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Dr. Ulrich Eberl
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Globalisierung: Mehr Wohlstand, aber auch mehr Ungleichheit

Wäre ich nochmals jung, ich wünschte, ich würde in China leben“, pflegt der 94-jährige britische Historiker österreichischer Herkunft, Prof. Eric Hobsbawm, zu sagen. Tatsächlich entfaltet das Land mit der größten Bevölkerung seit über drei Jahrzehnten eine ungeheure Dynamik und ist drauf und dran, die größte Wirtschaftsmacht der Welt zu werden. Hobsbawm prägte in seinem Werk „Zeitalter der Extreme“ den Begriff vom „kurzen 20. Jahrhundert“. Es begann mit den politischen Umbrüchen ab 1914 und endete schon 1991 mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion.

Seither ist die Welt in einem Aufbruch, der in seinem Tempo das „lange 19. Jahrhundert“ noch übertrifft. Damals rückten die Nationen wirtschaftlich zusammen wie nie zuvor, dank neuer Technologien, von der Dampfmaschine bis zum Telegraphen – es war das erste Zeitalter der Globalisierung. Rohstoffe, Lebensmittel, Textilien, Kapital und Industriegüter wurden dank Freihandel und vereinheitlichter Normen über den ganzen Globus verteilt. Zwischen 1870 und 1913 explodierte der Warenexport. Im letzten Friedensjahr 1913 erreichte er ein Fünftel der weltweit produzierten Güter. Dann stoppten die extremen Verwerfungen der beiden Weltkriege die Globalisierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte der Export nur noch fünf Prozent der Güterproduktion. Der Fokus richtete sich primär auf Wiederaufbau und die Errichtung regionaler Märkte wie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Doch seit Ende der 1970er-Jahre begann ein neuer Globalisierungsschub – angetrieben vom wachsenden Freihandel, internationaler Arbeitsteilung und der Liberalisierung der Finanzmärkte, sowie unterstützt durch Computer, Internet und Mobilfunk. 1970 wurden weltweit Güter im Wert von inflationsbereinigten 317 Milliarden US-Dollar exportiert. 2010 waren es laut Welthandelsorganisation über 15,2 Billionen – fast das Fünfzigfache. Der Handel erreichte damit ein Viertel des Welt-Bruttosozialprodukts. Jahrzehntelang waren die USA, Deutschland und Japan die wichtigsten Handelsnationen. Doch die Warenströme verschieben sich. 40 Prozent des Handelsvolumens werden heute nach Angaben des Internationalen Währungsfonds innerhalb der Entwicklungs- und Schwellenländer abgewickelt. Im Jahr 2000 waren es erst 25 Prozent gewesen.

Noch vor zehn Jahren ging beispielsweise fast die Hälfte der afrikanischen Exporte nach Europa. Heute ist es noch ein Drittel, während die Exporte nach China von vier auf 15 Prozent zugelegt haben. Die Globalisierung erreicht eine neue Phase. Es geht dabei längst nicht mehr nur um China, das seinen Anteil an der Weltwirtschaft von vier Prozent (1992) auf aktuell 13 Prozent gesteigert hat und seit 2010 die größte Exportnation der Welt ist. Die als G7 bezeichneten wichtigsten Volkswirtschaften der Welt (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA) erhalten auf mittlere und lange Sicht Konkurrenz durch die „Emerging 7“ (E7): Brasilien, Russland, Indien, China, Indonesien, Mexiko und die Türkei. Derzeit erreichen die E7 laut Berechnungen der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers rund 72 Prozent der Wirtschaftsleistung der G7, wenn man die Kaufkraftparität als Gradmesser nimmt. Bis 2050 dürften sie mit einem Wert von 140 (kaufkraftbereinigten) Billionen US-Dollar die G7 um das Zweifache überbieten.

