Prof. Thomas W. Malone lehrt an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology in Boston, USA. Er ist Gründungsdirektor des MIT Center for Collective Intelligence, gibt Kurse zu Führung und Informationstechnologie und hat über 75 Artikel und Buchbeiträge veröffentlicht. Außerdem hält er elf Patente. Malone hat einen Doktortitel und zwei Master von der Universität Stanford in Kalifornien, außerdem einen Bachelor of Arts von der Rice University in Houston, Texas, und Abschlüsse in Angewandter Mathematik, Wirtschaftsingenieurwesen und Psychologie.
Was steckt hinter der Idee von der kollektiven Intelligenz (CI)?
Malone: Wir wissen seit langem, dass manche Aufgaben für Menschen sehr leicht und für Computer sehr schwer zu bewältigen sind – und umgekehrt. Deshalb stellt CI die Frage: Wie können Menschen und Computer von dem profitieren, was jeder am besten kann? Die Forschung zeigt, dass sogar einfache Computeralgorithmen manche Dinge besser vorhersagen können als menschliche Experten – zum Beispiel Verkaufsumsätze, Wirtschaftstrends oder Wahlergebnisse. Andererseits können Menschen bestimmte qualitative Faktoren, die ebenfalls Vorhersagen beeinflussen, viel besser erkennen.
Haben Sie hierzu Versuche durchgeführt?
Malone: Ja. Wir untersuchen „Vorhersagemärkte“, an denen die Teilnehmer Prognosen zu zukünftigen Ereignissen kaufen und verkaufen können. Beispielsweise lassen wir sowohl Menschen als auch Software-Agenten die Ergebnisse der nächsten American-Football- Spiele vorhersagen. Wir haben herausgefunden, dass der Computer viel genauer war als die Menschen – aber auch, dass Menschen und Software zusammen besser waren als jeder allein. Im nächsten Schritt werden wir Prognose-Ökonomien aufbauen. Sie bestehen dann aus einem oder mehreren Vorhersagemärkten, Märkten mit relevanten Informationen zu einem Ereignis und Märkten für menschliche und maschinenbasierte Dienstleistungen, die den Teilnehmern helfen, genauere Prognosen zu treffen.
CI könnte aber auch noch auf weiteren Anwendungsfelder mit hohem Erfolg eingesetzt werden. Auf Ihrer Webseite spekulieren Sie über Möglichkeiten, zu bestimmen, ob eine Hautveränderung bei einem Patienten bösartig ist oder nicht…
Malone: Dieses Projekt würden wir gern durchführen. Die Idee dahinter ist folgende: Um die richtige Diagnose zu stellen, muss nicht unbedingt die Person, die dem Patienten gegenübersteht, über das nötige Wissen verfügen. Wenn wir ausgezeichnete Bilder von der betreffenden Hautstelle hätten und sie überallhin senden könnten, und wenn dann Menschen – sogar ohne medizinische Ausbildung – den ganzen Tag lang solche Bilder analysieren würden, dann vermute ich, dass diese Menschen gemeinsam genauere Einschätzungen treffen könnten, als ein Dermatologe, der jede Woche nur ein Dutzend potenziell bösartige Hautveränderungen befundet. Irgendwann könnte diese sehr spezielle Aufgabe vielleicht durch einen Algorithmus erledigt werden. Auf dem Weg dorthin werden wir aber wahrscheinlich Menschen und Maschinen nebeneinander an diesem Problem arbeiten sehen.
Gibt es Unternehmen, die solch eine Vernetzung schon praktisch umsetzen?
Malone: Ja. Amazon Mechanical Turk (ein Crowdsourcing-Marktplatz im Internet, Anm. d. Red.) hilft Software-Entwicklern beispielsweise dabei, menschliche Intelligenz in ihre Anwendungen einzubauen. Die Programmierer können Spezialaufgaben an Menschen abgeben – und zwar direkt vom Computerprogramm aus. Ein Beispiel: Ein Entwickler schreibt ein Programm, um ein Reiseverzeichnis zu erstellen. Hier kann er Unterroutinen einbinden, die reale Menschen bitten, bestimmte Webseiten zu lesen und Telefonnummern von Hotels herauszufinden – und dafür ein paar Cent bezahlen.
Welche Folgen hat dieser Problemlösungsansatz für die Wirtschaft?
Malone: Viele Arbeiten, die heute in großen Firmen erledigt werden, könnten künftig von temporären Netzwerken aus Menschen und Computern übernommen werden. Die Vergütung dafür reicht von großen Summen für die Lösung komplexer Probleme bis zu Mikrozahlungen für einfache Dinge, wie etwa einer Kamera an einer Verladestation zu helfen, ungewöhnliche Bilder richtig zu interpretieren.
Können Organisationen dann sozusagen ihren IQ verbessern, indem sie CI in ihre Geschäfte einbinden?
Malone: Wie man den IQ von Organisationen messen kann, daran haben wir kürzlich gearbeitet. Wir haben kleinen Gruppen eine Reihe von Aufgaben übertragen und ihre Leistungen analysiert. Dabei haben wir herausgefunden, dass es genau wie bei Individuen einen einzigen statistischen Faktor gibt, der die Gruppenleistung für viele verschiedene Aufgaben vorhersagt. Es ist vorstellbar, dass man das auch für eine ganze Organisation machen kann. Zum Beispiel fände ich es faszinierend, herauszufinden, welchen IQ Siemens hat, und zu untersuchen, wie man ihn steigern könnte. Wir sind überzeugt davon, dass es möglich ist, die Intelligenz von Gruppen zu verändern. Das könnte enorme Auswirkungen auf Unternehmen, Universitäten und Regierungen haben.