Früher oder später müssen wir alle diese Welt verlassen. Die meisten sterben eines natürlichen Todes, manche aber auch nicht. Meine Arbeit ist, den Unterschied herauszufinden. Es war ein kühler, sonniger Junimorgen. Einer der Tage, an denen man gerne im Büro anrufen und sagen würde, man hätte Besseres zu tun als Molekulartests auszuwerten, um herauszufinden, ob sich Opa durch einen Treppensturz das Genick gebrochen oder ob Oma ein bisschen nachgeholfen hat. Bei der 84-jährigen Henrietta Gabrielli deutete alles auf einen natürlichen Weg in die ewigen Jagdgründe hin. Fast alles.
„Tut mir Leid, dass ich Sie so früh am Morgen belästigen muss“, sagte der Arzt, der den Notruf entgegengenommen hatte. „Aber der Kerl sieht nervös aus.“ Er zeigte auf einen Mann, der neben dem Sofa, auf dem Frau Gabriellis Leiche lag, unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. Sogar aus der Entfernung konnte ich die Schweißflecken auf seinem Hemd sehen. „Wer ist das?“, fragte ich. „Er hat uns verständigt. Komischer Name, Pulsifer heißt er.“
„Wie sieht es mit dem vorläufigen Befund aus?“, fragte ich weiter. „Der Routine-Bluttest vor Ort hat nichts Ungewöhnliches ergeben“, sagte der Arzt. „Nur ein hoher Troponinwert – ein Protein, das von den Herzzellen als Reaktion auf Schädigungen freigesetzt wird. Pulsifer meinte, das Opfer sei kurzatmig gewesen, als sie ihn gerufen hat. Beides deutet auf einen Gehirnschlag hin, der zu Atemdepression und Herzstillstand geführt hat. Sollen wir die Leiche in den Krankenwagen bringen?“
Ich ging hinüber zu Pulsifer und stellte mich vor. „Sind Sie mit dem Opfer verwandt?“, fragte ich ihn. „Nein“, sagte er. „Wir sind seit Jahren eng befreundet. Meine Mutter war ihre Haushälterin. Als sie starb, fühlte ich mich irgendwie verantwortlich. Frau Gabrielli war ja ganz allein. Sie hatte keine Freunde, nur ein oder zwei entfernte Verwandte im Süden.“ „Ideale Ausgangssituation“, meinte ich provozierend, mit Blick auf die Größe des Hauses und die offensichtliche Qualität der Möbel. „Sie werden nicht zufällig im Testament der alten Dame erwähnt, oder?“
Bevor Pulsifer antworten konnte, unterbrach uns der Arzt: „Frau Gabriellis Patientenakte ist von einem Verwandten freigegeben worden. Das sollten Sie sich ansehen.“ Er reichte mir sein Smartphone. Frau Gabrielli war sehr gesundheitsbewusst gewesen. Die Akte verzeichnete, dass sie sich 2015 einem kompletten Genom-Scan unterzogen hatte, der Prädispositionen für verschiedene Herzkrankheiten feststellte. Daraufhin hatte Frau Gabrielli offensichtlich ihren gesamten Lebensstil umgestellt – eine Musterpatientin. Ein Herzanfall schien also wenig plausibel.
Doch noch etwas anderes erregte meine Aufmerksamkeit: Vor nur einem Jahr wurde der alten Dame eine Netzhautprothese im rechten Auge eingesetzt, da sie unter Makula-Degeneration litt. Und das Implantat – ein hoch moderner Mikrochip, der direkt mit dem Sehnerv verbunden ist – wurde mit Speicherfunktionen ausgestattet. Auf den Chip konnte man sogar drahtlos zugreifen, um ihn zu warten oder zu aktualisieren. „Tolle Sache“, meinte ich zu dem Arzt. „Mal sehen, was er uns mitzuteilen hat.“ Ein paar Minuten später, nach einer weiteren Freigabe, konnten wir einen Zugangscode aus Frau Gabriellis Patientenakte herunterladen und mit meinem Smartphone auf die Daten des Chips zugreifen.
