Umtriebig: Der Brite Michael Shore bringt seit 50 Jahren Walzwerktechnologie voran.
Umgeben von gerahmten Sammelbildern – Eisenbahnen, Pferde, Schiffe – sitzt Michael Shore in seinem Büro bei Siemens VAI in Worcester, Massachusetts. Das Unternehmen ist weltweit führender Hersteller auf dem Gebiet der Walzwerktechnologie und gehört seit 2008 zu Siemens. Die Firma hat Niederlassungen in China, Brasilien, Indien und Großbritannien. Ein elektrischer Bleistiftspitzer steht neben Shore. „Ein Überbleibsel“, sagt er. „Heute benutze ich vor allem Druckbleistifte. Das Design findet zwar am Computer statt. Aber das hindert mich natürlich nicht, mit dem Bleistift Ideen zu skizzieren.“ An der Wand hängt ein Poster, das zwei Trommeln in einer Walzstraße für Drähte zeigt – das so genannte „Morshor System“. Es ist die jüngste Erfindung des Tüftlers, nach dem das System benannt wurde. Die erste Anlage wird gerade in Brasilien getestet.
Der gebürtige Engländer ist mit Walzwerken von Kindesbeinen an vertraut. „Mein Vater hat bereits in einem Walzwerk gearbeitet.“ Als der Schulabschluss nahte, sah sich der 1937 geborene Shore vor der Wahl zwischen dem Kohlebergbau und der Stahlindustrie, den damals dominierenden Industriezweigen seiner Heimatregion, Yorkshire. Er entschied sich für den Stahl und wurde Techniker in der Metallurgie bei der British Iron & Steel Research Association (BISRA).
Von Natur aus neugierig und ambitioniert, begann Shore, neben seiner Arbeit Maschinenbau zu studieren. Sein Schwerpunkt: Walzwerke. Als er den Abschluss in der Tasche hatte, veröffentlichte er ein Buch über Walzwerktechnologie. Nachdem Manager des amerikanischen Walzwerkherstellers Morgan die Schrift gelesen hatten, boten sie ihm einen Job in Manchester an. Für Shore hatte das Unternehmen eine anspruchsvolle Aufgabe: die Schwächen neuer Walzwerke vor Ort und während ihres Betriebs zu studieren. Er half, die Maschinen zu installieren – er war sozusagen weltweit auf der Walz. So verbrachte er ein Jahr in Deutschland, kam später nach Spanien, Indien, Brasilien, Japan und Korea. Dabei lernte er auch Spanisch und Deutsch.
Schon bald hatte der Tüftler zahlreiche Optimierungsvorschläge. Er reduzierte für ein Walzwerk die Zahl der Schraubenschlüssel von 20 auf drei, was die Wartung erleichterte. 1967 schlug er vor, ein Stelmor-Transportband mit Stufen zu versehen, um seine Geschwindigkeit zu regulieren. „Die Idee war so gut, dass sie heute in allen Walzwerken genutzt wird.“ 61 Erfindungen nennt Shore bis heute sein eigen, weltweit tragen über 600 Einzelpatente seinen Namen. 2010 wurde er aufgrund dieser Leistungen mit elf weiteren Innovatoren von Siemens als „Erfinder des Jahres“ ausgezeichnet.
Für den jungen Ingenieur war es nicht immer einfach, Änderungen einzuführen. „Ich stand anfangs in der Hierarchie weit unten, war weit von der Firmenzentrale entfernt – und wenn ich eine Idee nach Worcester, Massachusetts, meldete, konnte es drei Wochen dauern, bis sie bearbeitet oder gar genehmigt wurde. Diese Zeit hatten wir vor Ort oft nicht.“ Diesem Problem stand er zum Beispiel Anfang der sechziger Jahre in Deutschland gegenüber. „Bei den frühen No-Twist-Mills brachen die Walzen oft“, erklärt er. „Mit dem Kunden entwickelten wir eine hydraulische Montagevorrichtung, die diese Probleme verhinderte.“ Der Kunde patentierte die Idee – sie war so erfolgreich, dass Morgan sie schließlich kaufte.
56 Jahre Expertise. Shore lernte in Europa, Südostasien oder Südamerika unterschiedliche Managementkulturen kennen. Doch das änderte seine eigene Herangehensweise nicht: „Meine Einstellung war immer, jeden Handgriff, den es an der Maschine zu tätigen gab, selbst ausführen zu können. Und jedem Menschen, mit dem ich zu tun habe, vom Arbeiter zum Fabrikbesitzer, begegne ich gleichermaßen mit Respekt.“ Seine Vorgesetzten versuchten ihn zum Umzug in die Staaten zu bewegen – lange Zeit jedoch erfolglos. Er lebte in einem im frühen 18. Jahrhundert erbauten Cottage in der englischen Grafschaft Cheshire, besaß eine riesige Modellbauanlage und reiste 300 Tage im Jahr um die Welt. „Ich war mit diesem Leben eigentlich sehr zufrieden.“ Überzeugen konnten ihn erst 1988 sein Sohn, der inzwischen in der Vertriebsabteilung bei Morgan in Worcester arbeitete – die dritte Shore-Generation in der Walzwerk-Branche. „Meine Frau rechnete sich aus, dass ich nach einem Umzug in die Staaten nur noch 180 Tage im Jahr unterwegs wäre“, sagt er lachend. Er gab nach.