Dani Rodrik (54) ist Professor für internationale Wirtschaftspolitik an der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard, USA. Er stammt aus Istanbul und erwarb seinen ersten akademischen Grad, einen Bachelor in Government and Economics, in Harvard. Danach studierte er Public Affairs und Economics an der Universität Princeton und erwarb dort einen Doktorgrad in Wirtschaftswissenschaften. Eine Gruppe von Fachleuten wählte ihn unter die 100 einflussreichsten Ökonomen weltweit. Rodrik beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach Konvergenz, also dem wirtschaftlichen Aufholen von Entwicklungs- und Schwellenländern.
Wie profitieren Entwicklungs- und Schwellenländer von der Globalisierung?
Rodrik: Die Globalisierung kann für einzelne Länder einen spektakulären Anstieg des Wohlstands und des Lebensstandards mit sich bringen. In den vergangenen zehn Jahren war das Wachstum in weniger entwickelten Ländern viel höher als in den Industrienationen. So sind China und Indien enorm vorangekommen. Allerdings gilt das nicht für alle Länder. Afrika und Lateinamerika haben in den letzten 25 Jahren weit weniger von der Globalisierung profitiert.
Was zeichnet denn die erfolgreichen Länder aus?
Rodrik: Erfolgreiche Aufstiegskandidaten schaffen gute Bedingungen für den Aufbau einer modernen Fertigungsindustrie. Das war so in China, Korea und Japan – drei Erfolgsgeschichten. Fertigung bringt Jobs, die relativ gut bezahlt sind, sie fördert private Investitionen und ebnet den Weg für eine weitere Diversifikation der Wirtschaft. Hier muss man ansetzen und systematisch Beschäftigung aufbauen. Klappt das, dann passiert, was ich „automatische Konvergenz“ nenne. Es folgen Entwicklungen, die dazu führen, dass sich das Einkommen peu à peu dem der reichen Länder anpasst. Steuert man die Ressourcen einer Volkswirtschaft so, dass dieser Prozess in Gang kommt, dann passiert alles andere von selbst. Das ist eine Art Rolltreppe in Richtung Wohlstand. Länder, die nur auf Landwirtschaft und Ressourcenproduktion setzen, verpassen diese Chance.
Also muss man bloß Fertigungsindustrien aufbauen, um auf der Rolltreppe nach oben zu kommen?
Rodrik: Ganz einfach nach Rezeptbuch geht es leider nicht. Die Wirtschaft stabilisieren, liberalisieren, öffnen, und der Markt erledigt den Rest, das wäre natürlich schön. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Tatsächlich beobachten wir bei aufsteigenden Ländern oft aktive Eingriffe der Politik ins Wirtschaftsgeschehen. In vielen Fällen bedeutet das auch eine enge Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft sowie direkte und indirekte Subventionen. Auch die Währung muss extrem wettbewerbsfähig gehalten werden, um den Export zu begünstigen.
Widersprechen solche Interventionen nicht dem Geist der Globalisierung?
Rodrik: Eine der Paradoxien der letzten 20 Jahre im Hinblick auf Globalisierung ist, dass jene Länder, die ihre Regeln missachtet haben, die größten Profiteure waren. Bestimmte Länder haben vom einfachen Zugang zu ausländischen Märkten profitiert, aber gleichzeitig eine aktive und manchmal auch interventionistische Kontrolle über ihr Finanzsystem, die Kapitalströme und ihre Währungen ausgeübt. Ein direktes Eingreifen des Staates sowie industriepolitische Maßnahmen wirkten sich ebenfalls in vielen Fällen zugunsten dieser Staaten aus.
Ist das weiterhin eine erfolgversprechende Strategie für Aufstiegskandidaten?
