Mehr Fertigung, mehr Forschung, mehr grüne Energie: Die Golf-Region bereitet sich auf die Zeit nach dem Öl vor. Die Leidenschaft junger Menschen aus der Region und die technologische Expertise von Unternehmen wie Siemens helfen dabei.
Über 150 Studenten leben, lernen und forschen bereits dort, darunter Noura Al Dhaheri und Marwan Mokhtar.
Achtgrößte Moschee der Welt: Gebäudetechnik von Siemens hilft, die Innentemperatur erträglich zu halten.
Abu Dhabi hat das Ziel, eine Gesundheitsversorgung auf Weltklasseniveau aufzubauen. Wie hier am Tawam Molecular Imaging Center, kommt vielerorts Ausrüstung von Siemens zum Einsatz.
Eine sanfte Brise streicht an diesem Wintermorgen durch die engen Gässchen des Masdar Institute. Der Student Marwan Mokhtar schlendert Richtung Coffee Shop Caribou, doch er macht einen Umweg. Am Wohnheim vorbei, dessen Wände mit geschwungenen Betonscheiben versehen sind, deren zahlreiche Öffnungen Licht durchlassen, aber die direkte Sonneneinstrahlung abhalten. Vorbei an der Bibliothek, deren Außenwände mit gasgefüllten Kunststoffkissen verkleidet sind, um sie besser zu isolieren. Die Terrasse entlang, mit dem Blick über die Wüste, die sich langsam mit Baustellen füllt. Denn das Masdar Institute of Science and Technology, an dem Marwan studiert, ist nur der erste Baustein eines viel größeren Projektes: Masdar City, eine der nachhaltigsten Städte der Welt, ausgelegt für bis zu 40.000 Einwohner und 50.000 Pendler täglich. Sie entsteht nahe dem internationalen Flughafen von Abu Dhabi, in einem Land, das auf beinahe einem Zehntel der globalen Erölvorkommen sitzt – und an einem Ort, dessen Einwohner derzeit den höchsten pro Kopf-Ressourcenverbrauch weltweit verantworten.
Hier in Abu Dhabi macht der 24-jährige seinen Master in Maschinenbau, doch mit einem herkömmlichen Studium hat seine Ausbildung wenig gemein. Am Masdar Institute wird von allen 153 Studenten und von den gut 40 Lehrkräften erwartet, dass sie mindestens die Hälfte ihrer Zeit für Forschungsprojekte aufwenden. Und diese drehen sich in Masdar vor allem um erneuerbare Energien, Energieeffizienz und nachhaltige Technologien. Auf der Terrasse stehend zeigt Marwan auf einen Turm, der in der Ferne aus der Wüste aufragt: „Da hinten entsteht mein Kraftwerk“, sagt er, und er übertreibt damit nur ein klein wenig. Denn „sein Kraftwerk“ ist eine kleine Solarthermie- Anlage zu Versuchszwecken, an der er ein neues Kraftwerksdesign ausprobiert.
Siemens ist Technologiepartner von Masdar City. Das Unternehmen wird hier ein intelligentes Stromnetz aufbauen sowie hocheffiziente Gebäudetechnik liefern. Masdar City ist ein riesiges, lebendiges Labor, in dem wegweisende Technologien im Großmaßstab ausreifen können – mit dem Masdar Institute als Treiber der Forschung und Denkfabrik. Gemeinsam mit Masdar wird Siemens in Abu Dhabi Technologien für Smart Buildings, Smart Grids und zur CO2-Abscheidung- und Speicherung erforschen. Um am Ort des Geschehens zu sein, verlegt Siemens zudem seine Zentrale für die gesamte Region nach Masdar City. Seit 2010 befindet sich bereits die weltweite Zentrale der Siemens Division Oil & Gas in Abu Dhabi.
Silicon Valley des 21. Jahrhunderts. Was hier, in unmittelbarer Nähe einiger der ergiebigsten Ölquellen der Erde entsteht, könnte das Silicon Valley des 21. Jahrhunderts werden: eine der wichtigsten Innovationsschmieden für grüne Technologien. Wer hätte das noch vor zehn Jahren für möglich gehalten? War die Region in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der ökonomischen Landkarte der Welt allenfalls als Zwischenstation für den Schiffsverkehr Richtung Asien aufgefallen, so änderte sich die Rolle in der zweiten Hälfte drastisch: Öl- und Gasexporte brachten Reichtum. Der Golf wurde ein wichtiger Absatzmarkt für Produkte der hochentwickelten Länder und nutzte die stetig fließenden Einnahmen, um Beteiligungen an Unternehmen in Europa, USA und in Asien zu kaufen.
