Längst ist die Globalisierung auch in der Forschung und Entwicklung angekommen. Um im internationalen Wettbewerb ihre Innovationsstärke behaupten zu können, müssen Unternehmen wie Siemens ihr globales Wissensnetzwerk geschickt einsetzen. Das stellt die Forscher vor enorme Herausforderungen, bietet aber auch faszinierende neue Möglichkeiten.
Geballtes Wissen: Ob Arbeiten zur CO2-Abscheidung am MIT, Virenforschung in Berkeley, neue Lichtsysteme oder die Optimierung von Stromnetzen – im Verbund sind Forscher sehr erfolgreich.
Oben: Videokonferenz zwischen Boston und München. Unten: Entwicklung von Ultraschall Medizingeräten für den indischen Markt.
Das 21. Jahrhundert ist ein sehr dynamisches Zeitalter. Die Globalisierung schreitet voran, und mit ihr nimmt auch der weltweite Wettbewerb zu. Das birgt enorme Herausforderungen – für Unternehmen wie auch für ganze Länder. So sanken laut der internationalen Strategieberatung Booz & Company die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Industrienationen wie Deutschland und den USA 2009 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als drei Prozent. China und Indien zusammen erhöhten ihre Budgets im gleichen Zeitraum hingegen um gewaltige 41,8 Prozent.
Das Kräfteverhältnis der Forschung und Entwicklung (FuE) verschiebt sich also – weg von den einstigen Industrienationen hin zu den aufstrebenden Schwellenländern. Jedoch bedeutet diese Verlagerung für die bisherigen FuE-Schwergewichte gleichzeitig vielfältige Möglichkeiten, um im neu gemischten Weltmarkt weiterhin eine große Rolle zu spielen – so auch beispielsweise für Siemens.
Europa als Labor. Eine effektive und lange bewährte Methode, sich auf dem Innovationsfeld zu behaupten, ist beispielsweise, sein Wissen geschickt zu bündeln. So nimmt Siemens seit 1984 an den Forschungsrahmenprogrammen der Europäischen Kommission teil. Hier bringt die EU die klügsten europäischen Köpfe aus Forschungsorganisationen, Universitäten und Unternehmen zusammen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken. Der finanzielle Aufwand, den die EU heute damit betreibt, zeigt, welche Priorität die Innovationsstärke Europas für sie hat: Waren es im ersten Forschungsrahmenprogramm von 1984 bis 1987 umgerechnet rund 3,3 Milliarden Euro, im sechsten Programm von 2002 bis 2006 noch 17,5 Milliarden Euro, so stehen nun dem aktuellen siebten Programm, das von 2007 bis 2013 läuft, mehr als 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Vielfalt der von der EU geförderten Kooperationsprojekte, an denen Siemens teilnimmt, ist groß. Beispielsweise das Projekt „Internet of Things at Work“, in dem Wissenschaftler unter der Federführung von Siemens Corporate Technology (CT) an einem Internet der Zukunft forschen, das nicht Menschen, sondern Maschinen miteinander vernetzt.
In weiteren aktuellen Projekten hat sich die EU zum Ziel gesetzt, nachhaltige Energien zu erschließen, ebenfalls mit Siemens-Beteiligung (siehe Artikel „Europas Wissen bündeln"). „Ziel der FuE-Förderprogramme ist es, mit der europaweiten Wissensbündelung die Basis für weltweit erfolgreiche Innovationen zu schaffen“, erklärt Dr. Ina Sebastian. Bei der CT-Mitarbeiterin aus München laufen die Siemens- Beteiligungen an den EU-geförderten Projekten zusammen – momentan sind es rund 50. „Dabei achtet die Kommission akribisch darauf, dass das Wissen im wahrsten Sinne gebündelt wird, und nicht zwei Organisationen an ein und demselben Thema forschen – ein wichtiger Aspekt, um Interessenskonflikte oder Streitigkeiten bei der Nutzung der Forschungsergebnisse zu vermeiden.“ Gleichzeitig können so Fragen rund um die Patentanmeldung einfacher gehandhabt werden. Nur dann kann das Wissen ausreichend geschützt werden, um die Forschungen in erfolgreiche Produkte münden zu lassen (siehe Artikel „Erfolgsversicherung").
Globaler Schmelztiegel. Neben den Programmen der EU nimmt Siemens auch an anderen Forschungsprogrammen weltweit teil. Etwa in den USA, wo das Unternehmen an einem Projekt zur Erforschung neuer Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO2 mitarbeitet, das vom US-Energieministerium gefördert wird. „Die Beteiligung an solchen Forschungsprogrammen ermöglicht uns einen ausgezeichneten Zugang zu verschiedensten Innovations- und Forschungsthemen“, erklärt Ina Sebastian. „Gleichzeitig erschließen wir in einem solchen internationalen Verbund sehr viel neues Wissen. Auch das ist Teil von Open Innovation, was Siemens auch außerhalb der EU-Förderprogramme schon seit Jahren sehr intensiv betreibt.“ (Pictures of the Future, Frühjahr 2010, Open Innovation)
So geht Siemens jährlich weltweit über 1.000 Kooperationen mit Forschungseinrichtungen, Industriepartnern oder auch Universitäten ein (siehe Artikel „Mit der Forschung um die Welt"). Mit einigen Top-Universitäten gibt es auch strategische Partnerschaften. Ziel ist es, gemeinsam zu forschen, Talente zu fördern und Netzwerke aufzubauen. An diesen Universitäten hat Siemens so genannte Center of Knowledge Interchange (CKI) eingerichtet, die jeweils von einem Key Account Manager direkt an der Uni betreut werden. Die CKI-Universitäten werden darüber hinaus zum Teil auch von Landes- und Geschäfts-CEOs oder sogar von Mitgliedern des Vorstands der Siemens AG als Paten begleitet.
