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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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„Respekt ist das Wichtigste“

Die Chemikerin Dr. Heike Barlag koordiniert bei Siemens Energy internationale Forschungsprojekte zum Thema Elektromobilität.

"Ich wollte die Denkweise der Ingenieure unbedingt verstehen. Also musste ich "Elektrotechnisch" lernen."

Das EU-Projekt „Green Emotion“ liegt Heike Barlag am Herzen. Engagiert erzählt die promovierte Physikochemikerin, wie das Vorhaben die Elektromobilität in Europa standardisieren soll. Die Projektpartner wollen erreichen, dass Elektro-Autos künftig auf dem ganzen Kontinent Strom tanken können, dass elektrische Spannung, Steckdosen und Software vereinheitlicht werden. Erst nach einer Weile rückt sie damit heraus, dass sie die Gesamt- Koordinatorin dieses umfangreichen, von der EU im siebten Forschungsrahmenprogramm geförderten Projektes ist: In den nächsten vier Jahren wird sie sich mit 42 Projektpartnern aus zwölf Ländern abstimmen und den EU-Anteil des Etats von 24 Millionen Euro verwalten.

Siemens ist der größte Partner im Bunde. Ein interdisziplinäres Siemens-Team ist an sieben der elf Arbeitspakete beteiligt, es geht um Richtlinien für Ladestationen, Demonstrationen in mehreren Modellregionen, um die Entwicklung der Infrastruktur.

Mit dieser Management-Aufgabe hat sich die Forscherin vom Siemens Sektor Energy in Fürth bei Nürnberg ein gutes Stück von ihrem Lieblingsplatz entfernt: dem Labor. Heike Barlag liebt es, an Apparaten herumzuschrauben oder Versuchsaufbauten auszutüfteln. „Technik und Wissenschaft haben mich schon immer interessiert“, sagt sie. Schon als Zwölfjährige baute sie die Nabenschaltung ihres Hollandrades auseinander – und setzte das komplizierte Getriebe ohne größere Hilfe wieder zusammen. Inzwischen hat sie allerdings kaum noch Gelegenheit dazu, den Schraubenzieher selbst in die Hand zu nehmen. Im Juni 2010 wechselte sie aus der Siemens-Forschung bei Corporate Technology (CT) in den Sektor Energy und übernahm eine Stelle als Senior Project Manager.

Sie ist nun verantwortlich für mehrere öffentlich geförderte Projekte zur Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Nach wie vor arbeitet sie eng mit den Forschern von CT zusammen, die Ladesäulen für solche Stromtankstellen entwickeln. Es geht darum, Autos über elektromagnetische Induktion aufzuladen oder starken Gleichstrom statt Wechselstrom zu verwenden – was die Ladezeiten auf wenige Minuten verkürzen könnte. Heike Barlag muss nun vor allem Organisationstalent beweisen und bunt zusammengesetzte Teams geschickt dirigieren: In ihren Projekten arbeitet sie mit Partnern im In- und Ausland zusammen, mit Siemens- Kollegen in Dänemark, Forschern an Universitäten, Entwicklern in der Automobilbranche, Ingenieuren bei Energieversorgern. „Green Emotion“ ist bei weitem das größte Vorhaben.

Unterschiedliche Blickwinkel. Heike Barlag hat zwar Respekt vor der neuen Aufgabe als Koordinatorin. „Ich fühle mich fast noch ein bisschen jung dafür“, schmunzelt die 41-jährige. Aber sie freut sich auch auf die Herausforderung. Und sie weiß sehr genau, was sie tun muss, damit das komplexe Projekt ein Erfolg wird. „Am wichtigsten ist natürlich die Kommunikation“, sagt sie. Gerade zu Beginn sei ein intensiver Austausch wichtig, damit am Ende die Ergebnisse zusammenpassen. Barlags Strategie: „Man muss sicherstellen, dass alle Beteiligten wirklich verstanden haben, was sie tun sollen.“ Sie fragt daher stets hartnäckig nach, bis alle Missverständnisse ausgeräumt sind. Barlag beherrscht zudem die Kunst, Dinge schnell und präzise auf den Punkt zu bringen. Sprachliche Schwierigkeiten hat sie mit europäischen Kollegen noch nicht erlebt. „Wer an so einem EU-Projekt teilnimmt, spricht auch Englisch“, sagt sie.

