Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die westliche Wissenschaft wollen ihre Erkenntnisse bündeln. Weil dafür auch die Medizintechnik neue Wege gehen muss, erforscht Siemens mit chinesischen Partnern neue Behandlungsmethoden.
Punktgenau: Akupotomie und Fußzonen (unten) spielen in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine wichtige Rolle. Die IT-gestützte Systematisierung des Heilwissens ist der nächste Schritt.
Gute Medizin ist, was heilt. Dieser Grundsatz gilt, seitdem Menschen vor Jahrtausenden begannen, sich über die Funktionsweise ihres Körpers Gedanken zu machen. Heute ist die Heilkunst zu einer weltumspannenden Wissenschaft geworden, in der sich Forscher bemühen, unterschiedliche medizinische Traditionen miteinander abzugleichen. Mit am aussichtsreichsten ist die Zusammenführung der westlichen und der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) – zwei Schulen, die in ihrer Methodik unterschiedlicher kaum sein könnten und damit füreinander voll neuem Wissen stecken können.
„Beide Traditionen zu verbinden, stellt die Medizintechnik vor große Herausforderungen“, erklärt Shen Hong, der bei Siemens Corporate Technology (CT) in Peking die strategische Geschäftsentwicklung für TCM verantwortet. „CT China arbeitet seit Jahren an der Entwicklung einer geeigneten Methode, um moderne Technologie zur Förderung von TCM einzusetzen.“ (Pictures of the Future, Frühjahr 2009, Bedarf ist die Mutter aller Innovationen).
Nach jahrelanger gemeinsamer Forschung mit chinesischen Universitäten entwickelt CT die erste TCM-Arbeitsstation. Sie soll TCM-Ärzten in Zukunft erstmals die gleiche computerbasierte Unterstützung bieten, wie sie heute bei westlichen Medizinern üblich ist. Eine Datenbank ermöglicht eine schnelle Beschreibung von Symptomen. So können etwa per Mausklick Akupunkturpunkte an einem dreidimensionalen Körpermodell eingegeben oder Kräutermischungen zusammengestellt werden. „TCM-Ärzte verlangen seit Jahren nach einem solchen System“, sagt Shen. „Dieses System soll ihre Arbeit auf eine solide neue Grundlage stellen und eine Plattform bieten, um Beweise für die TCM-eigene Effektivität bei der Diagnose und Behandlung zu sammeln.“
Das ist dringend notwendig. Obwohl TCM in China von rund 500.000 Medizinern in über 3.000 Krankenhäusern praktiziert wird, gilt die Jahrtausende alte Heilkunst im Westen oft noch als unwissenschaftlich. Viele ihrer Prinzipien und Methoden sind mit dem Instrumentarium der westlichen Medizin nicht nachvollziehbar. Selbst über die Funktionsweise von Akupunktur, die auch außerhalb Chinas weithin anerkannt ist, sind sich Mediziner nicht einig. Häufig sei bei TCM die Wiederholbarkeit nicht gegeben, klagen westliche Forscher. Was für sie ein Grundproblem darstellt, gilt bei den Chinesen als Stärke, denn sie wissen, dass Behandlungsmethoden, die bei einem Patienten anschlagen, bei anderen wirkungslos sein können. Diese Erkenntnis ist zwar auch für westliche Ärzte nicht neu, da sie auch für viele Arzneimittel gilt – sie macht aber die Untersuchung von Ursache-Wirkungs- Mechanismen nicht einfacher. Eine weitere Herausforderung ist auch die Datengrundlage. Chinesische Ärzte beobachten ein großes Spektrum an Krankheitssymptomen – doch es gibt keine Tradition, diese Erkenntnisse so ausführlich zu protokollieren wie im Westen.
Vier Phasen. „Um TCM in der westlichen Welt zu fördern, müssen wir noch einige grundsätzliche Fragen beantworten“, sagt Shen. „Darin liegt aber auch eine Chance, die Ansätze noch einmal prinzipiell zu hinterfragen.“ Generell lässt sich die Behandlung von Krankheiten in vier Phasen einteilen: Auf eine Diagnose folgt die Behandlung und die Nachsorge. Das vierte Element ist die Prävention – und gerade hier liegt die Stärke der TCM. Denn das frühzeitige Erkennen von aus dem Gleichgewicht geratenen Körperfunktionen hat in der TCM einen höheren Stellenwert als bei westlichen Ärzten. Die westliche Medizin konzentriert sich darauf, Kranke wieder gesund zu machen – in China kümmert man sich dagegen vor allem darum, Gesunde gar nicht erst krank werden zu lassen.
Die Konzentration auf Vorbeugung bedeutet, dass die Menschen in Summe weniger Geld für medizinische Behandlungen ausgeben müssen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass nur fünf Prozent der Menschheit kerngesund ist – aber auch nur 20 Prozent wirklich krank. Drei von vier Menschen stuft die WHO als „ungesund“ ein. Wer zu dieser „Sub-health“-Kategorie zählt, ist weder vollkommen gesund noch akut krank, leidet aber an Problemen wie Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schwindel oder Reizbarkeit. „Biochemisch scheint bei diesen Menschen alles in Ordnung zu sein“, sagt Shen. „Westliche Ärzte würden keine Krankheitssymptome finden.“ Trotz - dem bedeutet das Unwohlsein einen großen Verlust an Leistungsfähigkeit und Lebensqualität, und es kann ein Warnsignal für ernsthafte Krankheiten wie Herzleiden oder Diabetes sein.
Aus diesem Ansatz hat Siemens in Zusammenarbeit mit chinesischen Wissenschaftlern ein Forschungsprojekt entwickelt. An der Southern Medical University im südchinesischen Guangzhou erforschen westlich und chinesisch ausgebildete Wissenschaftler seit Jahren die „Ungesunden“. Sie wollen gemeinsam mit Siemens untersuchen, wie westliche und chinesische Medizin voneinander profitieren können. „Die Studie wird helfen, Medizintechnik für Diagnose und Behandlung von Sub-health-Problemen zu entwickeln“, erklärt Arding Hsu, Leiter von CT China. „Das Ziel ist, TCM auf eine bessere wissenschaftliche Grundlage zu stellen und damit zu helfen, dass die chinesische Medizin international noch stärkere Anerkennung findet.“
In den kommenden Jahren werden die TCM-Ärzte Diagnosen und Krankheitsverläufe in einer von Siemens eigens entwickelten IT-Plattform dokumentieren. Die Technologie wird den Aufbau der wohl größten Datenbank für TCM-Erkenntnisse ermöglichen. Spezielle Algorithmen werden dann bei der Auswertung der Daten helfen, um Funktions- und Wirkungsmuster zu identifizieren. „Das wird nicht nur der Forschung helfen, sondern auch eine sehr gute Grundlage für die Ausbildung sein“, glaubt Hu Wei, Vizepräsident der Southern Medical University. In einem zweiten Schritt sollen dann medizinische Geräte entwickelt werden, die gleichermaßen den Anforderungen westlicher und chinesischer Medizin entsprechen.
Das Projekt ist zunächst auf fünf Jahre angelegt und ist die erste derartige Kooperation einer chinesischen Forschungseinrichtung mit einem internationalen Medizintechnik-Unternehmen. Weitere Partner sollen einbezogen werden. „Dies könnte für die gesamte Forschung auf diesem Gebiet ein Schlüsselprojekt werden“, sagt Shen. Eine Erkenntnis scheint heute schon festzustehen: Gute Medizin ist eben nicht nur, was heilt, sondern auch, was Krankheiten verhindert.