Doch auch innerhalb des Unternehmens werden die Grenzen von Geschäftseinheiten, Ländern und Kulturen immer durchlässiger. „Wenn Forscher aus verschiedenen Ländern zusammenkommen, ergibt das einen wunderbaren Wissens-Schmelztiegel“, weiß Dr. Tabea Arndt in Erlangen. Die Wissenschaftlerin ist bei Siemens für die CT-Entwicklungen auf dem Feld der Supraleiter verantwortlich – ein Wissenschaftsfeld, mit dem sich Forscher weltweit beschäftigen a href="100-jahre-supraleiter.html" class="internal-link">(siehe Artikel „Ein Jubiläum voller Spannung"). „Jede Kultur bringt dabei einen anderen Blickwinkel in die Zusammenarbeit mit ein“, schwärmt Arndt. „So wissen wir Europäer viel über Materialforschung, während Wissenschaftler aus rohstoffarmen und zugleich extrem dicht bevölkerten Ländern wie Japan beispielsweise oft darauf spezialisiert sind, diese Materialien in kompakten Lösungen effizient einzusetzen. Diese Horizonterweiterung mit den Innovationspartnern kommt unseren Forschungen tagtäglich zugute.“ Dies gilt genauso, wenn IT-Experten aus Bangalore zusammen mit Kollegen aus München oder Shanghai an intelligenten Bildverarbeitungsprogrammen etwa für Überwachungskameras arbeiten (siehe Artikel „Köpfe zusammenstecken "). Oder wenn Entwickler von Siemens Healthcare aus den USA und Deutschland zusammen den weltweit ersten Ganzkörper-MR-PET zur Marktreife entwickeln (siehe Artikel „Völlig neue Einblicke").
Märkte erschließen. Das „Forschen ohne Grenzen“ bringt aber noch weitere Vorteile: „Durch die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern lernen wir auch die Marktbedürfnisse anderer Länder kennen und können unsere Prozesse und Lösungen lokal anpassen“, erklärt Ina Sebastian. Diesen Weg der Forschung außerhalb des ursprünglichen Heimatlandes gehen laut der Forschungseinrichtung Deutsche Bank Research bereits über 90 Prozent der führenden Technologiekonzerne. Besonders beliebte FuE-Standorte sind dabei die Schwellenländer, deren Märkte lange Zeit wegen ihren speziellen Anforderungen – komplexe technische Bedürfnisse bei niedrigen Preisen zu erfüllen – nur zum Teil erschlossen wurden.
Interkulturelle Stolpersteine. Trotz des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgs hat weltweite Zusammenarbeit jedoch auch ihre Tücken. Und die sind oftmals zwischenmenschlicher Natur. „Wie die Menschen Dinge regeln und ihren Alltag gestalten, auf welche Lerngewohnheiten sie zurückgreifen – das ist von Kultur zu Kultur komplett unterschiedlich. Darauf muss man sich einstellen“, verrät Prof. Dr. Alois Moosmüller, Inhaber des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation an der Ludwig- Maximilians-Universität in München im Interview (siehe Artikel „In der Hektik des Alltags verstricktman sich im Nichtverstehen"). „Wir verstricken uns oft im Nichtverstehen. Die Zusammenarbeit in den Teams wird dann zunehmend schwieriger. Die Leute sind nicht mehr bereit, kooperativ zusammenzuarbeiten.“
Für Siemens sind derartige Differenzen alles andere als kleine Meinungsverschiedenheiten, denn das Unternehmen verfügt nicht nur über ein weltweites Forschungsnetzwerk, sondern ist darüber hinaus auch in 190 Ländern geschäftlich tätig. Aus diesem Grund hat Siemens im Jahr 2003 das interne Trainings- und Beratungszentrum „Learning Campus“ ins Leben gerufen (siehe Artikel „Die Welt besser verstehen lernen"). Egal ob China, Indien oder die Vereinigten Staaten: Hier werden Mitarbeiter – beispielsweise vor einem Auslandseinsatz – auf die jeweilige Kultur ihres zukünftigen Arbeitsortes vorbereitet. Das Ziel des Learning Campus ist klar definiert: Mit einem interkulturellen Verständnis soll die globale Teamarbeit noch erfolgreicher werden. Denn internationalen Wettbewerb ohne internationale Forschung kann sich heute kaum noch jemand leisten.