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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Singapur setzt auf effiziente Systeme, etwa zur Meer wasserentsalzung.

Im Siemens-Zentrum „City of the Future” lässt sich üben, wie Städte nachhaltig wirtschaften können.

Im Siemens-Zentrum „City of the Future” lässt sich üben, wie Städte nachhaltig wirtschaften können.

Lebendes Labor

Singapur ist eine der reichsten Städte der Welt - nicht nur an
Geld, sondern auch an
Ideen zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Siemens begleitet den Stadtstaat auf seinem Weg in eine grüne Zukunft - seit über 100 Jahren.

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Image Im Siemens-Zentrum „City of the Future” lässt sich üben, wie Städte nachhaltig wirtschaften können.

"Internationale Unternehmen können Singapur als Experi-
mentierfeld für nachhaltige Technologien nutzen."

Als Singapurs Premierminister Lee Kuan Yew Ende der 60er-Jahre von einem Auslandsbesuch zurückkehrte, reifte in ihm eine weise Erkenntnis: Sein Stadtstaat müsse sich von den grauen Metropolen in aller Welt unterscheiden, um eine Zukunft zu haben. Lees einfaches Rezept für Wohlstand und Entwicklung: Bäume pflanzen.

Rund 40 Jahre später ist aus dem ehemaligen Entwicklungsland ein internationales Handels und Finanzzentrum geworden. In der schwülwarmen Metropole drängen sich auf einer Fläche kleiner als Hamburg fünf Millionen Menschen. Trotzdem oder gerade deshalb ist Nachhaltigkeit einer der wichtigsten Standortfaktoren. So haben die Grünflächen seit 1986 um 50 Prozent zugenommen, obwohl auch die Bevölkerung um 70 Prozent gewachsen ist – diese Kombination unterscheidet die „Schweiz Asiens“ von nahezu allen anderen Millionenstädten auf der Welt. „Anders zu sein ist wegen unserer begrenzten Größe lebenswichtig“, sagt Andrew Tan, Leiter der Umweltbehörde Singapurs. „Eine funktionierende Stadt in einer intakten Umwelt bietet einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil.“

Im Gegensatz zu anderen asiatischen Metropolen hat sich Singapur zu einer Gartenstadt entwickelt. Zwischen den Häuserschluchten dominiert eine Vielzahl exotischer Pflanzen. Straßen sind gesäumt von Bäumen, und wenige Kilometer vom Zentrum entfernt wächst üppiger Regenwald, der mehr Baumarten beherbergt als der nordamerikanische Kontinent. Bis 2020 will die Stadtverwaltung die grüne Lunge Singapurs um weitere 900 Hektar ausbauen. Mangels Platz sollen die Bäume buchstäblich in den Himmel wachsen. „Wir haben ein Programm aufgelegt, das Grünflächen auf Hochhäusern fördert“, erklärt Richard Hoo von der Stadtentwicklungsbehörde. „Bis 2030 sollen auf Gebäuden 50 Hektar bepflanzt sein, auf Dächern ebenso wie auf Fassaden oder Balkonen.“ Die „hängenden Gärten“ von Singapur sollen dabei auch als natürliche Klimaanlage dienen – je nach Größe der Bepflanzung lässt sich damit die Umgebungstemperatur um bis zu vier Grad Celsius senken. Die Gartenstadt muss allerdings auch bewässert werden. Dafür ist Singapur von einem 7.000 Kilometer großen Netzwerk aus Kanälen und Abflussgräben durchzogen, die die flutartigen Tropenschauer zu 15 großen Reservoiren transportieren, wo das Wasser gespeichert und aufbereitet wird und die zudem als Naherholungsgebiet dienen. Das jüngste Projekt heißt Marina Barrage, das Hochwasserschutz, Regenspeicher und Freizeitattraktion in einem sein soll. Mangels ausreichender Ressourcen stillt Singapur seinen Durst neben der Regenernte auch mit Wasserimporten sowie mit „NEWater“ – dem Recycling von Brauchwasser – und teuren, energieintensiven Meerwasserentsalzungsanlagen. Effizienz ist hier Trumpf. „Für uns ist es extrem wichtig, Prozesse zu finden, die die gleiche Menge aufbereitetes Wasser produzieren, aber dabei weniger Energie brauchen“, betont Yap Kheng Guan, Direktor der Stadtwerke.

Technologien etwa, wie sie Siemens Water Technologies in Singapur entwickelt. Bereits im Jahr 2002 hat das Unternehmen ein neues Membranfiltersystem in der NEWater-Kläranlage Kranji im Norden der Insel installiert. Dort verwandelt es täglich 80.000 Kubikmeter Abwasser in hochreines Nass, hauptsächlich für die Halbleiter-Industrie (siehe Artikel „Singapur - Pionier für High-Tech-Infrastruktur“, Pictures of the Future 2/2006). Künftig könnte ein weiteres bahnbrechendes Verfahren für Furore sorgen. Im Oktober 2010 will Siemens im Stadtstaat eine Pilotanlage in Betrieb nehmen, die 50 Kubikmeter Meerwasser mit Hilfe elektrischer Felder hocheffizient entsalzen kann – und dabei über 50 Prozent weniger Energie verbraucht als die besten herkömmlichen Technologien (siehe Artikel „Innovationsquelle in Singapur“, Pictures of the Future 2/2008). Und in den Siemens-Labors in Singapur tüfteln Forscher schon an der nächsten Innovation. „Wir arbeiten an einer Technologie zur Abwasserbehandlung, die viel weniger Strom benötigt als konventionelle Verfahren“, erklärt Dr. Rüdiger Knauf von Siemens Water Technologies. „Dabei wird Kohlenstoff aus dem Abwasser an Mikroorganismen gebunden, die später in Biogas umgewandelt werden.“ Damit lasse sich Strom erzeugen. „Am Ende“, so Knauf, „soll der Nettoenergieverbrauch nahezu Null sein.“

