Laut dem „European Green City Index“ ist Kopenhagen derzeit die umweltfreundlichste Metropole Europas. Dass sie sich gegen 29 andere Großstädte durchsetzen konnte, liegt vor allem an der Fülle von Energiespar- und Klimaschutzmaßnahmen, die die dänische Hauptstadt auf den Weg gebracht hat.
„Grünes Gold” für Kopenhagen: Dank Förderung des öffentlichen Nahverkehrs, energieeffizienter Gebäude und dem Fokus auf Windstrom ist die dänische Metropole die umweltfreundlichste Stadt Europas.
zum Jahr 2025 komplett Kohlendioxid-frei machen."
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Dass Kopenhagen grüner als andere Städte ist, sieht man auf den ersten Blick: Fahrräder. Die 520.000 Kopenhagener radeln mit Leidenschaft, selbst bei Nieselregen unter bleigrauem Himmel. Radler auf gewöhnlichen Zweirädern sausen auf den breiten Fahrradspuren in der Innenstadt ebenso vorüber wie Fahrräder mit Anhänger und sogar sportliche Lastendreiräder mit Transportbox, in der Kinder sitzen oder sich Einkaufstüten stapeln. „Wenn man Bilder aus den 1930er- Jahren betrachtet, sieht man ein ganz ähnliches Bild“, sagt Peter Elsman, Vizefinanzdirektor der Stadt Kopenhagen. „Damals hatten nur wenige das Geld, um sich ein Auto zu leisten, heute gehört das Fahrrad in Kopenhagen einfach dazu: Fast 40 Prozent der Bevölkerung pendelt täglich mit dem Rad zur Arbeit oder zur Uni.“
Die Räder sind wie ein Symbol für das, was der Tagungsort des UN-Klimagipfels 2009 derzeit tatsächlich ist: die grünste Stadt Europas. Im Dezember stellte Siemens gemeinsam mit dem englischen „Economist“ während des Klimagipfels den „European Green City Index“ vor (siehe Artikel „Die grünsten Städte Europas“). Dass Kopenhagen auf der Spitzenposition landete, liegt freilich nicht allein an den Fahrrädern. Es ist die Summe an Umweltmaßnahmen, die Kopenhagen knapp vor Stockholm auf Rang 1 befördert hat.
Weltweit einzigartig ist das Kopenhagener Fernwärmesystem. 98 Prozent aller Haushalte werden mit Wärme aus einem großen Kraftwerk versorgt. Dieses System ist ausgesprochen effizient, denn die Hitze wird zusammen mit der Elektrizität zentral im Kraftwerk produziert und nicht in Heizungsanlagen in den Wohnhäusern. Auf diese Weise erreicht man im Kraftwerk Gesamtwirkungsgrade von mindestens 90 Prozent und spart sich zudem die privaten Feuerungsanlagen. 1925 hatte die Stadt begonnen, Doppelröhren für Heißdampf zu verlegen, zunächst um die Krankenhäuser mit Dampf für die Sterilisation des Operationsbestecks zu versorgen. Heute gibt es 1.500 Kilometer an Doppelleitungen, in denen Heißdampf und Heißwasser zu den Haushalten und von dort zurück ins Kraftwerk rauschen.
Über viele Jahre wurde das Zentralkraftwerk, das nicht nur Kopenhagen, sondern auch mehrere Gemeinden im Umland versorgt, vor allem mit Kohle beheizt. Diese Zeiten sind vorbei. Block 1 des Kraftwerks wurde inzwischen auf umweltfreundliche und CO2-neutrale Holzpellet- Feuerung umgestellt, die in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) betrieben wird. Ein weiterer Block soll in Kürze umgestellt werden.
Windstrom gegen CO2. Aber nicht nur mit der KWK-Anlage erzeugt Kopenhagen seinen Strom, sondern auch mit der Windkraft, die inzwischen bereits im Durchschnitt ein Fünftel des Stroms von Dänemark produziert. Seit fast zehn Jahren drehen sich im Offshore-Windpark Middelgrunden wenige Kilometer vor der Stadt 20 Rotoren des Herstellers Bonus, heute ein Teil von Siemens Wind Power. Jedes Windrad kann bei Volllast zwei Megawatt liefern – insgesamt reicht das für rund 40.000 Haushalte.
Einen Steinwurf entfernt ging im Sommer 2008 der Windpark Lillgrund in Betrieb. Wer über die Öresund-Brücke fährt, die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, sieht 48 weiße Rotoren im Meer stehen. Sie bringen eine Leistung von 110 Megawatt. Siemens hat nicht nur diese Turbinen, sondern auch eine Trafostation ins Meer gepflanzt, die wie eine dicke Säule aus den Wellen ragt. Dieser Transformator sammelt den Strom der Anlagen und speist ihn in das schwedische Stromnetz ein, das mit dem dänischen verbunden ist. Auch Kopenhagen will weitere Windparks auf dem Stadtgebiet und in der Ostsee errichten.
