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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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2035

2035 Elektrische Zukunft: Auch in einem kleinen, von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf in Zentralafrika hat das Stromzeitalter Einzug gehalten: Windräder liefern nun zusammen mit einer Biogasanlage nachhaltig Elektrizität. Mit dem Strom betreiben die Bewohner Hausgeräte, Tankstellen für Elektroautos und Straßenlaternen. Das Medizinzentrum des Dorfes ist mit einer Solar-Cooling-Klimanlage ausgerüstet, die ihre Kälte mit Sonnenstrom produziert.

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Elektrische Evolution

Zentralafrika 2035: Mitten im Busch steht ein abgelegenes Dorf, das bislang vom Stromnetz abgeschnitten war. Nun hat es die Regierung mit nachhaltigen Technologien aufgerüstet und in ein neues Zeitalter katapultiert. Ein Journalist will vor Ort erkunden, wie die Elektrizität das Leben der Menschen verändert hat.

Der Weg ins neue Stromzeitalter ist holprig und von hohem Gras durchsetzt. Links und rechts neben der provisorischen Piste türmt sich der Busch wie eine bunt gescheckte Mauer. Ab und zu gibt er den Blick auf ein paar Giraffen frei, die uns erst bemerken, als wir fast lautlos an ihnen vorbeirollen: Seit einiger Zeit fahren auch hier im Zentrum Afrikas die Buschtaxis mit elektrischem Strom. Und sollte dem Akku einmal im unwegsamen Gelände der Saft ausgehen, verlängert ein kleiner Verbrennungsmotor die Reichweite. Am Steuer des Allrad-Stromers sitzt Dr. Salim Taylor. Er ist heute mein Fahrer und Tourguide in Personalunion, darüber hinaus ist er der für diesen Bezirk zuständige Mediziner. Für einen Arzt pflegt er einen recht ungesunden Lebenswandel – die Zigarre in seinem Mundwinkel bleibt selten kalt, und sein Fahrstil ist ebenso abenteuerlich wie die Landschaft. Dafür wird es diesseits des Äquators wohl kaum einen Menschen geben, der so gut über die Entwicklung des Landes und seine Bewohner Bescheid weiß. Taylor ist auf dem Weg zu seiner wöchentlichen Sprechstunde in einem kleinen abgelegenen Dorf. Dort soll ich die ersten Ergebnisse eines neuen Entwicklungsprogramms besichtigen – und diese sollen buchstäblich elektrisierend sein.

„Sauerei!“, schimpft Taylor als das rechte Vorderrad plötzlich in einem besonders tiefen Schlagloch verschwindet. „Schon das zehnte Erdferkelloch, seit wir die Schotterpiste verlassen haben.“ Er fingert eine neue Zigarre hervor und lässt sein Feuerzeug aufschnappen. „Die so genannte Straße hat ihren Namen nicht verdient, aber das Dorf an ihrem Ende hat sich wirklich unglaublich verändert.“ Taylor muss es wissen. Als letztes Jahr Spezialisten den Ort von der fossilen Vergangenheit ins neue Stromzeitalter katapultierten, hat er die Regierungsbeamten beraten und die Einwohner begleitet.

Zuvor war das Dorf quasi von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Strom- und Kommunikationsnetze – ein Anachronismus, der selbst in Afrika selten geworden ist. Mit dem neuen Programm zur nachhaltigen Entwicklung abgelegener Regionen will die Regierung die „weißen Flecken“ von der Landkarte entfernen. „Das ist mehr Evolution als Revolution“, bemerkt Taylor. „Es geht nicht darum, die Dorfstrukturen und Traditionen über den Haufen zu werfen, sondern die Rahmenbedingungen für die Menschen zu verbessern.“

Er deutet auf den Busch ringsum die Straße. „Fällt Ihnen etwas auf? Obwohl wir fast am Ziel sind, ist der Bewuchs nach wie vor üppig. Vor einigen Jahren war die Gegend um das Dorf noch total versteppt – heute braucht man kein Feuerholz mehr.“ Taylor lässt eine dichte Wolke Zigarrenqualm entweichen und fährt holpernd über ein weiteres Schlagloch. Langsam lichtet sich der Busch und gibt den Blick auf eine weite Ebene frei. Die Straße führt nun eine kleine Anhöhe hinab. An ihrem Fuß liegt das Dorf.

