Dr. Ulrich Eberl ist Leiter der weltweiten Innovationskommunikation von Siemens sowie Gründer, Chefredakteur und – zusammen mit dem leitenden Redakteur der englischen Ausgabe, Arthur F. Pease – Herausgeber von Pictures of the Future.
- Text Größe
- Share
- Print this page
Vor zehn Jahren, am Beginn des neuen Jahrtausends, erschien die erste Ausgabe der Siemens-Zeitschrift Pictures of the Future. Seitdem haben unsere Autoren in über 1000 Artikeln untersucht, welche Trends und Technologien die Welt von morgen prägen werden. Dabei war es uns immer wichtig, nicht nur die Sicht weise von Siemens zu vermitteln, sondern über den eigenen Horizont hinauszublicken und das gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld zu berücksichtigen. Denn die technische Machbarkeit ist nur einer der Faktoren, die den Erfolg von Innovationen bestimmen – die Wünsche der Kunden, soziale oder politische Entwicklungen, die Auswirkungen auf die Umwelt, die Optimierung der Fertigungsprozesse oder die Zusammenarbeit in den globalen Netzwerken von Partnern, Zulieferern und Vertriebsstrukturen haben einen mindestens ebenso starken Einfluss.
Die Erde ist klein geworden seit 2001. Längst geht es bei der Globalisierung nicht mehr nur um weltumspannende Finanz- oder Handelsströme. Länder wie China, Indien, Russland oder Brasilien sind inzwischen weit mehr als Rohstofflieferanten, Fabrikstandorte oder Dienstleister – allein diese vier Länder werden nach Schätzungen von Experten bis 2020 die Hälfte des weltweiten Wirtschaftswachstum auf sich vereinen. Und mehr noch: Sie werden auch zu hoch attraktiven Forschungsstandorten.
In Indien werden Dutzende neuer Universitäten gegründet, in Russland entsteht eine internationale Forschungsstadt („Russlands neues Innovationszentrum"), und China hat heute so viele Studienanfänger wie die EU, USA und Japan zusammen („Aufholjagd der Schwellenländer bei Forschung und Entwicklung "). Binnen zehn Jahren hat sich die Zahl der chinesischen Patentanmeldungen versechsfacht. Wie in dieser stark vernetzten, globalen Welt effektiv Forschung betrieben werden kann, welche Rolle dabei die neuen sozialen Netzwerke spielen und wie sich Produkte entwickeln lassen, die perfekt auf die wachsenden Bedürfnisse von Schwellen- und Entwicklungsländern maßgeschneidert sind – dies beschreiben wir im Schwerpunkt („Grenzenlose Forschung") in diesem Heft von Pictures of the Future.
Vieles von dem, was seit 2001 geschehen ist, hatte kaum ein Zukunftsforscher vorhergesagt. Die Menschheit musste erleben, dass Terroristen ganze Staaten angreifen können und dass auch durch Hackerattacken wesentliche Einrichtungen empfindlich getroffen werden können. Zum Schutz der Infrastrukturen müssen neue Sicherheitslösungen entwickelt werden („Grüne Welle für intelligente Verkehrstechnik" und „Immunsystem für die IT"). Gleiches gilt für Naturkatastrophen, denn Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Hurrikans, Hitzewellen und Überschwemmungen kosteten viele Tausende von Menschenleben.
Auch zwei gravierende wirtschaftliche Einbrüche, das Platzen der Dotcom-Blase und die jüngste Weltwirtschaftskrise, fallen in dieses Jahrzehnt. Sie zeigen, dass die Risiken des weltweiten Finanzsystems neu bewertet werden müssen – wie auch die brennende Ölplattform im Golf von Mexiko und die zerstörten Kernkraftwerke von Japan nahelegen, das Energiesystem der Welt auf den Prüfstand zu stellen.
Viele grundlegende Trends hat Pictures of the Future immer wieder analysiert: die zunehmende Ressourcenknappheit ebenso wie den Klimawandel, die Globalisierung, die Verstädterung, die demographische Entwicklung oder den enormen Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien auf alle Lebensbereiche. Die wichtigsten Erkenntnisse aus den ersten zehn Jahren der Recherchen über die Welt von morgen habe ich in einem neuen Buch anschaulich zusammengefasst: ("Zukunft 2050").
Auch in dieser Ausgabe von Pictures of the Future legen wir wieder den Finger an den Puls der Zeit: Wir erläutern, wie sich das globale Energiesystem verändern wird, wenn nun das „Neue Stromzeitalter“ anbricht und der elektrische Strom als allumfassender Energieträger neue Einsatzgebiete erschließt – und wir zeigen, wie das rasch expandierende Universum an Daten, ob in Industrie, Verkehr oder Gesundheitswesen, in nützliches Wissen verwandelt werden kann (siehe Rubrik „Vernetzte Intelligenz“).
Im nun beginnenden zweiten Jahrzehnt von Pictures of the Future werden wir weiterhin Forscher und Entwickler dabei begleiten, wie sie die Zukunft erfinden. Dieses Thema hat für uns nichts von seiner Faszination verloren – wir sehen dies genauso, wie es einst Albert Einstein formulierte: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich den Rest meines Lebens zu verbringen.“