„Wir wollen uns aber nicht auf den bisherigen Erfolgen ausruhen“, sagte Ritt Bjerregaard, bis Ende 2009 Oberbürgermeisterin von Kopenhagen, anlässlich der Preisverleihung zum European Green City Index (Bild oben links). Sie verkündete ein ehrgeiziges Ziel: „Wir wollen Kopenhagen bis zum Jahr 2025 CO2-frei machen.“
CO2-frei, das heißt in diesem Fall, dass der derzeitige Ausstoß von jährlich 2,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid mit den bereits umgesetzten und den fest eingeplanten Maßnahmen bis 2025 um 1,15 Millionen Tonnen verringert werden soll. Die übrigen CO2-Mengen möchte die Stadt durch weitere Projekte wie etwa neue Windparks und durch das Pflanzen von Wäldern ausgleichen. Das ambitionierte Ziel scheint durchaus erreichbar zu sein. Das zeigt die Bilanz der letzten Jahre: Während in vielen anderen Metropolen der Welt der CO2- Ausstoß noch immer wächst, wurden die sowieso schon geringen Emissionen der dänischen Hauptstadt seit 1990 um weitere 20 Prozent reduziert.
Das Maßnahmenbündel Kopenhagens erstreckt sich auch auf den Verkehr. So fahren die Busse des Innenstadt-Busrings bereits elektrisch. Das reduziert in den engen Gassen zugleich Lärm und Abgas. Bald soll der gesamte Fuhrpark der Stadtverwaltung auf Elektro- und Hybridantrieb umgestellt werden – immerhin 600 Fahrzeuge.
Außerdem wird man den gesamten Bestand der öffentlichen Gebäude energetisch sanieren. Die Stadtverwaltung hat einen konkreten Klimaplan verabschiedet – und damit einstimmig die Marschroute bis 2025 festgelegt.
Zum Plan gehört der Bau eines neuen Metro- Rings, der die südlichen Stadtteile bis 2018 an das Schienennetz anbinden soll. Bereits heute wohnt fast jeder Kopenhagener nicht weiter als 350 Meter von einer Station des öffentlichen Nahverkehrs entfernt. Auf einem alten Hafengelände entsteht in den nächsten Jahren zudem der neue Stadtteil Nordhavn mit Wohnraum für 40.000 Menschen. Die Gebäude werden nach hohen Energieeffizienzstandards errichtet, und der Stadtteil wird so geplant, dass sich Wohn-, Arbeits- und Einkaufsraum mischen. Damit entsteht ein Quartier der kurzen Wege, in dem man viele Strecken auch zu Fuß bewältigen kann.
Vorfahrt fürs Klima. Die Siemens-Tochter Osram hat ein renoviertes Industriegebäude mit Leuchtdioden (LED) ausgestattet und zaubert damit heimelige Atmosphäre in die ehemaligen Büroräume, die künftig für Kulturveranstaltungen genutzt werden sollen. Im Erdgeschoss wurden 144 LED-Lampen integriert, die mit insgesamt 190 Watt nur etwa halb so viel Leistung wie herkömmliche Halogen-Spots benötigen. Im selben Stadtviertel hat Osram zudem eine Straße mit LED-Laternen ausgestattet.
Auch während des Klimagipfels erstrahlten eindrucksvolle energiesparende Licht-Objekte, etwa der mit mehreren Hundert Leuchtdioden erhellte Weihnachtsbaum auf dem Rathausplatz (siehe Bild oben), der an Fahrrad-Ergometer gekoppelt war. Je schneller die Besucher in die Pedale traten, desto heller leuchteten die LEDs. Während der Eröffnungsrede nannte Oberbürgermeisterin Bjerregaard, die Tanne denn auch scherzhaft den „grünsten Weihnachtsbaum der Welt.“
Bis 2025 hat Kopenhagen noch manches vor. Ritt Bjerregaard ist es besonders wichtig, dass die Einwohner die Maßnahmen unterstützen: „Ein großer Teil unserer CO2-Emissionen wird durch die Kopenhagener selbst verursacht. Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, müssen die Einwohner ihre Verhaltensweisen ändern. Motivations-Kampagnen können dies fördern, aber wir wollen auch die Bewohner unserer Stadt bei der Entwicklung von Lösungen direkt mit einbinden.“ Da ein Fünftel der CO2-Emissionen auf den Verkehr zurückzuführen ist, soll auch die Zahl der Radler weiter steigen. Deshalb sorgt die Stadt dafür, dass die Pedaleure es künftig noch komfortabler und sicherer haben, etwa mit überdachten Fahrradwegen und Stellplätzen. Seit Herbst 2009 gibt es in der Innenstadt sogar in die Straße eingelassene Warnleuchten, die abbiegende Lkw-Fahrer vor Radlern im toten Winkel warnen. Nähert sich von hinten ein Radfahrer, blinken die Warnlampen auf. Man sieht: Die Radfahrer werden ernst genommen in Kopenhagen – ein Grund mehr aufs Rad zu umsteigen.