Wie kann man selbst ärmste Regionen der Welt mit Elektrizität versorgen? Der niederländische Siemens-Ingenieur Piet-Willem Chevalier baut in Mali Windkraftanlagen und bildet Einheimische darin aus – ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit.
Aufwind für Afrika: Siemens-Ingenieur Piet Chevalier setzt auf Windkraft in Mali. Die 900-Watt-Anlagen werden vor Ort in Handarbeit gefertigt, fast alle Materialen kommen aus der Umgebung.
Die Nächte in Mali sind großartig“, sagt Piet- Willem Chevalier, „man sieht unzählige Sterne, denn es stört kein Licht.“ Das westafrikanische Land verfügt über kein landesweites Stromnetz, und einen Dieselgenerator können sich die wenigsten Menschen leisten. Chevalier will nun Öko-Strom nach Mali bringen: Seit 2008 arbeitet der Ingenieur für dynamische Analysen von Windturbinen bei Siemens Energy in Den Haag in seiner Freizeit am Projekt „I love windpower“: Er trainiert Malier, mit lokal verfügbarem Material Windturbinen zu bauen.
Sie sollen später selbst eigene Firmen gründen können, die neben Anlagenbau auch Reparaturservice und eine Batterieladestation bieten. „Wenn Solarzellen kaputt gehen, muss man neue kaufen. Windkraft hingegen involviert die Einheimischen“, sagt Chevalier. Technischer und sozialer Fortschritt gehören für ihn zusammen. Wie er zu seinem Projekt kam? „Meine Arbeit ist meist am Computer, ich wollte eine kleine Windturbine mit eigenen Händen bauen.“ Im Internet fand er eine Anleitung des Schotten Hugh Piggott, der seit Jahrzehnten Windanlagen aus einfachsten Materialien herstellt.
„Mali ist eines der ärmsten Länder der Erde“, erklärt Brahima Bocar. Der gebürtige Malier aus der Region Timbuktu arbeitet bei Siemens in Warschau. „Viele Menschen sind Tagelöhner. Frauen laufen oft kilometerweit, um Wasser zu holen.“ Die Vereinten Nationen listen Mali im Human Development Index 2010 auf Platz 160 von 169 Ländern. Mehr als 60 Prozent des Landes sind Wüste. Zwischen 1970 und 1990 wurden Hunderte kleine Windturbinen zur Wassergewinnung installiert, doch heute sind nur noch wenige in Betrieb, sagt Bocar: „Sie wurden von ausländischen Organisationen finanziert. Als die Projekte beendet waren, kümmerte sich niemand mehr um die Pumpen; in der Bevölkerung selbst fehlte das Wissen. Es reicht nicht, ein Produkt nur zu liefern. Man muss die Menschen ausbilden, sodass sie es selbst in Betrieb halten können.“
2008 lernten sich Chevalier und Bocar bei einer Fortbildung von Siemens in Dänemark kennen. Bocar erzählte vom Alltag in Mali, Chevalier von seinen selbstgebauten Windturbinen. „Da merkten wir, dass diese ‚open source’- Windanlagen das Leben der Menschen in Mali ändern könnten.“ Sie sind auch für Menschen ohne Ausbildung einfach zu bauen. Die Flügel sind aus Holz, in die richtige Form gebracht mit Säge und Meißel. Der Generator besteht aus gewickeltem Kupferdraht, der Rotor wird mit der Radnabe eines Autos angetrieben. „Für den Rest braucht man ein paar Metallwinkel und ein Rohr für den Mast – das ist alles“, sagt Chevalier. Die Kosten für ein Start-up seien zudem gering, da keine teuren Werkzeuge gekauft werden müssten.
Kulturschock. Chevalier kontaktierte Yvonne Gerner, die nahe der Provinzstadt Mopti in Mali lebt. Mit dem Sozialarbeiter Mamadou „Baba“ Traoré initiierte sie 2007 die Stiftung Rondom Baba (Rund um Baba). Die Stiftung hat einen Hektar Land gekauft und bildet Malier aus, in der Landwirtschaft ebenso wie im Handwerk mit Holz, Leder und Metall. Für Chevalier war die Stiftung der perfekte Kooperationspartner. „Es war mir wichtig, die richtigen Leute für das Projekt zu finden“, sagt er. „Menschen, die ihr Leben selbst ändern und ein Geschäft aufbauen wollen.“ Rondom Baba wählte die zehn Teilnehmer des ersten Workshops aus. Keiner hat eine feste Arbeitsstelle, sie verdingen sich als Tagelöhner: Der Schreiner baut Möbel, der Schweißer verwertet auf einem Schrottplatz Altmetall und Autos.
