San Francisco im
Jahr 2050 nicht
unter Wasser steht"
Paul Pelosi Jr. (41) ist Präsident der Umweltkommission von
San Francisco. Unter seiner Leitung führte die Stadt Energiesparprogramme ein, die den Verbrauch um 28 Megawatt reduzierten. Das Recycling wurde von 46 auf 70 Prozent gesteigert, der CO2-Ausstoß
ging gegenüber 1990 um
sechs Prozent zurück. Pelosi berät seit 15 Jahren Firmen
zu Finanzen, Infrastruktur und Nachhaltigkeit. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Geschichte und einen JD/MBA mit Schwerpunkt International Business.
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Was macht San Francisco für Sie attraktiv?
Pelosi: Ich liebe die Menschen und die offene Atmosphäre. Die Stadt ist so kompakt, dass ein Fußmarsch eine echte Alternative zur Autofahrt sein kann. Wenn es um Umweltthemen geht, trifft man hier viele Leute, die sich ernsthaft dafür interessieren und etwas verändern wollen.
Wahrscheinlich ist es viel einfacher, neue Umweltschutzmaßnahmen in San Francisco umzusetzen als im Rest der USA?
Pelosi: Ganz im Gegenteil. Es ist schwieriger, weil wir hier schon so viel erreicht haben. Wir recyceln, wir setzen zunehmend effiziente Technologien ein und wir nutzen wirtschaftliche Anreize, denn die Leute setzen energiesparende Techniken dann am liebsten ein, wenn sie zugleich Geld sparen. Die größten Brocken haben wir bewältigt. Die Zeit der schnellen Erfolge ist vorbei. Andernorts, etwa in Oklahoma, könnte man mit geringerem Einsatz noch große Fortschritte machen.
Sie haben früher als Banker gearbeitet. Erstellen Sie Kosten-Nutzen-Analysen, bevor Sie Umweltinitiativen starten?
Pelosi: Bevor wir eine Initiative umsetzen, führen wir normalerweise gründliche Analysen durch. So haben wir unsere Recyclingstrategie unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass wir sie stärker an der Dynamik der Märkte ausrichten müssen, damit sie nachhaltig ist. Abfall enthält wertvolle Stoffe, etwa Metalle, die sich wiedergewinnen lassen. Deren Preise schwanken jedoch stark. Das bedeutet ein Risiko, das kein privater Partner akzeptiert hätte. Deshalb haben wir mit Großhändlern – durch den Einsatz von Derivaten – stabile Abnahmepreise für die Metalle in unserem Abfall gesichert. Auf dieser Grundlage ließen sich Partner aus der Privatwirtschaft gewinnen, die sich nun um die operative Seite kümmern.
Wie kann Technologie dabei helfen, Umweltschäden zu vermindern?
Pelosi: Technologie ist ein Werkzeug. Wichtig ist, dass sie effektive Lösungen möglich macht. Bei den Themen Wasseraufbereitung und Energieeffizienz kommt mir da sofort das Siemens-Portfolio in den Sinn. Viele neue Technologien ebnen auch den Weg für eine stärkere Dezentralisierung, etwa das von Siemens propagierte Smart Grid. Es wird die Nutzung verschiedener Energiequellen erleichtern und den Gemeinden helfen, speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen zu entwickeln. Dadurch könnten eines Tages mehr und mehr Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. In San Francisco haben wir in den letzten beiden Jahren zwei solcher Kraftwerke vom Netz genommen.
Pro Kopf und Jahr verursachen die Einwohner von San Francisco nur die Hälfte der durchschnittlichen CO2-Emissionen der USA – ein großer Erfolg, aber immer noch doppelt so viel wie in Kopenhagen…
Pelosi: Dieser Unterschied wird sich im Laufe der Zeit verringern lassen, indem wir neue Technologien anwenden, die den Energieverbrauch reduzieren. Dabei können wir von erfolgreichen Beispielen aus Europa lernen, gerade im Hinblick auf Effizienzverbesserungen.
Wie sieht San Francisco im Jahr 2050 aus?
Pelosi: Wollen wir hoffen, dass es nicht unter Wasser steht! Denn wenn wir die CO2-Emissionen nicht drastisch zurückfahren, könnte genau das in einigen Stadtvierteln passieren. Wir werden unsere Abfallentsorgung zunehmend von Deponien auf Recycling umstellen, und die meisten Gebäude werden LEED-zertifiziert sein, also die hohen Standards nachhaltiger Bauweise erfüllen. Diese Gebäude werden auch angenehmere Arbeitsstätten sein, weil die Büros dann über mehr natürliches Licht und natürliche Belüftung verfügen. Die Stadt wird ihre Parks und Grünflächen pflegen. Sie werden Windturbinen in der Stadt sehen, ebenso Gezeiten- und Wellenkraftwerke. Elektroautos werden herumfahren, es wird einen besseren öffentlichen Nahverkehr geben und mehr Solaranlagen. Ich würde 2050 gerne in San Francisco leben – sofern die Stadt dann nicht unter Wasser steht.