Schlüsselbilder aus den letzten 48 Stunden liefen wie ein Stummfilm im Schnelldurchlauf ab. Alles Alltagskram. Ideal für alte Leute, wenn sie vergessen haben, wo sie ihre Schlüssel deponierten – schon irgendwie verrückt, wenn man seine Erlebnisse der letzten beiden Tage erneut abspulen kann. Doch für uns natürlich sehr nützlich. Da, um 18.30 Uhr gestern abend, erschien Pulsifer auf den Bildern. Nach einigen Begrüßungsformalitäten holte er ein kleines, hübsch eingeschlagenes Paket aus seiner Jackentasche und überreichte es dem Opfer: ein Seidenschal. Pulsifer half Frau Gabrielli, ihn umzulegen. Dann war er verschwunden. Das Opfer saß daraufhin auf dem Sofa und schlief schließlich ein. Das einzige weitere aufgezeichnete Ereignis war ihr Anruf bei Pulsifer am Morgen, kurz bevor sie starb.
Etwas stimmte nicht. Ich sah auf Frau Gabrielli hinab. Da war das Halstuch in zartem Rosa mit dezentem Blumenmuster. Genau nach dem Geschmack einer älteren Dame. „Was war der Anlass für das Geschenk?“ fragte ich Pulsifer. „Kein bestimmter“, antwortete er. „Ich arbeite für einen Damenbekleidungsvertrieb, und Frau Gabrielli mochte schöne Dinge. Ich brachte ihr oft Geschenke aus unserer Kollektion, um ihr etwas Gutes zu tun.“
Ich kniete nieder und betrachtete das Tuch genauer. Es war mit dunkelrosafarbenem Stoff gefüttert. Ich öffnete ein Päckchen mit sterilen Handschuhen, um keine möglichen Beweise zu verunreinigen, und schob den Schal dort einige Millimeter zurück, wo er mit der Haut in Kontakt gekommen war. Dann zog ich eine flexible, antennenförmige Düse aus meinem Smartphone, aktivierte die Saugfunktion und führte den Düsenkopf über die weiche Haut.
Ich wusste, dass nun bestimmte „Fängermoleküle“ im Gerät nanometerfeine Partikel der Haut und des Schals aufnehmen und dass sie dann elektrische Signale an einen darunterliegenden Mikrochip weitergeben würden, der die Informationen verarbeitet, mit einer Online-Datenbank abgleicht und schließlich eine grafische Darstellung der gefundenen Moleküle erzeugt. Diese Technologie spart Ermittlungszeit und liefert zuverlässige und gerichtstaugliche Ergebnisse.
In Sekunden erschien auf dem Display ein langer roter Balken mit der Kennzeichnung „Fentanyl“. Wie Ihnen jeder aus meinem Arbeitsgebiet bestätigen kann, ist Fentanyl ein starkes und potenziell tödliches Schmerzmittel. In Pulverform kann es über die Haut aufgenommen werden. Einmal im Körper, ist die Wirkung irreversibel. Allgemein gesagt, atmet das Opfer immer weniger Kohlendioxid aus. Das Gas bleibt im Körper, was zu fortschreitender Kurzatmigkeit und den äußeren Anzeichen eines Gehirnschlags führt.
Ich stand auf und sah Pulsifer direkt in die Augen. Er wandte sich ab. „Warum haben Sie das getan?“, fragte ich ihn kopfschüttelnd, nachdem ich ihm Handschellen angelegt hatte. Trotz der kühlen Morgenluft war Pulsifers Gesicht mit Schweißperlen überdeckt. Seine Augen röteten sich und ich sah, dass er aufgab. „Sie behandelte mich wie ihren Sohn“, flüsterte er. „Aber sie wollte immer mehr Zeit von mir. Schließlich begann sie zu quengeln, dass ich bei ihr einziehen sollte. Das konnte ich nicht, aber verlassen konnte ich sie auch nicht. Also wollte ich ihr etwas schenken, das sie bis ans Lebensende glücklich machte.“
Arthur F. Pease