Im Dezember 2009 war es so weit: Chevalier reiste zum ersten Mal nach Mali. Ganze zwei Wochen kostete es ihn und Rondom Baba, die nötigen Komponenten vor Ort zu finden – obwohl es nur um lokal vorhandenes Material ging. „Ich bin ungeduldig“, beschreibt er sich selbst, „doch in Afrika ist alles anders, auch das Zeitgefühl.“ Man muss sich an den Rhythmus gewöhnen, „ansonsten überlebt man keine vier Tage“. Der kulturelle Unterschied war das größte Problem, nicht das handwerkliche Geschick, wie er vermutet hatte: „Die Malier können besser mit den Werkzeugen umgehen als ich.“
Do-it-yourself-Technik. Schwierig war auch, dass in Mali ein strenges Kastensystem herrscht, das genau regelt, welche Bevölkerungsgruppe was darf. Unter den zehn Teilnehmern gab es zwei Frauen, eine Seltenheit in der konservativ-muslimisch geprägten Gesellschaft. Yvonne Gerner ließ jeden Morgen Übungen machen, um die Zusammengehörigkeit zu stärken: „Es war schon ein großer Schritt, wenn Männer und Frauen sich nur an der Hand fassten.“ Die sprachliche Barriere – die Malier sprechen heimische Dialekte und Französisch mit starkem Akzent – überwand Chevalier mit selbstgebastelten Postern, an denen er den Bau der Anlagen erklärte. „Ich war irritiert, dass niemand Fragen stellte“, erinnert er sich, „bis ich verstand, dass sie schüchtern waren, doch mit dem Bau der ersten Windturbine wuchs auch ihr Selbstbewusstsein.“
Das meiste des notwendigen Materials können Chevalier und Gerner über lokale Händler besorgen. Nur zwei Komponenten müssen importiert werden: Permanentmagneten – etwa aus China – und Polyester aus dem Senegal zur Isolierung der Kupferkabel. Im Workshop lernen die Malier, Windturbinen einer Höhe von zwölf bis 20 Metern mit Rotordurchmessern zwischen 1,20 und 4,20 Meter herzustellen.
Bei drei Metern Durchmesser leiste eine solche Turbine maximal 900 Watt und habe eine Energieausbeute von 150 Kilowattstunden (kWh) pro Monat, sagt Chevalier. „Material und Arbeitslohn für eine Turbine kosten rund 350 Euro; hinzu kommen der Turm sowie Batterien und Elektronik, etwa Spannungsregler. Die gibt es in Mali zu kaufen, doch mit unserer Do-it-yourself- Technik kann man sie zu zehn bis 20 Prozent der Kosten selbst bauen.“ Das spart wieder einige Dutzend Euro.
„Wird eine Windanlage für 650 Euro verkauft, kostet der Strom etwa 20 Cent pro kWh“, rechnet Chevalier vor. Bei einem kleinen Dieselgenerator wäre es das Vierfache, 80 Cent pro kWh. „Damit kann man nach einem Jahr den Break-even erreichen.“ Malier, die nun erstmals über Strom verfügen, nutzen ihn meist für Licht und das Aufladen des Handys; andere leisten sich einen Kühlschrank oder sogar einen Fernseher. Derzeit liegt Chevaliers Projekt allerdings auf Eis: „Im August 2010 hatten wir ganz unerwartet enorme Stürme“, erzählt Yvonne Gerner. Genau die eine der vier bisher hergestellten Turbinen, die Strom produzierte, brach am Turm an einer Schweißnaht. Die anderen drei Türme konnten noch nicht aufgestellt werden, da Chevaliers private Ressourcen erschöpft sind: „Ich habe bisher alles selbst finanziert und in der Freizeit erarbeitet.“ Er muss Möglichkeiten finden, „I love Windpower“ weiter zu finanzieren – sonst bleibt es dunkel in Mali.