2030 Leben für die Forschung: Die Wissenschaftler der neuen Weltraumstation BRS haben an einer Raumsonde unbekanntes Leben entdeckt und zur Analyse an ihr Forschungsnetzwerk auf die Erde geschickt. Woher stammen die Mikroorganismen? Und werden ihre Gensequenzen die Wissenschaft revolutionieren? Antworten auf diese Fragen hat der Mikrobiologe Aleksandr Miller, der den Forschern als Hologramm zugeschaltet ist.
2030. Auf der internationalen Raumstation BRS forschen Astronauten an den elementaren Fragen der Zeit. Als sie im All Mikroorganismen finden, wittern sie den Beginn einer neuen Forschungsära, doch zunächst müssen die Mikroben analysiert werden. Ein internationales Netzwerk auf der Erde hilft den Weltraum-Experten dabei.
Computerlogbuch der internationalen Raumstation „Boundless Research Station“, kurz BRS, Forschungsstationsleiter Desmond Blacc. Wir haben Besuch von Prof. Aleksandr Miller, einem weltweit führenden Mikrobiologen. Er ist uns via Hologramm aus der russischen Wissenschaftsstadt Skolkovo zugeschaltet, nur die Sprachverbindung lässt noch auf sich warten. Wir gehen fest davon aus, dass Prof. Miller uns bestätigen wird, dass wir kurz vor einer neuen Forschungsära stehen. Warum, möchte ich gerne vorab erklären. Als vor drei Monaten unsere Raumsonde „Scienceflight“ nach ihrem Flug durch den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter erstmals an der BRS andockte, machten wir eine sensationelle Entdeckung: Am Flugkörper hafteten winzige Staubpartikel mit Bestandteilen von Mikroorganismen. Hatten wir außerirdisches Leben gefunden? Sofort schickten wir eine Probe in unser Forschungsmodul „Microcosm“. Dort können wir unter dem Einfluss der Schwerelosigkeit forschen, während unser Haupttrakt rotiert und künstliche Schwerkraft herstellt – was uns Astronauten im Vergleich zur Raumfahrt vor zehn Jahren Knochen- und Muskelschwund erspart.
Aber zurück zum „Microcosm“: Unsere chinesischen Partner haben sich dort der Biomedizin verschrieben. Zusammen mit einem Forschungsverbund aus US-amerikanischen und europäischen Universitäten haben sie in den vergangenen Jahren mit ihren Proteinanalysen unter Mikrogravitation gänzlich neue Biomarker- Klassen zur Früherkennung von Krankheiten entdeckt und neue Stoffe für die Krebstherapie entwickelt. Dafür erhielten sie sogar den Nobelpreis. Dieser Erfolg zeigt, wie in einem solchen internationalen Netzwerk gigantisches Wissen entstehen und gezielt eingesetzt werden kann.
Ein Vorteil, den wir hier jeden Tag nutzen. Und die kulturellen Reibungsflächen werden wir auch noch verringern. Ich habe fest vor, meine Forscher noch stärker zu virtuellen interkulturellen Lehrgängen zu verpflichten – und wenn es nur Zubereitungskurse der russischen, chinesischen und amerikanischen Weltraumkost sind. Aber Scherz beiseite, ich wollte ja von den Mikroben erzählen. Meine Wissenschaftler waren ob des unglaublichen Fundes sofort Feuer und Flamme, analysierten die vorhandenen DNA-Schnipsel und fachsimpelten mit unseren russischen Spezialisten für Biochemie, kamen aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es war zum Haareraufen: Hier oben gibt es einige der weltbesten Forscher für neuartige Legierungen, die es dank ihrer Hitzeresistenz möglich machten, dass vor zwei Jahren auf der Erde das erste Fusionskraftwerk ans Netz gehen konnte. Ebenso haben wir hier Spitzenwissenschaftler für den Aufbau von Zellskeletten und Knochenwachstum. Wir beantworten hier zusammen mit einem globalen Forschungsnetzwerk aus Universitäten, Forschungsorganisationen und Unternehmen viele der Fragen, die die Menschheit beschäftigen: Rohstoffverknappung, Klimaschutz und Gesundheitsprobleme einer älter werdenden Bevölkerung.
Nur auf die Frage, was für Lebensformen wir entdeckt haben, wussten wir einfach keine passable Antwort. Deshalb haben wir eine zweite Mikroben-Probe mit einem Versorgungsschiff der Circinus-Klasse, einem von den USA, Russland und China gemeinsam entwickelten Spaceshuttle-Nachfolger, nach Skolkovo gebracht. Dort sollte sie unter der Aufsicht von Prof. Miller ausgewertet werden. Könnten wir etwa mit Hilfe der kleinen Lebewesen Krankheiten noch effektiver bekämpfen oder helfen sie uns, neue Energiequellen zu erschließen? Das waren die Fragen, die wir uns auf der BRS in der Zwischenzeit stellten. Eine ziemlich dreiste Bemerkung äußerte mein schottischer Kollege James Farquharson. Das sei sicherlich nur ein Mikroorganismus von der Erde, der uns auf eine falsche Fährte führe. Ich konnte nicht anders und musste mit ihm um eine Flasche edlen Whiskey wetten, die er mir schuldet, sobald uns Prof. Miller das Ergebnis mitteilt. Jetzt sehe ich gerade, dass die Mikrobe im Querschnitt bereits als Hologramm vor ihm projiziert wird. Wenn jetzt nur noch die Tonverbindung…ah, ich höre was.“
„Kkkrrzzz….hall-krrzzz… Hallo, BRS, hören Sie mich jetzt? Hier spricht Aleksandr Miller aus Skolkovo. Nach mehrwöchigen Forschungen, Diskussionen und Analysen konnten wir ihre Anfrage erfolgreich bearbeiten. Bei ihrer Probe handelt es sich tatsächlich um fremde Mikroben. Nun gut, sagen wir lieber „weitgehend“ unbekannte Mikroorganismen, die sich, wie sie auf dem Hologramm vor mir sehen können, in ihrem genetischen Aufbau teils von den uns bekannten irdischen Lebensformen unterscheiden, aber dennoch eines mit ihnen gemein haben: Sie stammen von der Erde. Allerdings schätzen wir ihr Alter auf mindestens 500 Millionen Jahre. Diese ultra resistente Spezies muss wohl einst bei einem Meteoriteneinschlag ins All katapultiert worden sein. Trotz der irdischen Abstammung ist der Fund sehr interessant, weil er einige uns bisher unbekannte Gensequenzen enthält, die durchaus Anwendungen für die biotechnische Industrie oder die Energietechnik haben könnten. Hier würden wir gerne mit ihnen entsprechende Forschungsprojekte aufsetzen. Kollegen aus Princeton, Shanghai, Bangalore und auch Skolkovo sind bereits startklar. Die finanzielle Förderung durch den internationalen Forschungsverbund der Vereinten Nationen wäre ebenfalls in trockenen Tüchern. Die DNA-Analysen mitsamt Proteinstruktur und Zellaufbau bekommen Sie die nächsten Tage. Können wir mit Ihnen rechnen?“
„Prof. Miller, Desmond Blacc hier. Ich spreche für das gesamte Team. Wir sind begeistert über diesen Vorschlag einer erneuten Kooperation ohne Grenzen und stehen gerne zur Verfügung. Wir melden uns. Ende! Und an das Computerlogbuch: Ich schulde Farquharson wohl eine Flasche Scotch aus den Highlands.“