Eine bessere Gebäudeisolierung und neue Strukturen in der Energieerzeugung können den russischen Primärenergie-
verbrauch erheblich senken, besagt eine Studie zur Energie-
effizienz von Jekaterinburg. Siemens-Technologie macht viele der Einsparungen möglich.
Russischer Energiehunger: Jekaterinburg verbraucht zu viel Energie. Neue Strukturen und Technologien – etwa Turbinen von Siemens – könnten 44 Prozent Energie ein sparen helfen.
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Dampfschwaden steigen neben den meterdicken Metallrohren der Fernheizungsleitung in den Himmel. In der klirrend kalten Luft ähneln die Wölkchen riesigen Wattebauschen. Was wie ein märchenhafter Wintertraum aussieht, ist teure Verschwendung. Durch Lecks geht hier wie auch an anderen Stellen eine große Menge heißen Wassers verloren; die russischen Fernheizungssysteme, die sich in fast allen größeren Städten finden, sind teils über 50 Jahre alt – und sie arbeiten deutlich weniger effizient, als sie könnten.
Der Verschwendung hat die russische Regierung nun den Kampf angesagt: Bis zum Jahr 2020 soll der Primärenergieverbrauch des ganzen Landes um 40 Prozent reduziert werden, bezogen auf das Jahr 2007. Wie das klappen kann, zeigt eine Studie zum Energieverbrauch und zum Einsparpotenzial der Stadt Jekaterinburg, mit 1,3 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Russlands.
Siemens analysierte gemeinsam mit Siemens Management Consulting und BASF – sowie unterstützt durch die Stadt Jekaterinburg und den Verwaltungsbezirk Swerdlowsk – den aktuellen Verbrauch der Stadt und bezifferte Kosten und Einsparmöglichkeiten durch verschiedene Maßnahmen: etwa den Einbau von Thermostaten an Heizungen, Gebäudeisolierungen oder den Einsatz von energieeffizienteren Leuchtmitteln. Setzte man nur die Maßnahmen mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis um, so würde eine Investition von 3,6 Milliarden Euro eine Primärenergie- Einsparung von 44 Prozent ermöglichen.
Kraftwerk in der Stadt. Besonders lohnend, so das Ergebnis, ist die Nachrüstung und Isolierung von Gebäuden. Allein der Einbau von Heizungsreglern könnte das Äquivalent von 3,8 Terawattstunden (TWh) Primärenergie pro Jahr sparen – bisher gelten beim Heizen in Russland oft die einfachen Regeln „Heizung an oder aus“ und „Kühlen durch Fenster öffnen“. Die Investition wäre hier binnen weniger Monate wieder eingespielt. Ein anderer wichtiger Hebel ist der Umbau der Strukturen der Energieerzeugung. „In vielen russischen Städten wird das Wasser für die Fernheizung in gasbefeuerten Boiler- Häusern erhitzt, mitten in der Stadt“, erklärt Alexander Gushchin, der regionale Verkaufsleiter bei Siemens Industrial Power Oil and Gas in Moskau. „Der Strom wird dagegen in stadtnahen Kraftwerken produziert. Würde man jedoch Gas- und Dampfturbinenkraftwerke im Stadtzentrum bauen, könnte man auf energieeffiziente Weise gleichzeitig Strom und heißes Wasser produzieren.“
Große Kraftwerke mitten in Metropolen, die ohnehin schon von Umweltverschmutzung geplagt sind? In Moskau ging man genau diesen Weg: Das neue Geschäftszentrum Moscow International Business Center (MIBC) – es ähnelt den Geschäftsvierteln Canary Wharf in London und La Défense in Paris – benötigte mehr Strom und Heißwasser, als das öffentliche Netz bereitstellen könnte. Um diese Stadt in der Stadt zu versorgen, wurde mit einem privaten Investor in der Nähe eines Wohnviertels das Kraftwerk „Moscow City“ gebaut. Möglich ist dies aufgrund der relativ niedrigen Emissionswerte von Gas- und Dampfturbinenkraftwerken (GuD). Im Kraftwerk arbeiten zwei Siemens-Gasturbinen SGT-800.
In zahlreichen weiteren Städten sieht Gushchin Einsatzmöglichkeiten. „Schaltet man, wie in Moscow City, vor die Dampfturbine noch eine Gasturbine, so erreichen wir eine energetische Gesamteffizienz von annähernd 90 Prozent“, erklärt der Ingenieur. Boilerhäuser können zwar auch eine ähnlich hohe Effizienz erreichen, aber die Stromerzeugung vor den Toren der Stadt ist derzeit weit weniger effizient. Bei den weit verbreiteten, in die Jahre gekommenen Dampfturbinen-Kraftwerken, liegt der Wirkungsgrad bei rund 35 Prozent. „Ersetzt man bestehende Boilerhäuser durch GuDKraftwerke, lässt sich die gleiche Menge Heißwasser und Strom mit 30 bis 40 Prozent weniger Gaseinsatz erzeugen“, erklärt Gushchin. Wichtigste Faktoren sind dabei die im Vergleich sehr viel effizientere Stromerzeugung in modernen GuD-Anlagen und die Nutzung der Abwärme.
In Jekaterinburg, so die Studie, lässt sich mit diesem Modell Primärenergie äquivalent zu 5,7 TWh pro Jahr einsparen. Würde man dann noch allerorten die Lecks in den Fernheizungsrohren schließen, wären die ehrgeizigen russischen Energiesparziele leichter erreichbar. Die zauberhaften, winterlichen Dampfwölkchen würden dann jedoch der Vergangenheit angehören.