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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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ASHAs in Aktion: Die speziell ausgebildeten Heilkundigen sammeln per Smartphone regelmäßig die Gesundheitsdaten der Dorfbewohner
und übermitteln sie an mobile Ärzte – das soll die Behandlung verbessern und die hohe Kindersterblichkeit auf dem Land senken.

ASHAs in Aktion: Die speziell ausgebildeten Heilkundigen sammeln per Smartphone regelmäßig die Gesundheitsdaten der Dorfbewohner
und übermitteln sie an mobile Ärzte – das soll die Behandlung verbessern und die hohe Kindersterblichkeit auf dem Land senken.

ASHAs in Aktion: Die speziell ausgebildeten Heilkundigen sammeln per Smartphone regelmäßig die Gesundheitsdaten der Dorfbewohner
und übermitteln sie an mobile Ärzte – das soll die Behandlung verbessern und die hohe Kindersterblichkeit auf dem Land senken.

ASHAs in Aktion: Die speziell ausgebildeten Heilkundigen sammeln per Smartphone regelmäßig die Gesundheitsdaten der Dorfbewohner
und übermitteln sie an mobile Ärzte – das soll die Behandlung verbessern und die hohe Kindersterblichkeit auf dem Land senken.

Medizin für
indische Dörfer

Im südlichen indischen Bundesstaat Tamil Nadu erprobt Siemens mit seinem Partner Christian Medical College den Einsatz von Handys bei der medizinischen Betreuung in ländlichen Gebieten. Damit sollen die aktuellen Gesundheitsdaten der Patienten an Krankenhäuser übermittelt werden.

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Image ASHAs in Aktion: Die speziell ausgebildeten Heilkundigen sammeln per Smartphone regelmäßig die Gesundheitsdaten der Dorfbewohner und übermitteln sie an mobile Ärzte – das soll die Behandlung verbessern und die hohe Kindersterblichkeit auf dem Land senken.
"In Städten praktizieren sechs mal so viele Ärzte wie auf dem Land, wo aber 70 Prozent der Inder leben."

Der Bus ist heute pünktlich angekommen. Einmal im Monat besucht eine rollende Arztpraxis des Christian Medical College (CMC) aus Vellore abgelegene Orte in Tamil Nadu, Indiens südlichstem Bundesstaat. Von umliegenden Dörfern strömen die Menschen herbei, um den Doktor zu konsultieren oder sich Blut abnehmen zu lassen. Dann haben auch die „ASHAs“ ihren Auftritt. ASHA steht für Accredited Social Healthcare Activist – das sind jene Frauen, die ehrenamtlich in den Dörfern gesundheitliche Aufklärung betreiben, Gesundheitsdaten über die Dorfbewohner erheben sowie schwangere Frauen vor und nach der Geburt betreuen.

Das Verfahren, ASHAs einzusetzen und Ärzte mit medizinischen Bussen in die Dörfer zu bringen, geht auf die Initiative „National Rural Health Mission 2005-2012“ der Regierung zurück. Damit soll die Gesundheitsversorgung der Landbevölkerung verbessert werden. Denn auf dem Subkontinent herrscht nicht nur Ärztemangel – es fehlen in Indien 600.000 Mediziner –, sondern es gibt auch große Unterschiede zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung. Auf 100.000 Einwohner kamen 2005 rund 4,48 Krankenhäuser in städtischen und 0,77 in ländlichen Gebieten. Zudem praktizierten 2010 rund sechs Mal so viele Ärzte in Städten wie auf dem Land, wo aber 70 Prozent aller Inder leben.