Doch das wirtschaftliche Modell entwickelt sich weiter: Inzwischen bauen die Golf-Staaten auf ihrem eigenen Boden zukunftsfähige Industrien auf. Dazu gehören energieintensive Fertigungsprozesse, etwa die Aluminiumherstellung. Dass die Golfregion ein interessanter Produktionsstandort ist, belegen hohe ausländische Direktinvestitionen, etwa in Saudi-Arabien: knapp 150 Milliarden Euro über die letzten 20 Jahre hinweg. Im Zuge seiner Industrialisierung wird das Land seine Erzeugungskapazität für Elektrizität in den nächsten zehn Jahren verdoppeln müssen. So liefert Siemens für mehr als eine Milliarde Euro unter anderem zwölf hocheffiziente Gasturbinen, Dampferzeuger und -turbinen für das saudische Kraftwerk Ras Az Zawr. 2014 soll das riesige 2.400-Megawatt- Kraftwerk ans Netz gehen. 2012 wird Siemens in Saudi-Arabien zudem ein Fertigungs- und Servicezentrum für Gasturbinen bauen; Wartung und Service können dann künftig von dort aus vorgenommen werden. Die Investition von mehreren hun dert Millionen US-Dollar soll 1000 Arbeitsplätze schaffen – und noch einmal bis zu 3.000 weitere bei Zulieferern.
Um die Einheimischen auf neue Aufgaben vorzubereiten, investieren die Staaten am Golf immer mehr in Bildung, etwa bei der von Siemens unterstützten Universität KAUST in Saudi- Arabien (Pictures of the Future, Frühjahr 2010, Hightech-Uni im Wüstensand). Marwan Khraisheh, Dekan des Masdar Institute, stößt ins gleiche Horn, wenn er erklärt: „Der Schlüssel zu höherer Produktivität ist Bildung. Traditionell bauen die Bildungssysteme in der arabischen Welt auf konventionellen Frontalunterricht: der Professor als Informationsquelle. Doch die Welt des Lernens hat sich verändert. Künftig werden Lehrer mehr Lotsen und Berater für mündige Studenten sein. Genau das ist unser Ansatz am Masdar Institute.“ Er ist überzeugt, Abu Dhabi wird ein „knowledge-hub“ werden, eine globale Drehscheibe für Forschung und Wissen.
Dies wird helfen, das erklärte Ziel zu erreichen, immer mehr Hightech-Produkte in der Region selbst herzustellen. Um gewappnet zu sein, für den Tag, an dem die Öl- und Gasfelder zu versiegen, oder das Öl für die Welt schlicht zu teuer wird. Der Dekan, Khraisheh, hat seine Lehrkräfte von einigen der renommiertesten Unis der Welt rekrutiert. Seine Universität hat beeindruckende Partner, etwa das Massachusetts Institute of Technology. Auch die Studenten gehören zu den Besten: Sie kommen aus über 30 verschiedenen Nationen und haben Spitzennoten in den international einschlägigen Zugangstests – damit hätten viele von ihnen auch an den Topuniversitäten der USA, der sogenannten „Ivy League“, gute Chancen gehabt.
Doch das Masdar Institute hat manches zu bieten, womit selbst die Ivy League nicht konkurrieren kann: Die Studenten erleben die Anwendung der Technologien, an denen sie forschen, täglich hautnah. So fängt ein Kühlturm direkt vor Marwan Mokhtars Fenster – den Kühltürmen in traditionellen arabischen Städten nachempfunden – Luft in 45 Metern Höhe ein und lenkt sie zu Boden. Dabei sprühen Düsen Wasser in den Luftstrom, die immer kühlere Luft sinkt weiter ab. Die frische Brise verteilt sich über die gesamte Anlage des Masdar Institute und macht Marwans morgendlichen Gang zum Labor in der Gluthitze der Sommermonate erträglicher. Der nötige Strom für das System wird mit Hilfe der Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern und in einem Solarfeld mit einer Kapazität von 10 Megawatt erzeugt.
„Dass ich vom Masdar Institute erfahren habe, verdanke ich einem Freund“, erinnert sich Marwan, der in Amman Mechatronik studiert hatte und schon damals eine praktische Leidenschaft für Klimaschutz besaß. Die Cafeteria seiner damaligen Uni stattete er mit Sonnenkollektoren aus. Am Masdar Institute arbeitete er danach ein Jahr lang als Research Assistant, um anschließend sein Master-Studium zu beginnen: „Weil der Campus so international ist, kommen meine Freunde inzwischen aus allen Ecken der Welt.“ Sein Ziel: Als Ingenieur einmal Solarthermie- Kraftwerke im großen Maßstab bauen.
