Stephan Kohler (59) ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena). Die dena ist das Kompetenzzentrum für Energieeffizienz, erneuerbare Energien und intelligente Energiesysteme. Ihre Gesellschafter sind je zur Hälfte die Bundesrepublik Deutschland und vier Finanzdienstleister. Die dena ist national und international tätig und berät Ministerien und Unternehmen, informiert Verbraucher, erarbeitet Gutachten, entwickelt Szenarien für eine zukunftsfähige Energieversorgung und realisiert konkrete Projekte mit Partnern aus der Wirtschaft. Zudem ist die dena Gründungsgesellschafter der Russisch-Deutschen Energie-Agentur und hat mit dem chinesischen Verband für regenerative Energieträger ein gemeinsames Büro in Peking.
Nach der Katastrophe im japanischen Fukushima hat die Bundesregierung beschlossen, das deutsche Energiesystem auf erneuerbare Energien umzustellen. Bis 2020 soll der Ökostromanteil auf 35 Prozent steigen, bis 2050 auf 80 Prozent. Das letzte Kernkraftwerk soll 2022 abgeschaltet werden…
Kohler:Das ist eine konsequente Weiterführung der im Jahr 2000 begonnenen Energiewende, allerdings mit einem höheren Tempo, was eine gewaltige Herausforderung darstellt. Der grundlegende Umbau des Energiesystems eines hochindustrialisierten Landes muss so organisiert werden, dass wir auch künftig als Industriestandort international wettbewerbsfähig bleiben. So muss auf der einen Seite der Energieverbrauch durch Energieeffizienz gesenkt werden. Auf der anderen Seite müssen erneuerbare Energien mit ihrer volatilen Stromerzeugung intelligent ins System integriert werden. Dies erfordert den Ausbau der Netzinfrastruktur, die Entwicklung von neuen Speichersystemen und die Einführung von Smart Systems. Unsere künftige Stromerzeugung wird von Millionen dezentralen Kraftwerken gespeist werden, die aber oft alle gleichzeitig Strom produzieren und daher als große Erzeugungseinheiten wirken. Ebenso müssen bis 2020 auch konventionelle Kraftwerke in einer Größenordnung von 10.000 MW gebaut werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Wo genau liegen die Herausforderungen?
Kohler:Die Energiewende ist ein gesellschaftlich, technisch und wirtschaftlich hochkomplexes Projekt. Bislang basiert unser Energiesystem auf Energieträgern mit einer hohen Energiedichte (Erdgas, Öl, Uran und Kohle), die gut speicherbar sind. Die Komplexität der Energiewende besteht darin, dass man regenerative Energien wie Windkraft und Photovoltaik nutzen will, die nicht immer bedarfsgerecht Strom produzieren und häufig nicht dort angesiedelt sind, wo der Strom gebraucht wird. Zudem haben sie relativ kurze jährliche Nutzungszeiten. Photovoltaik etwa erzeugt hierzulande im Mittel nur 850 Volllaststunden lang elektrischen Strom. Wir müssen also viel Leistung aufbauen. Zudem müssen wir die Stromnetze auf allen Spannungsebenen ausbauen und ihre „Intelligenz“ erhöhen. Und wir benötigen mehr Speicher, die teilweise noch entwickelt und marktfähig gemacht werden müssen. Wenn 2020 rund 50.000 Megawatt an Solarstrom und ebenso viel Windenergie eingespeist werden, lässt sich ein derart hoher Anteil fluktuierender Stromerzeugung national nicht mehr vernünftig integrieren. Daher müssen wir verstärkt mit unseren Nachbarländern kooperieren, etwa bei der Nutzung von Pumpspeicherkraftwerken. Zudem ist ein Paradigmenwechsel nötig: Neben der Steigerung der Energieeffizienz müssen wir uns auch stärker auf die Nachfrageseite konzentrieren und Erzeugung und Verbrauch durch Demand-Management besser aufeinander abstimmen.
Lässt sich ein derart komplexes Projekt überhaupt vernünftig managen?
Kohler:Die Geschwindigkeit der Energiewende stellt uns vor Herausforderungen, für die wir noch keine kompletten Lösungsstrukturen und Erfahrungswerte haben. Trotzdem glaube ich, dass sie sinnvoll umzusetzen ist. Allerdings benötigen wir eine Roadmap, die die erforderlichen Meilensteine aufzeigt, um die gesteckten Ziele zu erreichen und um die Umsetzung möglichst effizient zu gestalten. Diese müsste man für alle Bereiche der Energiewende definieren und dabei die systemübergreifenden Effekte berücksichtigen, denn die gegenseitige Beeinflussung ist ja ganz erheblich. So will die Bundesregierung bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße bringen. Diese sollten aber regenerativen Strom tanken, um ökologisch sinnvoll zu sein. Dafür wiederum brauchen wir intelligentere Netze, um die Netzstabilität nicht zu gefährden. Dabei muss insbesondere auch die Vernetzung der Akteure organisiert werden, also die Abstimmung zwischen Politik und Wirtschaft und den Verbrauchern.
Wie sieht unser Energiesystem in Zukunft aus?
Kohler:Wir sollten uns vor allem die nächsten 10 bis 20 Jahre konkret anschauen. Dafür kennen wir die Technologien und können einschätzen, was verfügbar sein wird und was nicht. Das Energiesystem des Jahres 2050 heute schon festzulegen, wäre hingegen anmaßend. Wir müssen unser System so gestalten, dass es nicht starr, sondern zukunftsoffen ist, dass es neue Technologien, etwa die Stromspeicherung mittels Elektrolyse und Wasserstoff, problemlos aufnehmen kann. Bis 2030 kann konkret geplant werden. Langfristige Ziele zu definieren ist auch richtig, aber mit welchen Technologien sie dann zu erreichen sind, können wir heute noch nicht vernünftig diskutieren. Zudem muss sich unser Blickwinkel radikal ändern: von der Energieversorgung zur Energiedienstleistung. Wir müssen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen, um unser Energiesystem effizient zu gestalten. Die Vorteile für die Industrie liegen in sinkenden Energiekosten und einer steigenden Wettbewerbsfähigkeit. Zudem können neue Märkte erschlossen werden. Denn energieeffiziente Energiesysteme treffen weltweit auf eine große Nachfrage.