Viele Inder in den Dörfern kamen vor dieser Gesundheitsinitiative kaum mit moderner westlicher Medizin in Berührung, sondern waren auf traditionelle Heilverfahren angewiesen, die unter dem Acronym AYUSH – Ayurveda, Yoga, Unani (arabisches Ayurveda-Pendant), Siddha (südindische Naturheilkunde) und Homöopathie – zusammengefasst und von ausgebildeten AYUSH-Doktoren praktiziert wird. Die ASHAs sollen nun als Bindeglied zwischen den Dorfbewohnern und den Klinik-Ärzten fungieren. Ein Hauptziel der Initiative ist die Senkung der hohen Kindersterblichkeit – daher sind alle ASHAs Frauen, da sie bei den Müttern mehr Vertrauen genießen. Die ASHAs gehen dabei regelmäßig von Haus zu Haus und erkundigen sich nach Krankheitsfällen oder dem Gesundheitszustand von Schwangeren. Die Informationen tragen sie zurzeit noch in ein Buch ein. Das bedingt jedoch Medienbrüche im Krankenhaus, wo die Patientenakten zum Teil bereits elektronisch geführt werden. Zudem müssen die ASHAs ihre Notizen sorgfältig aufbewahren.

Mobile Vorsorge. Dhandapany Raghavan, Leiter von Siemens Healthcare in Indien, hatte daher vor drei Jahren die Idee, ASHAs die medizinischen Daten mit einem Mobiltelefon erfassen zu lassen. „Wir haben schnell erkannt, dass wir hierfür einen kompetenten und erfahrenen Partner benötigen“, sagt Dr. Zubin Varghese von Siemens Corporate Technology (CT) in Bangalore. „Deshalb arbeiten wir mit dem Christian Medical College zusammen.“ Das College ist seit über 50 Jahren in diesem Teil Indiens aktiv und mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut. CT hat das Pilotprojekt „Community Health Information System“ (CHIS) gemeinsam mit dem Christian Medical College entwickelt und bereits in einigen Dörfern getestet. „Während der ersten Testphase haben die ASHAs die Mobiltelefone ausprobiert“, resümiert Prof. Dr. George Kuryan, Leiter des Community Health Department am CMS im indischen Vellore. „Von der Handhabung und den Möglichkeiten, die die neue Technik bietet, sind sie begeistert.“ Nach der Erprobungsphase sollen 83 Dörfer mit rund 100.000 Menschen am Projekt CHIS teilnehmen.

Zunächst lädt die ASHA die aktuellen demografischen Daten der Dorfbewohner mit den Gesundheitsinformationen vom Krankenhaus- Server auf ihr Smartphone. Nun weiß sie, auf welche Gebrechen sie beim jeweiligen Dorfbewohner achten soll. Nachdem sie alle Daten erfasst hat, überträgt sie diese via Mobilfunk wieder an den Krankenhaus-Server; alternativ kann sie ihn auch auf einen Laptop überspielen, den die Ärzte im Bus mit sich führen. „In beiden Fällen überprüfen zunächst Ärzte die Angaben auf Plausibilität, bevor sie auf dem Server gespeichert werden. Dies dient der Qualitätskontrolle“, erklärt Varghese. Die auf den Server übertragenen Daten werden direkt in die Patientenakten übernommen und statistisch ausgewertet. Die Software für Handy und Laptop hat dabei Siemens CT Indien entwickelt.

Einen Schwerpunkt der ASHAs bildet die Betreuung von Frauen während der Schwangerschaft, die Vorbereitung auf die Geburt sowie die Nachsorge. Denn die meisten Frauen entbinden zuhause unter teils schlechten hygienischen Bedingungen. So starben laut Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2008 in Indien 37 von 1000 Neugeborenen innerhalb der ersten vier Wochen. In Deutschland hingegen starben im selben Zeitraum nur drei von 1000 Kindern. Die ASHA erfasst daher nach der Entbindung Daten wie etwa Gewicht oder Herzschlag des Säuglings. Tritt ein Notfall ein, kann sie über ihr Handy die Ärzte alarmieren.