Masdar statt New York. Marwans Kommilitonin, die PhD-Studentin Noura Al Dhaheri, kommt aus Abu Dhabi. Wie sie sind zwei von fünf Studenten am Masdar Institute Frauen. „Mit meinen Noten hätte ich unter anderem auch in New York promovieren können. Die entsprechenden Angebote hatte ich“, sagt Noura.
„Doch ich wollte lieber vor Ort, in meiner Heimat, studieren.“ Manch einer ihrer Freunde wundert sich zwar, warum sie überhaupt ein anstrengendes technisches Studium auf sich nimmt – denn dank der Öl- und Gaseinnahmen lässt sich im reichen Emirat Abu Dhabi für Einheimische auch ohne akademische Weihen gutes Geld verdienen. Doch Noura Al Dhaheri will nicht einfach ein bequemes Leben, wie sie sagt: „Ich will mitarbeiten, an einer Zukunft ohne Öl.“ Ein kurzer Ratsch mit den Kommilitonen – und schon muss sie das Caribou wieder verlassen, Richtung Seminar.
Abu Dhabi ist nicht der einzige Golfstaat mit großen Ambitionen – wirtschaftlich und in Sachen Nachhaltigkeit. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird im Jahr 2022 die Aufmerksamkeit der Welt auf Qatar richten. Für das kleine Land bedeutet es die Chance, zu zeigen, wie in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt – mit Temperaturen von über 40 Grad Celsius – ein Mega-Event auf nachhaltige Weise ausgerichtet werden kann. So soll zur Kühlung der Stadien beispielsweise Elektrizität aus Solar- Kraftwerken genutzt werden.
Wenn Wissen, Arbeitskraft, Rohstoffe und unermessliche Energiequellen – bislang Öl und Gas, künftig vielleicht die Sonne – am Golf produktiv zusammenfinden, wird die Region zu einem immer wichtigeren Knotenpunkt im globalen wirtschaftlichen Netzwerk werden. Die riesigen Flughäfen in Abu Dhabi und Dubai sind bereits ein Spiegelbild dieser Entwicklung.
82 Kuppeln. Die vielfältigen Einflüsse, die damit in der Region wirksam werden, haben das Potenzial, auch die Länder selbst und ihre Menschen zu verändern. Ein Beispiel dafür, wie identitätsstiftende Traditionen aber auch in dieser neuen Zeit ihren Raum erhalten, ist die Sheik Zayed Moschee in Abu Dhabi, die achtgrößte Moschee der Welt: Die 82 Kuppeln ragen bis zu 75 Meter in die Höhe, die Minarette erreichen eine Höhe von 107 Metern. Bis zu 40.000 Menschen fasst das Gebäude, dessen letzte Teile 2010 – nach rund zehn Jahren Bauzeit – der Öffentlichkeit übergeben wurden.
Fünf Mal am Tag steigert die Klimaanlage ihre Leistung, um nach einiger Zeit wieder herunterzufahren: immer zu den Gebetszeiten, wenn die Zahl der Besucher anschwillt. Damit dies reibungslos klappt, und sich nirgends in diesem komplexen Bau Hitze oder Feuchtigkeit stauen, installierte Siemens rund 8.000 Sensoren, unter anderem für Temperatur und Feuchtigkeit. Eine anspruchsvolle Aufgabe, erinnert sich Rajesh Vaswani von Siemens Building Automation: „Die zahlreichen Kuppeln machen die Luftströmungen in diesem riesigen Gebäude schwer berechenbar – mal ganz abgesehen von den extremen klimatischen Bedingungen. Eine zusätzliche Herausforderung bestand darin, dass wir die Gebäudetechnik besonders gut verstecken mussten.“ So kommt es, dass sich in der Vorhalle Auslassdüsen in den ornamentalen Wandschmuck geradezu einschmiegen – und sich erst auf den zweiten Blick als Teil des Lüftungssystems zu erkennen geben.
In dieser größten Moschee der Emirate finden Moderne und Tradition zusammen. Hier gelang es, Widersprüche auszubalancieren. Dies muss auch im Großen gelingen: Der Reichtum an Öl und Gas einerseits – der Klimawandel andererseits. Der Reichtum vieler Emiratis – und die relative Armut niedrig qualifizierter Gastarbeiter andererseits. Der immer höhere Anspruch an Kreativität und Hochtechnologien, die aus der eigenen Region kommen sollen – und gleichzeitig der Wunsch, hergebrachte Werte und Strukturen zu erhalten. Die Zukunft der Region liegt in den Händen der Einheimischen, junger Leute wie Noura Al Dhaheri. Fest steht für sie und viele andere: Es wird früher oder später eine Zukunft ohne Öl sein. „Ich habe einen kleinen Sohn“, sagt Noura. „Ich will, dass er in einer Welt lebt, die lebenswert ist und deren Ökosysteme intakt sind.“