Von einer "Süd-Süd-Kooperation" profitieren Entwicklungsländer ebenso wie aufstrebende Märkte. Siemens Indien half den Kollegen in Kenia beim Bau eines Biomasse-Kraftwerks in Uganda.
Der Morgen zieht herauf. Die ersten warmen Sonnenstrahlen streicheln den Bergregenwald. Kinder sammeln barfuß zwischen Holzhütten ihr Feuerholz. „Oh Uganda, Land of Beauty“ – die Nationalhymne – ist keine Übertreibung, hier am Mount Elgon, dem erloschenen Vulkan, der die Grenze zwischen Uganda und Kenia bildet. Doch wenn die Nacht hereinbricht, hüllt ein dunkler Schatten die Schönheit in Schwarz. Der Grund: Afrikas „grüne Perle“ leidet unter erheblichem Strommangel.
Laut Ugandas Umweltbehörde haben 90 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu Elektrizität. Der Spitzenbedarf des Landes liegt bei 400 Megawatt (MW), der von Kanada, mit einer ähnlichen Einwohnerzahl, 250-mal höher. Über drei Viertel des Strombedarfs in Uganda werden durch Wasserkraftwerke gedeckt. Dies ist nicht unproblematisch, wenn – wie es 2006 geschah – der Wasserstand des größten afrikanischen Süßwassersees auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren sinkt. Nicht nur der Lebensunterhalt der Fischer war damals bedroht, auch Ugandas Industrie war massiv betroffen.
Zuckerrohr zu Strom. Die Regierung entwickelte daraufhin eine umfassende Energiestrategie. Ein wichtiger Teil davon sind Biomasse-Heizkraftwerke, die Strom erzeugen und zugleich Wärme für die Prozesse der Fertigungsindustrie liefern. Ugandas führende Zuckerwerke, die Kakira Sugar Works (KSW), sind ein solches Beispiel – sie liegen 15 Kilometer von Jinja entfernt, einer Stadt mit 90.000 Einwohnern am Ufer des Viktoriasees. „Die KSW wollte die Menge an Zuckerrohr, die pro Tag zerkleinert wird, von 3.500 auf 6.000 Tonnen steigern“, erklärt Rani Sodhi, Projektleiterin von Siemens im indischen Mumbai. Die Zuckerrohrabfälle – die Bagasse – sollten in Kesseln verbrannt werden, wodurch Hochdruck-Dampf entsteht, der sowohl die Zuckerrohrmühlen der Fabrik antreibt als auch genutzt wird, um Strom zu produzieren.
Realisiert werden sollte dies in einer Süd-Süd-Kooperation zwischen Indien, Kenia und Uganda. Dieser Begriff wurde in den 1960er-Jahren geprägt, als sich 77 Entwicklungsländer zusammenfanden, um gemeinsame wirtschaftliche und politische Interessen zu verfolgen. Heute versteht man darunter ein buntes Mosaik an Maßnahmen: Schuldenerlässe und Handelsabkommen ebenso wie der Austausch von Know-how.
„Für uns war es logisch, mit Experten von Siemens Indien und Siemens Kenia zusammenzuarbeiten“, berichtet Ganeson Sundararaman, Leiter der Elektrotechnik bei KSW. „Wir hatten großes Vertrauen in die Projektleitung aus Indien, denn Siemens konnte bereits indische Referenzprojekte vorweisen. Dazu kam noch die starke lokale Expertise, die Siemens Kenia einbrachte. Die Zusammenarbeit mit Partnern, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, hat viele Vorteile. Solche Länder verstehen unsere Schwierigkeiten und inspirieren uns. Indien war vor 30 Jahren noch ein Agrarland, doch seit 20 Jahren erlebt es nun ein jährliches Wirtschaftswachstum im zweistelligen Bereich.“
Indien ist ein wichtiger Akteur in Afrika. So kündigte die indische Regierung auf dem India-Africa Summit 2011 verschiedene Initiativen an, darunter ein Stipendienprogramm für 22.000 afrikanische Studenten, die Förderung des Infrastrukturausbaus in Afrika sowie Pläne zur Investition von 700 Millionen US-Dollar in den Bau von Institutionen wie dem indisch-afrikani-schen Institut für Informationstechnik in Ghana.
Beim Projekt für die KSW passte das Know-how der Siemens-Teams aus Indien und Kenia perfekt. „Unsere Aufgabe war es, den Bau des Heizkraftwerks zu planen und die Durchführung des Projekts zu überwachen“, erklärt die Inderin Sodhi. „Siemens Kenia war für die Bau- und Installationsarbeiten sowie die Koordination vor Ort zuständig. Fünf Teammitglieder aus Indien besuchten regelmäßig die Fabrik und standen in permanentem Kontakt mit den Kollegen in Kenia.“ Dank der Auslegung des Heizkraftwerks können die KSW nun autark arbeiten und zudem 14 MW in Ugandas Stromnetz einspeisen. Dafür wurde extra eine neue Stromleitung gebaut.
Die KSW haben schon neue Pläne: Sie wollen ihre Kapazität auf 12.000 Tonnen Zuckerrohr pro Tag verdoppeln. Bis Juli 2012 könnten dann 32 MW ins Netz gespeist werden. Außerdem senkt die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien die CO2-Emissionen und fördert den lokalen Zuckerrohranbau. Besonders für Bauern in entlegenen Gebieten bedeutet dies Einkommensmöglichkeiten. Die Süd-Süd-Kooperation von Siemens ist also in vielerlei Hinsicht ein Modell für künftige gemeinsame Projekte.