Ramesh Visvanathan arbeitet seit über zwanzig Jahren an der Kunst des Computersehens und macht damit den Alltag auf Bahnhöfen und auf Flughäfen sicherer
Ramesh Visvanathan, 48, sitzt in einem an einen Ratskeller erinnernden Speisesaal eines edlen Universitätsclubs in Midtown Manhattan und denkt zurück an einen weit entfernten Ort – Mumbai (damals Bombay). Hier arbeitete er 1984 als Auszubildender bei Larsen& Toubro, einer von zwei Dänen in Indien gegründeten Technologiefirma. „Sie rotierten ihre jungen Angestellten alle sechs Wochen durch eine andere Abteilung“, sagt er. „Dadurch konnte man sich nirgends wirklich einarbeiten – und wurde nicht wirklich gebraucht. Mir ließ das Zeit – und ich las viel in der Firmenbibliothek.“
So sehr diese Beschäftigung nach müßigen Zeitvertreib klingen mag, sie veränderte seine Zukunft – zu verdanken war das vor allem zwei Artikeln, die Ramesh damals las: Einen populär - wissenschaftlichen Report im „Scientific American“ über die Neurophysiologie des Sehens und wie diese Erkenntnisse helfen könnten, Bilderkennung für Computer zu ermöglichen. Der andere, im Fachmagazin „Proceedings of the IEEE“, handelte von medizinischen Bildgebungsverfahren. „Da wusste ich, was ich in Zukunft machen wollte.“ Ramesh bewarb sich um einen Studienplatz im Fach Elektrotechnik in den USA.
Wenn Ramesh seine berufliche Laufbahn erklärt, verweist er gerne auf die Zielstrebigkeit seiner Mutter, ihren Mut und Willen, hart zu arbeiten. Aber es war nicht nur Beharrlichkeit, die ihn prägte. Ihn trieb der Wissensdurst in die Ferne, in ein Land, das ihm damals noch völlig fremd war. „Von einer Kultur in eine andere zu wechseln, war nicht immer einfach“, erinnert er sich. „Das fing schon bei ganz einfachen Dingen an: Mein Visum für die Staaten gab an, ich könne bis zum 1. 3. 1985 einreisen – und ich dachte, das hieße, bis zum ersten März. Aber die Amerikaner schreiben den Monat vor dem Tag – und ich hätte beinahe nicht einreisen können.“ Ramesh begann, seinen Traum aus der Mumbaier Bibliothek Realität werden zu lassen. Er besuchte die Technische Hochschule Virginia Tech in West Virginia. Dann promovierte er an der University of Washington in Seattle, um kurz darauf bei Siemens Corporate Research in Princeton, New Jersey, eine Stelle als Forscher für automatische Bildverarbeitung anzunehmen. Wenige Jahre später war er dort bereits Leiter der Abteilung für Echtzeit-Bilderkennung und -Modellierung. Und das Zentrum ist erfolgreich: Als Ramesh dort anfing, zählte die Abteilung „Imaging and Visualization“ 30 Mitarbeiter – heute sind es rund 150, ein Großteil davon im Bereich medizinischer Bildgebung.
Gefahren erkennen. Ramesh und sein Team haben in den letzten Jahren auch Systeme für automatische Bildverarbeitung entwickelt. Sie bilden die Grundlage für die Überwachung in U-Bahnhöfen oder an Flughäfen, für die Durchleuchtung von Frachtgütern und Paketen. Auch gäbe es die meisten Fahrerassistenzsysteme ohne diese Technologie nicht. Beispielsweise kann sie automatisch Bilder auf Gefahren untersuchen – egal ob ein Koffer herrenlos am Flughafen steht oder Einbrecher versuchen, in ein Gebäude einzudringen.
Ramesh hat eine flexible Architektur für verschiedene Anwendungen für Videoanalysen entwickelt. Was muss ein Videoanalyse-System können, das zur Überwachung von U-Bahnhöfen eingesetzt wird? Welche Lichtverhältnisse herrschen auf Bahnsteigen? Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Überwachung einer Menschenmenge? „Es ist natürlich einfach, Unmengen von Bildinformationen zu sammeln, doch die hohe Kunst ist, sie richtig zu integrieren und zu interpretieren. Ein wichtiger Aspekt von Intelligenz ist dabei zu erkennen, was wichtig und was zu vernachlässigen ist.“ Diesen künstlichen Durchblick ermöglichen statistische Modellierungs- und Analysetools, die Ramesh in den letzten Jahren entwickelt hat. 120 Erfindungen von Ramesh mündeten bislang in 37 erteilte Patente für Siemens.
Die Arbeitsgruppen der Projekte von Ramesh arbeiten international. Sie sitzen in Bangalore, München, Graz und an anderen Orten. „Jeder bringt dabei seinen eigenen Blickwinkel mit“, erzählt er. Seien es methodische Deutsche, teamorientierte Chinesen oder unternehmerische Amerikaner. „In solchen bunt gemischten Gruppen profitiert dann jeder von den Stärken der anderen – sofern man selbst offen dafür ist. Deshalb ist es auch wichtig, für andere Kulturen eine gewisse Sensibilität zu haben.“
Die den Globus umspannende Forschung geht für Ramesh auch in den nächsten Jahren weiter – dieses Mal auf dem interdisziplinären Gebiet der Kognitionswissenschaften. Derzeit arbeitet der Experte für künstliche Intelligenz mit deutschen Kollegen an der Frage, wie sich jüngste Erkenntnisse der Hirnforschung in künstliche Sehsysteme übersetzen lassen – über ein Vierteljahrhundert, nachdem er den „Scientific American“-Artikel zu demselben Thema gelesen hatte.