Rodrik: Ich zweifle daran, dass das so weitergehen kann. Reiche Länder akzeptieren solche Maßnahmen immer weniger. Und Länder, die sich jetzt noch dem Trend anschließen wollen, könnten zu spät kommen: Die Staaten Asiens haben riesige und hocheffiziente Fertigungskapazitäten aufgebaut, sodass es für Neueinsteiger immer schwieriger wird, zu bestehen. Auch die Finanz- und Wirtschaftskrise macht den Entwicklungsländern das Leben nicht leichter. Nehmen Sie die Türkei: Das Land hat langfristig hohes Potenzial, zurzeit aber ein untragbares Defizit in der Zahlungsbilanz. Es wird sich vom schuldenorientierten Wachstumsmodell wegentwickeln müssen. Ärmere Länder werden auch künftig wirtschaftlich aufholen können, aber wahrscheinlich müssen sie härter dafür arbeiten.
Was bedeutet das für die Globalisierung insgesamt?
Rodrik: Die Globalisierung unserer Tage ist eine andere, als die, die wir vor 20 Jahren hatten. Und sie wird ihr Gesicht weiterhin verändern. Wir beginnen gerade, die Nachteile einer nicht ausreichend kontrollierten Globalisierung zu verstehen – zum Beispiel, welche Verwerfungen sie auf den Finanzmärkten anrichten kann. Die Finanzkrise hat uns eine wichtige Lektion erteilt: Der Markt ist eine tolle Sache, er muss aber hin und wieder vom Staat in die rechten Bahnen gelenkt werden. Besonders Finanzmärkte sind von Natur aus instabil. Immer mehr Menschen fordern also stärkere Regeln für die Globalisierung.
Welche Regeln würden Sie vorschlagen?
Rodrik:Wir müssen Kapitalflüsse über die Ländergrenzen hinweg besser kontrollieren. Die Schweiz und Brasilien haben hier schon vorsichtige Schritte unternommen. Die Regeln der Welthandelsorganisation müssen strenger werden, denn heute greifen sie zum Beispiel bei einer Manipulation von Wechselkursen nur unzureichend ein. Andere Regeln müssten dagegen sogar gelockert werden, etwa im Bereich der Mobilität von Arbeitskräften. Wer besondere Talente hat, sollte sie auch über Grenzen hinweg vermarkten können. Eine gewisse Liberalisierung würde hier enorme wirtschaftliche Vorteile bringen, weil Fähigkeiten dann einfacher dort eingesetzt werden könnten, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Wird auch der Kapitalismus sein Gesicht verändern?
Rodrik: Das tut er bereits. Es gibt ohnehin viele verschiedene Ausprägungen des Kapitalismus, einige sind mehr, andere weniger liberalistisch. Eines wissen wir aber sicher: Wir bewegen uns unweigerlich weg von einem rein liberalen, marktbestimmten Modell. An einer stärkeren Position des Staates führt heute kein Weg vorbei. Da die Ungleichheit zunimmt, werden immer mehr Menschen den Kapitalismus insgesamt in Frage stellen, trotz seiner Vorzüge. Die Finanzkrise hat uns gezeigt, dass wir in der Weltwirtschaft ein völliges Chaos angerichtet haben. Gleichzeitig fällt es uns schwer, zu verstehen, welche Eigenschaften das kapitalistische Modell der Zukunft haben sollte und was das für die Globalisierung bedeutet.
Was ist derzeit das größte Risiko im Zusammenhang mit der Weltwirtschaft?
Rodrik: Mir macht die zunehmende Ungleichheit zwischen und innerhalb von Ländern große Sorgen. Denjenigen, die gut ausgebildet sind, oder die ohnehin schon reich sind, geht es immer besser; Arbeiter haben dagegen tendenziell immer weniger vom Kuchen. Dieser Trend ist in den stark wirtschaftsliberal geprägten Ländern besonders ausgeprägt. Das beunruhigt mich, denn es kann das politische Klima beeinflussen und populistische und extremistische Tendenzen fördern.
Wenn Sie eine Million Dollar frei in BRIC-Ländern investieren könnten, wo würden Sie investieren?
Rodrik: Im Moment in Brasilien und Indien. Zwei Länder mit hervorragenden langfristigen Aussichten und stabilen politischen Systemen, die auf Bürgerbeteiligung setzen.