Auf den ersten Blick wirkt die Ansammlung der Rundhütten eher traditionell als fortschrittlich. Doch in der Savanne hinter dem Ort erheben sich drei Windräder, die sich träge in einer leichten Brise drehen. Mitten im Dorf fällt ein modernes Gebäude ins Auge, auf dem Solarzellen in der Sonne blitzen. Und beim näheren Hinsehen entpuppen sich die metallenen Masten als Straßenlaternen mit Leuchtdioden.

„Angekommen“, grinst Taylor und steigt ächzend aus dem Wagen. „Das dort“, sagt er und deutet auf Haus mit den Solarzellen, „ist das Medizinzentrum. Es verfügt über eine Solar-Cooling-Klimaanlage, die mit Sonnenstrom und einer Absorptionskältemaschine funktioniert. Hält das große Gebäude wunderbar kühl. Heute aber machen wir Hausbesuche.“ Er zieht einen Tablet-PC aus der Tasche und begrüßt Abdul, den Bürgermeister. „Abdul ist so eine Art Sanitäter. Er protokolliert regelmäßig, wie es seinen Mitbürgern geht, und schickt mir per Funk die Daten zu – das können Fotos der Befunde sein oder Ergebnisse von Bluttests, die er mit automatischen, nur handygroßen Testgeräten macht. Somit bin ich immer über den aktuellen Gesundheitszustand informiert.“

Auf dem Weg zum ersten Patienten kommen wir an einem zylinderförmigen Container vorbei, daneben stehen ein paar Elektro-Ladesäulen. „Das ist unsere Biogasanlage“, sagt Abdul stolz und klopft an den Tank. „Wir füttern sie mit Pflanzenabfällen und Mist. Daraus produzieren Bakterien Methan, was wiederum vollautomatisch verstromt wird. Zusammen mit den Windrädern sind wir energieautark und unabhängig vom Stromnetz.“ Er deutet auf die Ladesäulen: „Vergiss nicht, Deine Karre rechtzeitig anzustöpseln, Salim!“

Aus der gras bedeckten Rundhütte klingt leise Musik. Der Topf auf dem Herd verströmt einen kräftigen Geruch. Von der Decke baumelt eine LED-Lampe. „Erdferkel-Eintopf“, stellt Taylor zufrieden fest und blickt auf seinen Tablet-PC. „Dem kleinen Patienten geht es offenbar wieder besser.“ Er weist auf einen etwa 12-jährigen Jun gen, der auf einem Bett liegt. „Hat er Malaria?”, frage ich. „Kommt hier seit der neuen Impfung kaum mehr vor“, er widert Taylor. „Auch Schlangenbisse sind nicht mehr so kritisch – im Medizinzentrum befindet sich genügend Serum und andere Medikamente, die nun dank des Stroms in Kühlschränken gelagert werden können. Mit dem Stromzeitalter ändern sich auch die Gebrechen der Leute – ist hier früher ein Unfall passiert, konnte keiner Hilfe holen. Heute greifen die Menschen zum Handy oder steigen aufs E-Bike. Das ist übrigens auch dem Jungen zum Verhängnis geworden: Ohne Helm gefahren und gestürzt. Gehirnerschütterung.“

Der Arzt leuchtet dem Jungen mit einer Lampe in die Augen. „Zu schnell unterwegs?“, frage ich. „Erdferkelloch“, grinst Taylor und nickt der Frau am Elektroherd zu, die ihm einen Löffel zum Probieren hinhält. „Der Unfallverursacher hat es übrigens nicht überlebt.“

Florian Martini