Der Architekt Oscar Niemeyer (102) gilt als Verächter der geraden Linie: Bei den Gebäuden, die er in den 1950er-Jahren für die visionäre Retortenstadt Brasília entwarf, nutzte er neue Möglichkeiten des Stahlbetons für verblüffend gewagte, geschwungene Formen. Er ist einer der wenigen Architekten, die eine Stadt vom Reißbrett tatsächlich verwirk-
lichen konnten. Niemeyer prägte damit das Bild der brasilia-
nischen Architektur in der Welt. Er wurde 1907 als Sohn einer deutschstämmigen Familie in Rio de Janeiro geboren - ist also ein echter „Carioca“. In seinem Architekturstudio im neunten Stock eines Gebäudes an der Copacabana arbeitet er weiterhin täglich an seinen Projekten.
Rio im Jahr 2020
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Viele Brasilianer sind überzeugt, ihr Land erlebe einen „magischen Moment“: Die Wirtschaft wächst stabil, vor der Küste Rios fand man Erdöl und nun kommen auch noch die Olympischen Spiele in die Stadt…
Niemeyer: Ich sehe das genauso. Brasilien bietet theoretisch alles, was der Mensch zum Glücklichsein braucht, und seit einiger Zeit hat das Land auch noch ein stabiles politisches System mit einem fähigen Präsidenten. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 werden sehr wichtige und schöne Ereignisse für das Land und für Rio de Janeiro im Besonderen sein. Die Welt wird zu Gast sein und wir werden ihr zeigen, was wir können. Brasiliens Augenblick in der Weltgeschichte ist endlich gekommen.
Für die Stadtentwicklung von Rio bedeutet das Chancen und Risiken: Haben die Bewohner von Rio, die „Cariocas“, die Ressourcen, eine neue Vision der Stadt auch zu verwirklichen?
Niemeyer: Klar, Rio ist in der Lage, sich an die neue Situation anzupassen. Und bei einer Stadt, die schon jetzt so schön ist wie Rio, lohnt sich diese Mühe auch. Die große Herausforderung dabei ist es jedoch, Investitionen so zu gestalten, dass alle, auch die Armen, profitieren können. Wir werden intelligente Wege finden, die Infrastruktur so auszubauen, dass sie möglichst vielen Menschen zugute kommt. Und das schaffen wir auch: Übersehen Sie nicht den Enthusiasmus, der Brasilien derzeit beflügelt.
Ein großes Problem brasilianischer Städte ist das unkontrollierte Wachstum. Sind Ballungsräume mit 20 Millionen Einwohnern noch lebenswert?
Niemeyer: Heute leben rund zwölf Millionen Menschen im Großraum Rio. Das ungebremste Wachstum der großen Städte ist ein Riesenproblem, auch in Rio – allein schon, wenn man an die Umweltauswirkungen denkt. Logistische Fragen kommen hinzu: Wie will man für all diese Menschen beispielsweise Wasser bereitstellen? Eine isolierte Lösung kann es nicht geben, denn schließlich ist das Phänomen kein isoliertes Problem, es speist sich aus unterschiedlichsten Ursachen, vor allem sozialen. Deshalb kann es nicht den einen großen Wurf geben, die eine Vision zur Lösung der Probleme brasilianischer Städte.
Brasília, die Hauptstadt, sollte doch genau dieser große Wurf sein…
Niemeyer: Brasília war ein ganz anderer Fall: Die Stadt sollte als Vision für das ganze Land Fortschritt symbolisieren. Wir fanden einen leeren Raum vor, in dem wir sie verwirklichen konnten. Doch auch dort holt uns inzwischen die Wirklichkeit ein: Die Stadt, die wir seinerzeit bauten, war auf rund eine halbe Million Menschen ausgelegt, heute leben dort 2,5 Millionen. Das macht Brasília nicht zum geplatzten Traum. Aber die Wirklichkeit bricht eben selbst über Träume herein. Um die Probleme brasilianischer Städte zu lösen, hilft also nur die tägliche Mühe seitens der Stadtplaner und der Politiker, die Dinge Stück für Stück zu verbessern. Meine Hoffnung ist, dass am Ende humanere Städte stehen, mit einfacheren Strukturen.
Wie ließe sich Rio humaner gestalten?
Niemeyer: Die Antwort ist einfach: die Not in den Elendsvierteln, den Favelas, lindern. Ein menschenwürdiges Leben möglich machen, durch Investitionen, die den Menschen wirklich zugute kommen. Die Ansätze, die wir derzeit beobachten, sind nicht schlecht, auf nationaler Ebene, aber auch lokal. Wenn Sie mich fragen, welche drei Dinge ich an der Stadt ändern möchte, es wäre drei Mal dasselbe: die Armut lindern. Die Tatsache, dass Kinder, die am Stadtrand wohnen, Stunden bräuchten, um in eine öffentliche Schule zu gelangen – und deshalb einfach nicht in die Schule gehen – ist mit das Schlimmste. Die Infrastruktur muss den Menschen dienen und ihnen nahe sein. Die Kinos und Schulen müssen bei den Menschen sein. Ohne soziale Veränderungen werden wir diesen Weg aber nicht gehen können.
Welche Rolle spielen Innovation und moderne Technologie für Ihre Arbeit?
Niemeyer: Ich sehe das pragmatisch: Technologischer Fortschritt ist wichtig und wertvoll, wenn er den Menschen dient. Wenn ich etwa an die Arbeit für Brasília zurückdenke, dann muss ich sagen: Für uns Architekten war das Leben damals schwieriger als heute. Wenn wir vor 50 Jahren eine Kuppel mit einem Durchmesser von 40 Metern bauen wollten, dann war das zwar möglich, aber ein enormer Aufwand. Vor nicht allzu langer Zeit bauten wir eine solche Kuppel in Spanien. Das ging mühelos, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, so etwas herzustellen. Das hat vor allem mit Innovation und technischem Fortschritt zu tun.
Eine wichtige Neuerung für viele Architekten ist die zunehmende Bedeutung energieeffizienter Gebäude. Welche Rolle spielt das für Sie?
Niemeyer: Sicher, das ist die Zukunft. Architektur ist Teil der Gesellschaft und muss daher Verantwortung übernehmen, auch für ihre Folgen, etwa im Hinblick auf die Umwelt. In meinem Leben als Architekt spielte das aber noch eine geringere Rolle. Mein Anspruch war es, verantwortlich zu bauen, indem ich für eine Mehrheit baute, nicht nur für eine privilegierte Minderheit. Das merkt man den Gebäuden hoffentlich an. Aber inzwischen gehört ein Bewusstsein im Hinblick auf Energiesparen eben auch zur Verantwortung eines Architekten.
Woran arbeiten Sie gerade?
Niemeyer: Ich habe mächtig zu tun. Aber jetzt haben wir genug über Architektur gesprochen. Wissen Sie: Das Leben ist wichtiger, als die Architektur.