Die globale Siemens-Forschung Corporate Technology trägt auf allen Stufen zur Wertschöpfungskette bei und sichert dem Konzern damit seinen technologischen Vorsprung.
Eine mehrere hundert Tonnen schwere Gasturbine, organische Leuchtdioden, eine getriebelose Windturbine und das umfassende Thema Elektromobilität haben auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten, außer dass es alles hochinnovative Felder attraktiver Zukunftsmärkte sind – und dass Siemens jeweils technologisch führend ist. Das ist nur möglich, weil im Konzern Experten aus unterschiedlichsten Abteilungen in vernetzten Teams zusammenarbeiten.
Die globale Forschung, Siemens Corporate Technology (CT), mit ihren Technologiefeldern und Leuchtturmprojekten spielt hier eine Schlüsselrolle. In kaum einem Unternehmen weltweit ist die angewandte Forschung so breit aufgestellt. CT kann eine Entwicklung von der ersten Idee eines neuen Produkts oder einer Technologie bis zur Auslieferung der fertigen Lösung an Pilotkunden unterstützen. Bei der CT sitzen Experten für Materialien, Elektronik, Mechatronik, Sensorik, Software, Produktion, Prüftechnik, Analytik und nicht zuletzt Prozess-Spezialisten, die mit weiteren Fachleuten in den Siemens-Sektoren verdrahtet sind.
Auf dieser geballten Expertise beruht letztlich die Fähigkeit von Siemens, auch extrem komplexe Neuentwicklungen wie eine Gasturbine mit Weltrekordwirkungsgrad zu meistern. „Für Siemens als integrierten Technologiekonzern ist genau diese Fähigkeit von entscheidender strategischer Bedeutung, um an den unterschiedlichen Märkten mit ihren immer kürzer werdenden Innovationszyklen nicht nur wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern diese Märkte auch mitgestalten zu können“, sagt Klaus Helmrich, Technikvorstand von Siemens und Leiter der Corporate Technology.
Mit den Besten arbeiten. CT deckt die komplette Wertschöpfungskette der Innovation ab, von Forschung, Entwicklung, Produktion und Fertigung bis zum Testen der Prototypen oder Produkte – wie die Beispiele in den Kästen belegen. Diese Bandbreite ist möglich, weil die rund 2.000 Forscher und 4.000 Software-Entwickler der CT nicht nur mit den 23.000 anderen Mitarbeitern aus den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Siemens-Sektoren zusammenarbeiten, sondern weil das Unternehmen zudem vielfältige Kooperationen mit Universitäten und Forschungsinstituten weltweit unterhält. Wo immer die besten Partner sitzen, werden sie in Projekte eingebunden. An acht renommierten Universitäten wie der Universität in Berkeley, der Tsinghua Universität in Peking, der Technischen Universität München oder der RWTH Aachen hat Siemens so genannte Centers of Knowledge Interchange installiert. An diesen CKI-Universitäten wird an strategisch besonders bedeutenden Schwerpunkten für Siemens geforscht.
Siemens fördert etwa an der RWTH Aachen in den nächsten vier Jahren mit sechs Millionen Euro einen Forschungsbereich zum Thema seltene Rohstoffe und ihrer umweltschonenden Gewinnung. Daneben verfolgt das Unternehmen weitere Ansätze, wie die Erforschung neuer Recycling-Methoden oder alternativer Materialien, um die Abhängigkeit von potenziell kritischen Rohstoffen zu verringern. Zu diesem Zweck startete im Oktober 2011 das CT-Leuchtturmprojekt Sustainable Materials Management. Weitere derartige Projekte befassen sich mit Biotechnologie, der Elektromobilität oder der Gewinnung von Energie aus bisher ungenutzten thermischen Quellen.
Um die Themen zu finden, die den Konzern künftig bewegen, begleitet die Abteilung Technology & Innovation Management den strategischen Innovationsprozess. Hier werden zusammen mit den Cheftechnologen der Sektoren regelmäßig neue Geschäftsmöglichkeiten auf ihre Bedeutung für Siemens abgeklopft. Gespeist wird der Prozess aus verschiedenen Quellen, beispielsweise aus den Ergebnissen der Pictures of the Future, der strategischen Zukunftsforschung von Siemens. Potenziell disruptive Technologien, die zusammen mit neuen Geschäftsmodellen ganze Märkte revolutionieren können, werden im Innovationsprozess eingehend geprüft und nach einer Entscheidung des Managements beispielsweise als Leuchtturmprojekte bei der CT etabliert.
Ziel ist, dass diese Projekte später von einem der operativen Geschäfte von Siemens übernommen werden. So arbeitet der Industry-Sektor inzwischen an der industriellen Umwandlung von überschüssigem Strom aus erneuerbaren Quellen in den Energieträger Wasserstoff. Die Idee, eine sogenannte PEM-Brennstoffzelle im umgekehrten Betrieb laufen zu lassen und damit die Wasserstoff-Elektrolyse zu treiben, stammte ursprünglich aus der CT. Auf ähnliche Weise ist aus dem CT-Leuchtturmprojekt Smart Grid eine Software entstanden, die der Sektor Infrastructure and Cities mittlerweile bei einem Energieversorger im Allgäu im Testeinsatz betreibt.
Doch nicht alle Ideen und Entwicklungen der Corporate Technology finden später bei Siemens eine Heimat. Um dennoch die gefundenen Lösungen und die dadurch gewonnenen Patente nutzbar zu machen, kann CT auch Technologien durch Unternehmensausgründungen auf den Markt bringen, wie vor rund zehn Jahren EnOcean. Die Firma produziert energieautarke Funksensoren für Gebäude und Industrieanlagen. Diese miniaturisierten Energiewandler sind heute weltweit in mehr als 200.000 Gebäuden im Einsatz. Künftig wird es der CT auch möglich sein, eigene Start-ups aufzusetzen, die vom Geschäftsmodell potenziell für die Siemens-Sektoren interessant sind, aber noch nicht dort angesiedelt werden, weil sie sich in einem zu frühen Stadium befinden.
Nur mit diesem breiten Ansatz kann es der globalen Siemens-Forschung dauerhaft gelingen, an der Spitze der Innovationszyklen zu bleiben und die richtige technologische Strategie für das gesamte Unternehmen mitzugestalten. „Die CT hat drei grundlegende Aufgaben“, sagt Klaus Helmrich. „Sie muss für Siemens die technologische Basis sichern, die technologische Zukunft gestalten und den integrierten Technologiekonzern stärken, indem sie möglichst breit Synergien schafft.“ Nur dann kann Siemens auch in Zukunft auf eine seiner wichtigsten Säulen bauen: den Wettbewerbsvorsprung durch Innovationen.