Grünes Testfeld. Die Entwicklung grüner Technologien ist für Singapur ebenso Notwendigkeit wie Chance. So soll der Cleantech-Sektor laut Stadtverwaltung bis 2015 rund 1,6 Milliarden Euro umsetzen und 18.000 Arbeitsplätze schaffen. „Künftig wollen wir eine weltweite Drehscheibe für die Entwicklung und Fertigung von grünen Technologien sein“, sagt Manohar Khiatani, CEO der JTC Corporation, die im Inselstaat für die Entwicklung von Gewerbegebieten zuständig ist. Um den Cleantech-Firmen ein geeignetes Umfeld und eine Testumgebung für ihre Innovationen zu bieten, baut JTC derzeit einen „grünen“ Industriepark. In ihm sind alle Gebäude mit bepflanzten Strukturen verbunden – das soll unter anderem die Temperaturen im gesamten Komplex senken.

„Unternehmen werden künftig nicht umhin kommen, sich in Richtung Umweltverträglichkeit zu entwickeln“, glaubt Khiatani. „Unser CleanTech Park soll hierfür ein Symbol sein.“ Von der grünen Revolution verspricht sich Singapur nicht nur wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch neue Ideen, wie sich ein hohes Bevölkerungswachstum, Nachhaltigkeit und begrenzter Platz in Einklang bringen lassen – etwa mit der Strategie des lebenden Labors (siehe Interview „Leitmarkt für Nachhaltigkeit“). Dabei können internationale Unternehmen die Stadt als Experimentierfeld für nachhaltige Technologien nutzen, diese zur Marktreife entwickeln und dafür Fördergelder in Anspruch nehmen. Verspricht die Innovation eine Lösung für Singapurs Bedürfnisse – wie es Siemens bei der Wasserversorgung gelungen ist –, wird sie übernommen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Singapur bei der Energieversorgung. Derzeit liefern Gaskraftwerke 80 Prozent des Stroms. Um sich künftig unabhängiger von Gaslieferungen zu machen, setzt der Stadtstaat auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien wie Solarstrom. Als Testfeld soll nun ein kleines Smart Grid aufgebaut werden, mit 5.000 intelligenten Stromzählern. „Wir wollen untersuchen, wie sich der zunehmende Sonnenstrom ins Netz integrieren lässt und wie die Bürger mit einem Smart Grid ihren Stromverbrauch optimieren können“, erklärt Lawrence Wong, Leiter der Energiebehörde. Neben smarten Energienetzen setzt die Stadtverwaltung zudem auf Elektroautos. Derzeit wird in Singapur ein Netzwerk an Ladestationen aufgebaut, an dem noch 2010 die ersten Stromer auftanken sollen. „Beide Projekte“, so Wong, „sollen uns auf die Zukunft vorbereiten.“

Nachhaltig haushalten. Um die Zukunft von Metropolen geht es auch in der „City of the Future“, dem globalen Kompetenzzentrum für Stadtentwicklung von Siemens in Singapur. Dort können sich Entscheidungsträger aus aller Welt über Lösungen für Städte informieren – und Erkenntnisse sammeln, wie sich Städtewachstum managen und nachhaltiger gestalten lässt. „Wir haben etwa ein interaktives Spiel entwickelt, bei dem die Besucher eine virtuelle Stadt verwalten“, sagt Klaus Heidinger, der das Kompetenzzentrum leitet. Dabei kümmern sich je vier Spieler über einen simulierten Zeitraum von 50 Jahren um das Wohl ihrer Metropole. „Ohne Teamarbeit ist man hier schnell auf der Verliererstraße“, weiß Heidinger.

Verlieren bedeutet dabei, den Bankrott der virtuellen Stadt in Kauf zu nehmen – was schnell passieren kann: Baut etwa ein Spieler, der die Verkehrsinfrastruktur verwaltet, zu viele Straßen, steigt der Umweltverschmutzungsgrad, zugleich sinkt der Index für Lebensqualität. Zieht sein Mitspieler nicht fix genug die Notbremse und errichtet beispielsweise grüne Kraftwerke, die das Mehr an Emissionen ausgleichen, kollabiert die City und geht pleite. Selbst manch echter Bürgermeister hätte beim Spiel seine Mühe gehabt, sagt Heidinger. Vor allem, wenn er keine schnellen Entscheidungen getroffen hätte. Genau diese soll eine weitere Siemens-Anwendung erleichtern, die im Kompetenzzentrum entwickelt wurde. Das „City Cockpit“ ist eine Software-Lösung, mit der sich Entscheidungsträger die aktuellen Daten ihrer Stadt auf einem PC anzeigen lassen können: von der Feinstaubbelastung bis zu den Steuereinnahmen. „Damit lässt sich nahezu jedes Problem einer Stadt in nur zwei Minuten auf den Punkt bringen“, freut sich Heidinger.

Rasantes Wachstum und schnelle Entscheidungen beherrschen die Singapurer vorzüglich, wenn es darum geht, ihre Stadt fit für die Zukunft zu machen. Ebenso legen sie aber auch Wert auf Entschleunigung, zumindest einmal im Jahr. Dann pflanzt der Premierminister in der Millionenmetropole traditionell einen Baum – genau wie es der Gründungsvater Lee Kuan Yew vor rund 40 Jahren zum ersten Mal praktiziert hat.

Florian Martini