen Seite den öffentlichen Nahverkehr fördert, muss auch genügend Anreize für die Bevölkerung bieten, dieses Angebot zu nutzen. Ein Mensch kann derart komplexe Wechselwirkungen kaum auf Anhieb beurteilen. „Unser System liefert natürlich auch keine exakten Voraussagen“, sagt Wachmann. „Aber es reicht, wenn unsere Modelle zu 80 Prozent korrekt sind, denn so geben wir allen beteiligten Interessensgruppen – Verwaltungen, Politikern, Bürgerinitiativen, Anwohnern – eine gute Entscheidungsgrundlage an die Hand.“

Patentrezepte für das hochkomplexe Gebilde Stadt gibt es nicht, und Reibungsverluste sind vorprogrammiert: Soll ein Gewerbepark oder ein ganzer Stadtteil neu entstehen, melden Behörden und Bürger ihre Interessen und Bedenken an. Die ersten Pläne wandern durch viele Hände: in Bauämtern, bei den Stadtwerken, sie landen auf Schreibtischen in der Umweltbehörde und im Wirtschaftsamt, in Architekturbüros, bei Energieversorgern – und in der Regel liegen sie in einem Verwaltungsgebäude öffentlich aus. Eine Online-Plattform kann den für ein Projekt verantwortlichen Stellen viel Ärger ersparen, vor allem bei umstrittenen Fällen, wo eine angemessene Beteiligung der Bürger eine besonders wichtige Rolle spielt.

Städte digital modellieren. Vorbild für CLM sind die Industrielösungen für das Management des Produktlebenszyklus (PLM), wo alle Daten zur Entwicklung, Produktion, Lagerhaltung und Vertrieb eines Produkts zentral verwaltet werden. Auf diese Weise steigt nicht nur die Transparenz, sondern der gesamte Wertschöpfungsprozess lässt sich deutlich effizienter gestalten. In der Autoindustrie hat diese Technologie etwa zu starken Einsparungen, kürzeren Entwicklungs- und Fertigungszeiten und größerer Produktivität geführt. In der Stadtplanung sind solche Technologien zwar bisher noch nicht weit verbreitet, aber eine geschickt programmierte Plattform könnte hier ähnliche Erfolge bewirken, glaubt Thomas Gruenewald, Projektmanager für die CLM-Plattform bei Siemens in Princeton – und letztlich nachhaltigere Stadtviertel und Städte ermöglichen.

Vorerst konzentrieren sich die CT-Forscher auf die Planungsphase von städtischen Infrastrukturen. Da gibt es reichlich Raum für Verbesserungen: So werden drei Viertel der Entscheidungen, die die Lebenszyklus-Kosten eines Gebäudes bestimmen, getroffen, ehe detailliert ausgearbeitete Pläne vorliegen, sagt Dr. George Lo, CT-Experte in Princeton. Gleichzeitig tragen 57 Prozent der in ein Bauprojekt investierten Zeit, nach einer Studie der Universität von Texas in Austin, nichts zum Endprodukt bei, beispielsweise weil ein Entwurf immer wieder aufwändig geändert werden muss. Wer ein urbanes Bauprojekt nachhaltig gestalten will, trifft also gerade in der Entwurfsphase die wichtigsten Entscheidungen – und muss darauf achten, dass es auch die richtigen sind.

Bei der Modellierung komplexer Stadtprojekte hat den Wissenschaftlern geholfen, dass Siemens bereits über langjährige Erfahrungen bei der Planung, dem Bau und dem Betrieb von Systemen für die Wasser- oder Energieversorgung und der Verkehrsinfrastruktur verfügt. „Wir können eine so hohe Komplexität erfassen, weil wir wissen, wie wir das physikalische Verhalten dieser Systeme mathematisch abbilden müssen“, sagt der Modellierungsexperte Tim Schenk von CT in München. Zudem können die Forscher eine Vielzahl von Daten nutzen, die immer mehr Städte seit einigen Jahren zugänglich machen, etwa zu ihrer demographischen Struktur und Entwicklung, dem Energieverbrauch oder dem Verkehr.

Zusammen genommen ergeben sich daraus mithilfe von CLM realistische Modelle, die allen Beteiligten den Blick in eine mögliche Zukunft erlauben. Es ist ein Paradigmenwechsel: Planer können jetzt fast in Echtzeit sehen, wie ihre Entscheidungen in einem Bereich – etwa die Höhe eines Gebäudes – sich auf den Ortsverkehr oder die Energiebilanz eines Viertels auswirkt. Inzwischen ist die CLM-Arbeitsgruppe in Gesprächen mit zwei Großprojekten in China und Mitteleuropa, die diese Technologie voraussichtlich erstmals einsetzen wollen.

Lebensqualität simulieren. „Das ist aber nur der Anfang“, meint Wachmann. „Derzeit arbeiten wir daran, aus den verfügbaren ‚Key Performance Indicators’ (KPIs) wie Energieverbrauch, Verkehrsaufkommen oder CO2-Bilanz auch sozioökonomische Indikatoren abzuleiten.“ Damit sind Leistungskennzahlen gemeint, die die Lebensqualität oder die Wirtschaftsentwicklung erfassen. Dazu entwickeln die Siemens-Forscher derzeit Schätzmodelle, die auf Expertenmeinungen und statistischen Studien beruhen. Bei der Lebensqualität sind beispielsweise Faktoren wie öffentliche Sicherheit, Luftverschmutzung und Wasserqualität wichtig? Zudem berücksichtigen die Experten auch kulturelle Rahmenbedingungen.

Auch lokale Randbedingungen sollen in die Simulationen einfließen, darunter lokale Baubestimmungen oder Energieeffizienzvorgaben. Darüber hinaus soll auch übergreifenden Faktoren Rechnung getragen werden, etwa Klimatrends – denn von der Entwicklung des Klimas hängt der künftige Energieverbrauch eines Gebäudes ebenfalls ab. Oder demographischen Entwicklungen: Überaltert eine Gesellschaft in einem Wohngebiet, stellt das bestimmte Anforderungen an den öffentlichen Raum, wenn er etwa mehr rollstuhl- und rollatorfreundlich gestaltet werden soll. „Solange die Faktoren quantifizierbar sind“, sagt Wachmann, „können wir sie auch modellieren.“

Mit der virtuellen Planung ist das Potenzial von CLM bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Über Jahrzehnte hinweg kann ein solches digitales Werkzeug helfen, nicht nur neue Stadtteile zu planen oder Städte umzugestalten, sondern auch Gebäude und Viertel nach der Fertigstellung weiter zu betreuen. Will man beispielsweise wissen, welchen Effekt eine neue Straßenbahn oder selbst nur neue Fenster auf ein Stadtviertel haben werden, braucht es nur ein paar Mausklicks, schon hat man eine Antwort zur Hand.

Hubertus Breuer