Eine bessere Unterstützung der Ärzte erhofft sich CT auch durch die Entwicklung von kostengünstigen medizinischen Geräten, die von Laien wie den ASHAs bedient werden können. Die Systeme sollen zudem verlässliche Ergebnisse liefern und so robust gebaut sein, dass sie auch bei widrigen Umständen zuverlässig funktionieren. Auch hier steht an oberster Stelle die Betreuung von Schwangeren. Am weitesten fortgeschritten ist der „Fetal Heart Rate Monitor“ (siehe Artikel „Köpfe zusammenstecken" und Pictures of the Future, Herbst 2010, Smarte Innovation), eine Art Stethoskop, das die Herzschlagrate des Babys im Mutterleib automatisch misst und anzeigt. Die Produktion läuft demnächst im Siemens- Werk in Goa an. Nach Abschluss der Testphase des Projekts sollen die ASHAs in 83 Dörfern in Tamil Nadu zunächst mit Mobiltelefonen, später auch mit den Herzüberwachungsgeräten ausgerüstet werden.

Bei Frühgeburten werden neben der Herzfrequenz oft auch die Atmungsrate sowie die Versorgung des Blutes mit Sauerstoff überwacht. CT Indien entwickelt auch hierfür tragbare Geräte für die ASHAs: ein Messgerät für die Atemfrequenz und ein Pulsoxymeter, bei dem nach einer Durchleuchtung der Haut mit Infrarotstrahlung Sensoren die Sauerstoffsättigung des arteriellen Blutes messen.

Technik für Schwellenländer. In Indien sind zudem immer mehr Zivilisationskrankheiten auf dem Vormarsch. Schon jetzt leben hier über 40 Millionen Diabetiker, und es erleiden jährlich zwei Millionen Menschen einen Herzinfarkt. Bis 2020, rechnet Indien, werden über sieben Millionen Menschen pro Jahr an einer chronischen Erkrankung sterben. Die Gründe: das Bevölkerungswachstum und der steigende Wohlstand. Im Fokus der CT-Entwicklungen stehen daher auch einfache Geräte für die Untersuchung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zum Beispiel mobile EKG- Geräte. Auch einfach zu bedienende Systeme zur Fernüberwachung von Patienten befinden sich in der Planung. „Wir entwickeln diese Geräte speziell abgestimmt auf die Bedürfnisse in Schwellenländern wie Indien“, erklärt Varghese. „Da wir für unsere große Bevölkerung sehr viele Geräte benötigen, müssen wir sie möglichst kostengünstig anbieten. Darüber hinaus sollen sie möglichst einfach zu bedienen und wartungsfrei sein.“

Eine weitere Herausforderung für die indische Gesellschaft sind Infektionskrankheiten. Ein Fünftel aller weltweiten Tuberkulosefälle werden etwa in Indien erfasst – ein Großteil in ländlichen Regionen. Das größte Problem hierbei ist verunreinigtes Wasser, auf das zum Teil die hohe Kindersterblichkeit zurückgeht: Jeden Tag sterben in Indien über 1000 Kinder an Durchfallerkrankungen. Die ASHAs protokollieren daher auch alle Durchfallerkrankungen in ihren Dörfern. Mit einer Analyse-Software können CT-Forscher anschließend die Datenbank ihres Projektpartners im Krankenhaus auswerten und diejenigen Dörfer lokalisieren, in denen Durchfallsymptome besonders häufig auftreten. Nachdem die Tests abgeschlossen wurden, sollen jetzt erste mobile Wasseraufbereitungssysteme von Siemens Water Technologies an die entsprechenden Dörfer geliefert werden.

Für Zubin Varghese steht jetzt schon fest, dass CHIS ein Erfolgsmodell ist – und das Projekt in andere Bundesstaaten oder auch Länder übertragen werden kann. Im nächsten Schritt soll CHIS dann im benachbarten Bundesstaat Andhra Pradesh auf eine Million Menschen ausgeweitet werden.

Noch ist es nicht so weit. Gerade hat die letzte der ASHAs, Annapurna Verma aus dem Dorf Paruvachi ihre Daten vom Handy auf den Laptop übertragen. Auch die Untersuchung der Ärzte ist beendet und der Bus setzt sich wieder in Bewegung.

Michael Lang