Das größte Wachstumspotenzial wird Indien zugeschrieben, das 2050 hinter China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sein könnte – fast achtmal so groß wie Deutschland. Das hat gute Gründe: Demokratie, ein hoch entwickeltes Bildungssystem, ein seit 20 Jahren systematisch ausgebauter privater Sektor zählen dazu. Doch Indien hat auch noch gewaltige Hausaufgaben zu meistern, vor allem den Ausbau der Infrastruktur und die Bekämpfung der Armut. In Indien leben vier von zehn Menschen unter der Armutsgrenze, in China hingegen gilt nur noch jeder fünfte als arm – vor 25 Jahren war das Verhältnis gerade umgekehrt. Das sind beachtliche Fortschritte. Weniger beeindruckend ist die Entwicklung des Human Development Index der Vereinten Nationen, der vor allem die Lebensqualität misst. Dort liegt China aktuell auf Platz 101, Indien auf 134. Brasilien belegt Platz 84, die Türkei 92, Südafrika 124. Alle diese Länder haben gegenüber dem Vorjahr Plätze eingebüßt.

Wird die Welt im Jahr 2050 eine gerechtere sein als heute? Laut OECD hat die ungleiche Verteilung der Einkommen in der großen Mehrheit der Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland, aber auch in Schwellenländern wie China oder Indien seit Mitte der 1980er-Jahre zugenommen. Die Autoren des vom Weltwirtschaftsforum herausgegebenen „Globalen Risiko-Berichtes 2012“ sehen in der ungleichen Verteilung der Einkommen die aktuell größte Gefahr für die Welt, noch vor den in Schieflage geratenen Staatshaushalten und den ungebremst steigenden Treibhausgas-Emissionen. Denn so ermutigend die Wachstumszahlen von vielen Schwellen- und Entwicklungsländern auch sind: Das Wirtschaftswachstum beschränkt sich oft auf boomende Kernzonen, seien es die Küstenregionen Chinas mit den Zentren Shanghai und Shenzhen, oder Bangalore, Dubai, Singapur oder São Paulo.

Die brasilianische Metropole, laut Pricewaterhouse Coopers die zehntreichste Stadt der Welt, erbringt mit sechs Prozent der Bevölkerung 12 Prozent der brasilianischen Wirtschaftsleistung. Bis 2025 könnte São Paulo zur Nummer sechs der reichsten Städte der Welt aufsteigen und ihre Bevölkerungszahl auf über 22 Millionen verdoppelt haben. Das größte jährliche Wachstumpotenzial haben für die nächsten 15 Jahre Städte wie Hanoi in Vietnam, Changchun und Guangzhou in China, Kanpur in Indien, Lagos in Nigeria oder Chittagong in Bangladesh. Derweil fallen viele ländliche Gebiete weiter zurück, wo vor allem die stark steigenden Nahrungsmittelpreise den Armen weltweit zu schaffen machen. Die Zahl der Menschen, die unter Hunger leiden, liegt heute laut Welternährungsorganisation bei knapp einer Milliarde Menschen und damit um 150 Millionen höher als vor 20 Jahren. Das Millenniumsziel der Vereinten Nationen, bis 2015 die Zahl der Hungernden gegenüber 1990 um die Hälfte zu reduzieren, ist damit in weite Ferne gerückt, auch wenn der relative Anteil der Hungernden gesunken ist. Doch das starke Bevölkerungswachstum konnte damit nicht ausreichend kompensiert werden.

Die Projektionen von PricewaterhouseCoopers für das Jahr 2050 erlauben dennoch etwas Optimismus. Denn die kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Einkommen könnten dann in China etwa die Hälfte von jenen der Vereinigten Staaten erreichen, in Indonesien ein Fünftel. Doch was bedeutet das für die Welt, wenn mehrere Milliarden einst arme Menschen so leben wie die in den Industrienationen? Genau dies ist die Crux. Für globale Herausforderungen wie Armut, Rohstoffknappheit, Klimawandel, Migration oder Welthandel sind noch keine globalen Lösungen in Sicht. Es braucht ein neues, weltweit gültiges wirtschaftliches Modell der Nachhaltigkeit, das nicht nur dem Wunsch nach einem höheren Lebens-standard gerecht wird, ohne die Welt zu zerstören, sondern auch noch sozial ausgleichend wirkt.

Urs Fitze