Als Koordinatorin vertraut sie zudem auf ihren breiten fachlichen Hintergrund. Die gebürtige Westfälin hat an der Universität Münster Chemie studiert, spezialisierte sich bei der Promotion auf Elektrochemie und sammelte Erfahrungen im Programmieren. Als sie nach dem Berufseinstieg in der chemischen Industrie 2001 bei Siemens CT in Erlangen anfing, entwickelte sie zunächst Brennstoffzellen. „Das war richtige Basisarbeit, ich habe Elektroden hergestellt, Bauteile fertigen lassen und Brennstoffzellen im Labor getestet“, sagt sie. 2004 wechselte sie in den Bereich Biosensoren, wo sie zur Projektleiterin aufstieg und erste Führungserfahrungen in einer interdisziplinären Gruppe sammelte. Das hilft ihr nun, typische Klippen zu umschiffen. „Physiker, Chemiker, Biologen und Ingenieure haben oft unterschiedliche Blickwinkel“, weiß Barlag. Selbst ein elementarer Begriff wie die elektrische Spannung kann bei Elektrochemikern und Elektrotechnikern etwas anderes bedeuten, musste sie damals feststellen. „Ich wollte die Denkweise der Ingenieure aber unbedingt verstehen. Also musste ich 'Elektrotechnisch' lernen“, erzählt sie mit einem Lachen.

Als Frau hat sie sich in ihrer bisherigen Karriere häufig als Exotin gefühlt. Dass ihr Geschlecht ihr Nachteile gebracht hat, glaubt sie aber nicht – auch wenn ihr anfangs Vorurteile entgegenschlugen: Ihr eigener Vater, selbst Ingenieur, hatte Vorbehalte gegen ihre Berufswahl, und ihr Doktorvater prophezeite allen Doktorandinnen eine Laufbahn in der Bibliothek. „Hier bei Siemens spielen Geschlecht und Nationalität aber keine Rolle“, sagt sie. Manchmal kommt es vor, dass ein unbekannter Anrufer sie für die Sekretärin hält und nicht für die Projektleiterin, aber das nimmt Heike Barlag nicht persönlich: „Die Leute müssen sich eben noch daran gewöhnen, Frauen in solchen Positionen anzutreffen.“

Ihr Humor und ihre offene, unkomplizierte Art tragen sicherlich viel zum Gelingen ihrer Projekte bei. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Zusammenarbeit in gemischten Gruppen sei Respekt für die Fachkenntnis der anderen, sagt Heike Barlag. Im Idealfall sei die Zusammenarbeit über Länder-, Fach- und Firmengrenzen hinaus sehr bereichernd: „Wenn man die Vorzüge aller kombiniert, kommt am Ende mehr dabei heraus, als wenn jeder für sich arbeitet.“

In Zukunft wird grenzenlose Forschung immer wichtiger, glaubt Barlag: „Wir verdienen unser Geld vor allem mit Hightech-Produkten. Die Entwicklung ist oft so komplex, dass ein Unternehmen alleine das gar nicht mehr schaffen kann.“ Die Elektromobilität sei das beste Beispiel dafür, dass internationale Kooperationen unerlässlich sind: „Nur so ist der Markt groß genug, dass sich die Entwicklung lohnt“, sagt sie. Innereuropäische Grenzen machen bei Infrastruktur- Projekten keinen Sinn. „Niemand will an der Grenze aussteigen, weil er sein Auto auf der anderen Seite nicht tanken kann.“ Zudem spare die internationale Zusammenarbeit Kosten, da sich früh einheitliche Standards für neue Technologien entwickeln lassen.

Auch in ihrem Privatleben erlebt Heike Barlag, wie die Grenzen in Europa langsam verschwinden: Ihr Mann lebt zur Hälfte in Nürnberg, zur Hälfte in Warschau. Seit zehn Jahren leitet er dort ein Unternehmen.

Ute Kehse