ein anderes System umschalten"
Professor emeritus
Dennis L. Meadows (67)
ist Mitautor des Buches "Die Grenzen des Wachstums".
Bereits 1972 mahnte er, dass unser wachtumsbasiertes Wirtschaftsmodell zwischen 2010 und 2050 mit der Endlichkeit der Ressourcen in Konflikt geraten würde. Seine Bücher, die in 30 Sprachen veröffentlicht und mehr als 30 Millionen Mal verkauft wurden, lösten große Kontroversen aus. Meadows hat einen Bachelor-Abschluss in Chemie und erwarb seinen PhD im Bereich Management am Massachusetts of Technology in Cambridge, USA.
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Wie definieren Sie nachhaltige Entwicklung?
Meadows Meiner Meinung nach ist das ein unsinniger Begriff. Für viele Menschen scheint „Entwicklung“ zu bedeuten, so weiterzumachen wie in den vergangenen 100 Jahren: in großem Stil Ressourcen verbrauchen und unsere Umwelt verschmutzen. Und indem wir das Attribut „nachhaltig“ hinzufügen, lösen sich die schädlichen Aspekte in Luft auf. Ich bevorzuge deshalb den Begriff „Belastbarkeit“. Dabei geht es darum, wie ein Unternehmen, eine Stadt oder ein Land strukturiert sein müssen, um trotz größerer Erschütterungen weiter funktionieren zu können – das macht ein System nachhaltiger.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Meadows Das Finanzsystem ist nicht sehr belastbar. Es wurde so strukturiert, dass sich auch geringe Preisschwankungen in den USA schädlich auf die Banken und die Wirtschaft anderer Länder auswirken. Ein gutes Beispiel für ein fragiles System, das verändert werden muss.
Gibt es Analogien zwischen der Finanz- und der Umweltkrise, auf die wir zusteuern?
Meadows Ja, systematisch betrachtet werden die Auswirkungen der Umweltkrise ähnlich sein wie die der Finanzkrise. Genau wie die Finanzkrise werden Klimawandel und Energieknappheit nicht geordnet ablaufen. Irgendwann in absehbarer Zukunft wird es zu Störungen kommen, die uns in Krisen stürzen. Ich hoffe, wir werden damit besser fertig als mit der Finanzkrise. Um uns darauf vorzubereiten, müssen wir vor allem in einem weiteren Zeithorizont denken. Und sicherlich müssen wir auch neue Technologien entwickeln. Wir dürfen aber nicht glauben, dass Technik alleine unsere Probleme löst. Hunger, Klimawandel, Ungleichheit, Konflikte, Raubbau an den Energiereserven, sinkende Grundwasserspiegel – all das resultiert aus unserem Wertesystem und unserem Verhalten. Wenn wir sie nicht ändern, werden uns diese Probleme erhalten bleiben. Technik ist wichtig, aber sie ist nur ein Werkzeug, das uns hilft, unsere Ziele zu erreichen. Entscheidend ist, dass wir diese Ziele überdenken. Letztlich ist dabei jeder Einzelne gefordert.
Wie kann man das schaffen?
Meadows Wenn ich jemanden dazu bewegen will, sich auf Veränderungen einzulassen, muss ich ihm als erstes Werkzeuge an die Hand geben, mit denen er die Auswirkungen seines Handelns messen kann. Ich verweise ihn etwa auf eine Webseite, auf der er seine Ökobilanz berechnen kann, oder wie viel Energie nötig ist, um sein Essen herzustellen. Erst wenn die Menschen die Konsequenzen ihres Handelns begreifen, können sie ein Interesse dafür entwickeln, dieses Handeln zu verändern.
Inwieweit haben Sie Ihr eigenes Leben verändert?
Meadows Der wertvollste Beitrag, den ich leisten könnte, wäre, nicht mehr mit dem Flugzeug zu reisen. Doch ich fliege nach wie vor. Die Flüge belasten meine Ökobilanz am stärksten. Ansonsten habe ich einiges getan: Ich habe mein Haus auf Energieeffizienz getrimmt, ich heize mit Sonnenenergie und Holz. Wenn ich ein Auto kaufe, fahre ich es zehn bis 15 Jahre, statt alle paar Jahre zu wechseln. Und ich habe das Prinzip eingeführt, für jede Neuanschaffung etwas Vorhandenes wegzugeben. Das macht es enorm schwer, einfach etwas zu kaufen. Das sind alles triviale Dinge, die aber in Summe wichtige Veränderungen bringen können.
Müssen wir beim Energieverbrauch den Gürtel enger schnallen?
Meadows Es hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, wenn fünf Prozent der Weltbevölkerung den Löwenanteil an Energie und Ressourcen verbrauchen, während zwei Milliarden Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen müssen. In traditionellen Gesellschaften wurde Energie hauptsächlich in Form von Nahrungsmitteln verbraucht. 80 Prozent der Bevölkerung waren mit der „Energieerzeugung“ beschäftigt, bei der Jagd oder in der Landwirtschaft. Öl ist heute relativ billig. Diejenigen, die in der Energiegewinnung tätig sind, etwa auf einer Bohrinsel, stellen nur einen winzigen Teil der Gesamtbevölkerung dar. Die anderen können Professoren, Journalisten oder Sportler sein. Doch uns wird die Energie ausgehen, und wir müssen irgendwann auf ein anderes System umschalten. Es wird nicht wie im finsteren Mittelalter sein. Aber es wird eine Gesellschaft sein, in der weit mehr als ein Prozent der Bevölkerung in der Energieerzeugung arbeiten muss. Damit diese Umstellung nicht zu heftig wird, sollten wir uns gut darauf vorbereiten.
Kann eine solche Umstellung ohne Turbulenzen vonstatten gehen?
Meadows Ehrlich gesagt, nein. Ich rechne damit, dass es zu schweren Verwerfungen kommt – viel schwerer etwa als bei der jüngsten Finanzkrise. Ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden 20 Jahren größere Umwälzungen erleben werden als im ganzen letzten Jahrhundert.